Robert Gerstenkorn (1877 - 1965)

Das Künstlerprofil von Robert Gerstenkorn befindet sich aktuell in redaktioneller Vor-

bereitung. Wer unter den "Treffpunkt-Kunst-Besuchern" ergänzende Informationen oder Bilder des Künstlers besitzt und diese zusammenfassend veröfffentlicht sehen will, möge sich bitte beim Autor melden. E-Mