Louis Ziercke (1887 - 1945)

Jugendbildnis Louis Ziercke (um 1903)

1887    Ludwig Josef Ziercke erblickt am 9.April

            1887 als erstes von insgesamt sechs Kin-

            dern des Ehepaars Ludwig Christoph

            Ziercke (1852-1936) und seiner Frau

            Margareta, geborene Küpper, in Godes-

            berg das Licht der Welt.

            Der Vater stammt ursprünglich aus

            Parchim in Mecklenburg. Als Geselle

           "auf der Walz" bleibt er in Godeberg "hän-

            gen", gründet - nachdem er seinen "Meis-

            ter" gemacht hat - in Godesberg einen

            florierenden Malerbetrieb und beschäftigt

            schon bald bis zu 10 Mitarbeiter. Er wird

            Vorsitzender der Krankenkasse der Ma-

            lerinnung, Beirat in der Godesberger (Be-

            rufs-)Fortbildungsschule und ist politisch

            in der Bürgervertretung von Godesberg

            engagiert. Ludwig Christoph Ziercke - der

            Vater - ist ein ausgezeichneter - im Um-

            gang mit Farben überaus versierter Malermeister, der selbst auch ausge-

            zeichnet zeichnen und portraitieren kann. Wie einige aufgefundene Vorlagen-

            Pappen mit Vorentwürfen für verschiedene Geschäftskunden beweisen, be-

            steht eine seiner besonderen Spezialitäten denn auch in der Ausmalung von

            Godesberger Geschäften und Lokalen mit Wandbildern, die zeitgenös-

            sische Genreszenen mit adäquatem Godesberger Lokalkolorit verbinden. 

            Die Zierckes bewohnen ein großes, um 1900 neuerrichtetes Haus in der

            Godesberger Brunnenallee 8, in dessen Hinterhaus die Malerwerkstatt so-

            wie die Wohnungen der Malergesellen untergebracht sind. Der Vater ist

            evangelisch, die Mutter katholisch. Man lebt in gutbürgerlichen Verhältnissen.

            Ludwig Josef  Ziercke, der später zur Unterscheidung von seinem Vater

            Ludwig Christoph den Künstlernamen Louis Ziercke annehmen wird, wird 

            evangelisch getauft.

            Schon als kleines Kind wird dem kleinen Louis der rechte Umgang mit Pinsel

            und Farben anerzogen. Die "Werkstatt im Hof" ist fast mehr sein Zuhause,

            als die Wohnung der Eltern im Vorderhaus. Was Wunder, dass Louis - wie

            sein Vater -  "Dekorationsmaler" werden will.

1893    Zu Ostern 1893 wird Louis Ziercke in die Godesberger Volksschule einge-

            schult. Von dort wechselt er 1898 auf das Königliche Gymnasium (heute:

            Beethoven-Gymnasium) in Bonn. Er ist ein nur mäßig begabter Schüler,

            der seine besten Noten in Sport, Kunst und Musik erhält. Die gymnasiale

            Ausbildung ist wohl nicht das Richtige für den eher praktisch veranlagten

            Handwerkerssohn und so verläßt Louis Ziercke in der Quarta das könig-

            liche Gymnasium.

1902    Louis Ziercke ist 15 Jahre alt, als er sich an der Kunstgewerbeschule in

            Düsseldorf anmeldet. Zunächst muss er dort die einjährige Vorschule

            besuchen, die als wöchentlich ganztägige - berufsbildergänzende - Aus-

            bildung dafür sorgt, dass alle Schüler in etwa einheitliche Eingangsvoraus-

            setzungen für das nachfolgende Fachschulstudium aufweisen. Freihand-

            zeichnen, geometrisches Zeichnen und ornamentale Übungen wechseln

            sich mit theoretischen Fächern - vor allem Perspektivlehre, Schattenlehre,

            Gewandkunde und Farbenlehre ab. 1903 überrnimmt Peter Behrens die

            Leitung der Kunstgewerbeschule Düsseldorf. Er reformiert den Unterricht

            und stellt namhafte Künstler zu diesem Zweck als Lehrer ein.

1903/  Nach Abschluß der Vorschule besucht Louis Ziercke zunächst die Fach-

1904    klasse für Dekorationsmalerei bei Professor Ignaz Wagner (1854-1917),

            der ihn unter anderem in die Kunst der Theatermalerei und deren Gesetz-

            mäßigkeiten einführt. Louis wird später auf diese Kenntnisse bei den

           "Rheinischen Werkstätten für Bühnenkunst" zurückgreifen.

            Wahrscheinlich lernt Louis Ziercke bereits 1904 an der Kunstgewerbe-

            schule seinen Kollegen und späteren Freund Walther Rath kennen

            und auch eine persönliche Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen August

            Macke aus Bonn ist nicht unwahrscheinlich. (August Macke besucht zwar die

            Kunstakademie in Düsseldorf, ist aber über die "sture Kopier- und Ab-

            zeichnerei", die dort im Grundstudium verlangt wird, frustriert und nimmt

            daher regelmäßig an Nachmittags -und Abendkurse in der Kunstgewerbe-

            schule teil. Gut möglich, dass sich Louis und August dabei begegnet sind.

1904     Louis Ziercke wechselt von der "Dekorationsmalerei" hinüber in die neuein-

             gerichtete Fachklasse für "Flächen- und Graphische Kunst" zu Prof. Fritz

             Hellmut Ehmke (1878-1965). Der ist zum damaligen Zeitpunkt (noch)

             ganz dem Jugendstil verpflichtet, was sich (natürlich) auch in Louis Zierckes

             Arbeiten wiederspiegelt. Zusammen mit dem Studienkollegen Fritz

             Kaldenbach, der parallel zu ihm bei Prof. Johannes L.M. Lauweriks "Ge-

             brauchsgraphik" studiert, nimmt er an "Plakatausschreibungen" und "Stu-

             dentischen Studienwettbewerben" teil. Louis und Fritz bilden ein Gestal-

             tungsteam. Sie beteiligen sich mit kleineren graphischen Arbeiten an der

             III. Deutschen Kunstausstellung 1906 in Dresden. Der Erfolg läßt die beiden

             von einer gemeinsamen Karriere träumen.    

1906     Nach der dreijährigen Fachschulausbildung kehrt Louis Ziercke nach

             Godesberg zurück. Der Vater möchte ihn im elterlichen Malerbetrieb als

             Dekorationsmaler einsetzten, merkt aber bald, dass seinem Sohn "der

             Sinn nach anderem" steht. Letztendlich stimmt er zu, dass sein Sohn

             zurück nach Düsseldorf geht und bei Prof. Ehmke "weiterstudiert". Zum

             damaligen Zeitpunkt ist es üblich, dass die Professoren auch eigen-

             ständige (Kunst-)Unternehmer sind, entsprechend große Werkstätten

             und (externe) Ateliers unterhalten, und ihre Schüler dort (im Sinne von

             beruflichen Praxissemestern) die ausführenden Arbeiten zu ihren Kunden-

             aufträgen übertragen. Louis Ziercke arbeitet nachfolgend als Angestellter

             für seinen Lehrmeister Fritz Ehmke.

1907    Als Peter Behrens die Kunstgewerbeschule Düsseldorf verläßt und - einer

            Berufung als "Künstlerischer Beirat" der AEG folgend - nach Berlin geht,

            folgt ihm Louis Ziercke nach Neubabelsberg. Zusammen mit Fritz Adolphy,

            einem Studienkollegen aus Düsseldorfer Tagen, arbeitet er im Designatelier

            von Peter Behrens. Dann wird ihm und seinem Freund die pedantische Art

            von "Peter", der stets nur auf die strikte Einhaltung von Terminen achtet

            und generell nur subalterne Ausführungsarbeiten an seine Mitarbeiter ver-

            gibt, zuviel.

Louis Ziercke an der Staffelei in seiner Berliner Wohnung

1908    Bereits nach einem halben Jahr kündigen beide

            das Angestelltenverhältnis. Louis sieht sich

            noch einige Zeit in Berlin um, dann reist er

            heim zu seiner Familie nach Godesberg. Der

            Vater "subventioniert" ihm noch ein weiteres,

            freies Studiensemester an der Kunstgewerbe-

            schule Düsseldorf, das Louis dazu nutzt, sei-

            nem alten Freund Fritz Kaldenbach bei dessen

            graphischen Arbeiten zu unterstützen. Im We-

            sentlichen geht es um die Gestaltung des Er-

            scheinungsbildes und der Veröffentlichungen

            der bereits 1903 gegründeten Vereinigung:

           "Ring", in der sich Lehrer, Schüler und Absol-

            venten der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule

           - wohl als ein Gegenpol zum "Düsseldorfer Mal-

            kasten" - engagieren. Fritz Kaldenbach ist in-

            zwischen bei dem in Düsseldorf verbliebenen

            Prof. Ehmke angestellt. Der ist fast ganzjährig in London tätig, und so bleibt

            den beiden viel Zeit, von Oktober 1908 bis August 1909 sechs Themenhefte

            der Zeitschrift "Ring" zu gestalten und deren Drucklegung vorzubereiten.

1909    Anfang 1909 kündigt Fritz Kaldenbach bei 

            Ehmke und die beiden Freunde gründen in

            Godesberg ein gemeinsames Graphikbüro:

           "Kaldenbach & L. Ziercke - Atelier für Ar-

            chitektur, Entwurf und Anfertigung kunst-

            gewerblicher und graphischer Arbeiten,

            künstlerische Drucksachen, Bad Godesberg"

            Von beiden ambitioniert begonnen, versiegt

            der Anfangselan jedoch schnell. Es zeigt

            sich, dass die Aufträge nicht genügend ab-

            werfen, um Louis Ziercke  und Fritz Kal-

            denbach "über Wasser" zu halten. Schon

            nach einem Jahr ist das Grundkapital aufgebraucht. Dannach geht man ge-

            trennte Wege. Fritz Kaldenbach zieht nach Münster, um dort als Architekt

            tätig zu werden. Louis Ziercke bleibt als Graphiker in Bad Godesberg.

           

Jugendstil-Illustrationen des Ateliers "Kaldenbach & Ziercke" 1909/10/11

   links: Zeitschriftenwerbung                      rechts: Plakatwerbung

            Louis Ziercke ist auf die Unterstützung seines Vaters angewiesen. Der

            horscht sich in seinem weitläufigen Bekanntenkreis um und vermittelt ihm

            so manchen Auftrag. Darunter auch einen Auftrag der heimischen Stepp-

            decken- und Fahnenfabrik Otto Müller. Louis Ziercke freundet sich mit

            Alfred Karl Müller, dem kunstsinnigen Sohn des Firmengründers Otto Müller

            an. Die beiden sind etwa gleichalt und verstehen sich auf Anhieb.

Selbstbildnis Louis Ziercke aus seiner Berliner Zeit

1910   Es ist nicht bekannt, welche Umstände den da-

           mals 23-jährigen Louis Ziercke dazu bewegen,

           zukünftig als "freier" Maler, respektive als

          "Kunstmaler" tätig zu werden. Wieder ist es der

           Vater, der durch eine "Apanage" dafür sorgt,

           dass sein ältester Sohn in Berlin bei Lovis

           Corinth (1858 - 1925) in den privaten "Studien-

           ateliers für Malerei und Plastik" in der Berliner

           Kantstraße 159 studieren kann. Louis Ziercke

           trifft seine Freunde aus jener Zeit wieder, als er

           in Peter Behrens Atelier in Neubabelsberg ge-

           arbeitet hat. Auch viele andere seiner Düssel-

           dorfer Kollegen aus dem "Ring" finden sich in

           Berlin ein, wo man regelmäßig wöchentlich ein-

           mal zu einer "Ring-Sitzung" zusammenfindet.

           Von 1910 bis 1914 führt Louis Ziercke ein Bo-

           hemien-Leben als Künstler in Berlin. Er tritt der

           Künstlergruppe "Block" bei und stellt seine

           Werke erstmals im Künstlerhaus Berlin aus. Es

           geht ihm gut, er ist weitgehend sorgenfrei und

           er genießt das Leben der Großstadt..

 

1914   Als Louis Ziercke schließlich nach Godesberg

           zurückkehrt, ist er 27 Jahre alt. Ein junger, aufstrebender Mann, der als bil-

           dender Künstler Karriere machen will. Bisher hat er noch keinen "unver-

           kennbar eigenen Malstil" gefunden. Er experimentiert, saugt Anregungen,

           die er bei anderen Künstlern findet, auf und verarbeitet sie. Auch seine

           eigenen Bildgenres wechseln ständig. Er kann und will sich künstlerisch

           nicht festlegen, respektive durch andere festlegen lassen.

           Wenn es überhaupt eine Konstante in Louis Zierkes Werken gibt, so sind

           dies seine Blumenstillleben. Auch wenn es in der Folgezeit - bedingt

           durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die nachfolgenden poli-

           tischen, wirtschaftlichen und sozialen Unruhen deutliche Zäsuren in

           der kreativen Entwicklung des bildenden Künstlers Louis Ziercke gibt,

           scheint er doch nie müde, das Genre der Blumenstillleben immer wieder

           erneut aufnehmen und weiter entwickeln zu wollen.

Louis Ziercke: Drei badende Grazien (frühe Arbeit)
Louis Ziercke: Sommerblumen (1927)

           Louis Ziercke bemüht sich bei dem Vorsitzenden der "Bonner Künstler-

           vereinigung" - dem Bildhauer Karl Menser, -  um eine Aufnahme in des-

           sen Künstlerkreis, wohl wissend, dass die Stadt Bonn nur professionell in

           Künstlervertretungen "organisierten" Bonner Künstlern die Möglichkeit

           eröffnet, in städtischen Räumlichkeiten - vor allem natürlich im damaligen

           Städtischen Kunstmuseum "Villa Obernier" - die eigenen Werke ausstellen

           zu dürfen. Louis Ziercke ist umtriebig, sammelt Freunde um sich und knüpft

           Kontakte zu den ortsansässigen Künstlern in Godesberg und Königswinter.

           Sein Bekannter aus Düsseldorfer Zeiten - Walther Rath - ist inzwischen

           - wohl auf Betreiben von Louis Vater - Ludwig Christoph Ziercke -  fest-

           angestellter Zeichenlehrer an der Fortbildungsschule (Berufsschule) in

           Godesberg. Mit ihm verbindet ihn bald eine intensive künstlerische Freund-

           schaft. Auch Rudolf Gosekuhl - ein Kölner Portrait-, Landschafts- und

           Genremaler - zählt zu seinen Freunden und wird - nachdem dieser eine

           seiner Schwestern heiratet - auch sein Schwager.  Sein Freund Alfred Karl

           Müller, der Sohn seines Auftraggebers Otto Müller, hat inzwischen mit tat-

           kräftiger Unterstützung seines Vaters die "Rheinischen Werkstätten für

           Bühnenkunst" gegründet und als Mitgesellschafter und künstlerischen

           Leiter den erfahrenen Godesberger Maler Heinrich Pützhofen-Esters

           gewonnen. Man produziert in den Räumlichkeiten der Steppdecken- und

           Fahnenfabrik Otto Müller Dekorationen für Theateraufführungen. Mit zu-

           nehmendem Erfolg richtet man einen großen, professionell ausgestatteten

           Malersaal ein und kann nun auch komplette Bühnenbilder im Lohnauftrag

           erstellen.

1914    Louis Zierckes jüngerer Bruder Carl Ziercke hat sich voller Enthusiasmus

            zum Fronteinsatz gemeldet und verliert im Oktober 1914 von Ypern in

            Belgien sein Leben. Louis Ziercke ist tief betroffen. Er selbst ist 1907 bei

            seiner Musterung "bedingt tauglich" geschrieben und der "Ersatz-Reserve"

            zugeteilt worden. 1915 wird er als Landsturmmann zum Ersatzreserve-

            Bataillon des 2. Rheinischen Infantrie-Regimentes Nr. 28 in Köln einge-

            zogen und versieht seinen Dienst im Heeres-Depot II in Köln-Longerich.

1915/  Bei einer Wehrübung bricht sich Louis Ziercke die linke Ferse und kann sich

1916    (für einige Zeit) nur noch humpelnd mit einem Stock fortbewegen. Er wird

             schließlich wegen "Wehruntüchtigkeit" entlassen und tritt auf persönliche

             Intervention seines Vaters eine von zwei "Aushilfslehrerstellen" an der

             (Berufs-) Fortbildungsschule Godesberg an. Sein Freund Walther Rath, der

             die Ganztagsstelle zuvor inne hatte, ist ebenfalls einzogen worden. Seine

             Stelle wird nun aufgeteilt und vorübergehend neu besetzt. 1917 wird

             Walther Rath "auf Antrag" des Godesberger Bürgermeisters Zander und

             des Schulbeirats (Ludwig Christoph Ziercke) aus dem Militärdienst ent-

             lassen und für eine kurze Zeit sind beide Freunde parallel zueinander als

             Zeichenlehrer an der Fortbildungsschule Godesberg tätig.

1917     Im September 1917 wird Louis Ziercke erneut eingezogen und versieht bis

             November 1918 (mit Unterbrechungen) seinen Dienst als "Militärkranken-

             wärter" im Reserve-Lazarett I in Bonn. Während der Schulzeiten ist er für

             seine Unterrichtstätigkeiten in Godesberg und später auch in Mehlem vom

             Dienst freigestellt.

Fotoportrait Louis Ziercke (um 1919)

1919     Nach dem Kriegsende wohnt Louis Ziercke wie-

             der in seinem Elternhaus in der Brunnenalle 8 in

             Godesberg. Hier steht ihm ein großes lichtdurch-

             flutetes Atelier zur Verfügung. Er arbeitet als

             Kunstmaler und als Grafiker. Seine freien Arbei-

             ten - überwiegend Aquarelle und Ölbilder - stellt

             er seinem Publikum in den Folgejahren (ab 1918

             - 1941) regelmäßig im städtischen Kunstmuseum

           "Villa Obernier" in Bonn und in anderen regionalen

             und überregionalen Ausstellungen vor. Die allge-

             meine Wirtschaftslage ist für Bildende Künstler

             in jener Zeit alles andere als rosig. Von dem

             Verkauf ihrer eigenen Werken können nur die

             wenigsten leben. Louis Ziercke ist auf die Unterstützung seines Vaters ange-

             wiesen, der ihn nun zeitweise in seinem Maler- und Anstreicherbetrieb als

             Dekorations- und Entwufsmaler einsetzt.

 

Louis Ziercke: Der Pflug (1921); Nach eigener Aussage, das programmatischste Werk des Malers

             Da Louis Ziercke bei seinem ersten Lehrer an der Kunstgewerbeschule

             Düsseldorf (Professor Ignaz Wagner) unter anderem die Theatermalerei

             näher kennengelernt hat, findet er nun auch gelegentlich eine Beschäftigung

             bei seinem Freund Alfred Karl Müller in dessen "Rheinischen Werkstätten für

             Bühnenkunst".

Louis Ziercke: Portrait der Anna Maria Görgens 1923

1923     Louis Ziercke heiratet die 27 Jahre alte Kriegs-

             witwe Anna Maria Görgens, geborene Esser,

             aus Königswinter. Sie bringt eine kleine Tochter

             - Liesel Görgens - mit in die Ehe. Louis ist ihr

             ein guter Vater (Eigene Kinder bekommt das

             Ehepaar Ziercke nicht). 

             In den Folgejahren bestreitet Louis Ziercke

             den Lebensunterhalt für sich und seine Fa-

             milie durch kundenspezifische Gestaltungs-

             aufträge. Sein Grafikbüro bietet neben einer

            "zeitgemäßen Reklamerberatung" vor allem

             graphische Entwurfsleistungen für Industrie,

             Handel und Gewerbe, Plakate, (Ver-)Packun-

             gen, Geschäftsdrucksachen und Tapeten-

             dessins an. Seine Hauptkunden sind die

             Pharmazeutische Fabrik Diedenhofen, die

             Keramag Keramische Werke AG, die Tape-

             tenfabrik in Beuel und die Zigarrettenfirma

             Sonntag in Bonn.

             Neben der zielgerichteten Arbeit in seinem Graphikbüro wendet sich Louis

             Ziercke immer wieder der "freien"  Malerei zu. Möglicherweise dient ihm

             die Malerei zum (lebensnotwendigen) persönlichen Ausgleich. Kreatives,

             freies Arbeiten ist ihm einfach ein Bedürfnis. Er folgt einem inneren Drang,

             wenn er seine vielfältigen Eindrücke, die er normalerweise zunächst zeich-

             nerisch vor Ort skizziert, in Farbe - als Aquarell oder Ölgemälde - umsetzen

             kann. "Mit wachen Augen" registriert er die Bonner und Godesberger Künst-

             lerszene und verfolgt die malerische Entwicklung seiner Künstlerkollegen.

1930   Anfang der 30-er Jahre findet Louis Ziercke "seinen" Malstil. In den folgenden

           drei Jahren (bis 1933) entwickelt er - ausgehend von seinem programma-

           tischen "Pflugbild", das er bereits 1921 zusammen mit dem Bild "Die Welle"

           gemalt und mehrfach ausgestellt hat - zu einem deutlich expressionistischen

           Malstil.

           Kennzeichnend für seinen Stil sind starkfarbige, aneinandergefügte Farb-

           streifen, aus denen er das Umfeld seiner Motive und hier vor allem die

           Darstellung des Himmels - zusammensetzt. Ähnlich wie in seinem "Pflugbild"

           ergibt sich dadurch eine hintergründige "Irrealität", die alles andere als

           naturalistisch-realistisch ist. Seine Bilder reizen den Betrachter zur "Inter-

           pretation", sie sind - oder scheinen es zumindest - "bedeutungsschwanger"

           zu sein, ohne aber ihren eigentlichen "Impetus" zu verraten. In gewisser

           Weise sind es durchaus "magische" Bilder, die Louis Ziercke zwischen 1930

           und 1933 malt.      

Louis Ziercke: Die Welle (1921)
Louis Ziercke: Sonne und Weide (1932)

             Zwischen 1920 und 1940 beschickt Louis Ziercke über 40 meist regionale

             Ausstellungen - im Schnitt also zwei Ausstellungen pro Jahr.

             Akurat zeichnet er auf, wer - außer ihm - ausstellt und welchen Beitrag

            (Anzahl und Machart der Gemälde sowie Motiv und Titel) er jeweils zur

             Ausstellung leistet.

             Louis Ziercke läßt es sich selten nehmen, Kontakt mit seinen Kollegen

             aufzunehmen und über seine und deren Exponate zu diskutieren.

             Als er beispielsweise zusammen mit dem Godesberger Maler Toni Wolter

             ausstellt und dessen Industriebilder sieht, "arbeitet es in ihm".  Auch er

             möchte einmal dieses an sich ungewöhnliche Motivgenre ausprobieren.

             Und so "portraitiert" er die qualmenden Schlote der Produktionswerke

             seines Hauptkunden Keramag AG und reiht sich damit in eine Reihe mit

             den Bonner und Godesberger Malern ein, die dieses Motivgenre als eigen-

             ständige ästhetische Aufgabenstellung für sich entdeckt haben, darunter:

             Heinrich Houben, Anton (Toni) Wolter, Martin Frey und Louis Ziercke.

Louis Ziercke Aquarell: Fabrikgelände der Keramag - Keramische Werke AG (um 1930)

1933     Schon bald nach Hitlers Machtergreifung beginnen die Nationalsozialisten

             mit der "Gleichschaltung der Deutschen Kunst". Alle Künstlervereinigungen,

             in denen Louis Ziercke Mitglied war - darunter die "Bonner Künstlerver-

             einigung 1914" , der "Godesberger Künstlerbund" und der "Deutsche

             Werkbund" werden per Dekret des späteren Reichspropagandaministers

             Göbbels zugunsten einer Mitgliedschaft in der "Reichskammer der Bil-

             denden Künste" in Berlin aufgelöst. Wer arischer Abstammung ist und

             nachweislich keine "undeutsche (= entartete) Kunst" produziert (oder

             früher produziert hat), erhält einen Mitgliedsausweis der Reichskammer

            (siehe Kap: Künstler in der NS-Zeit) und nimmt an den Kunstförderpro-

             grammen (Öffentliche Ausstellungen, Museumsausstellungen, Kunstaus-

             schreibungen, Wettbewerbe, öffentliche Aufkauf- und Ankaufprogramme)

             teil. Wer sich der Mitgliedschaft entzieht, wird mit einem faktischen Berufs-

             verbot belegt. Louis Ziercke wird - wie nahezu alle unbelasteten Bonner

             und Godesberger Künstler - zum 1. 1.1934 offizielles Mitglied der "Reichs-

             kammer der Bildenden Künste". 

             Der ehemalige Godesberger Künstlerbund konstituiert sich unter dem Vor-

             sitz von Alfred Karl Müller als lokal ausführendes Organ der Reichskammer

             in Berlin neu. Louis Freund - Alfred Karl Müller - wird offiziell zum

            "Ringführer" bestimmt, Louis Ziercke zum Kassenwart. Der "Ring" bewirkt

             in der Folgezeit tatsächlich merkliche Verbesserungen für die Künstler-

             kollegen. Unter anderem erhält Louis Ziercke einen festen Anstellungs-

             vertrag bei den "Rheinischen Werkstätten für Bühnenkunst" über den er

             und seine Familie auch krankenversichert ist.

Louis Ziercke bei der Arbeit im Malersaal der Rheinischen Werkstätten für Bühnenkunst (Foto von 1935/36)

1935     Am 25.05.1935 verstibt Louis Vater im Alter von 83 Jahren. Etwas über ein

             Jahr später verstirbt auch seine Mutter Margarethe. Louis ist nun Oberhaupt

             der Familie. Das Malergeschäft seines Vaters floriert weiter. Unter anderem

             erhält man den Auftrag, das "Ännchen" zu restaurieren und neu auszu-

             malen, die malerischen Dekors für Karnevalsfeiern zu entwerfen und anzu-

             fertigen und viele der neuen Verwaltungen inklusive der NS-Verwaltungs-

             neubauten malerisch auszustatten.

              Louis Ziercke meidet - wohl aus Furcht - alles, was ihn und seine Malerei

              in Verbindung mit seinem Lehrmeister aus Berliner Tagen - Lovis Corinth -

              bringen könnte. Lovis Corinth ist bei den Nazis als "entarteter Künstler" ge-

              brandmarkt, was in der Regel bedeutet, dass auch dessen Schüler "unter

              besonderer Beobachtung" der für Kulturfragen zuständigen NS-Gauleitung

              hier der Gauleitung Köln/Aachen stehen. Soweit möglich, sammelt Louis

              Ziercke alle seine vorrangig expressiven Werke aus der Zeit zwischen

              1930 und 1933 ein und verstaut sie auf dem Dachboden seines Hauses in

              der Brunnenallee 8.

              Auch sonst meidet er jedes thematisch heikle Bildgenre, malt neben eini-

              gen Auftragsportraits überwiegend bäuerlich-dörfliche Szenen, einige

              lokale Ansichten aus Godesberg und dem Bonner Umfeld, vor allem aber

              Blumenstillleben.

              Wahrscheinlich sind es diese Blumenstillleben, die man heute mit dem

              Namen Louis Ziercke verbindet: 

1944      Mit 57 Jahren wird Louis Ziercke zum Volkssturm eingezogen. Ende

              Oktober 1944 erkrankt er schwer und wird ins Godesberger Pädagogium

              (Päda) eingeliefert. Dorthin sind vorübergehend die zerbombten Kölner

              Krankenanstalten aus Köln-Lindenthal verlegt worden.

1945      Am 26. Februar 1945 verstirbt Louis Ziercke im Päda. Die Amerikaner

              ziehen am 8. März 1945 in Bad Godeberg ein. Der Krieg ist zu Ende.

              Der Maler Louis Ziercke ist tot. Er liegt auf dem Burgfriedhof in Bad

              Godesberg begraben.             

 

              Erst mit der Wiederentdeckung der Werke auf dem Dachboden der

             "Brunnenallee 8" in Bad Godesberg rückt auch das lange verschollenen

              geglaubte expressionistische Oeuvre im Nachlass von Louis Ziercke in

              den Fokus der Öffentlichkeit.

Louis Ziercke, posthum gemalt von seinem Schwager, dem Kölner Maler Rudolf Gosekuhl (1946)

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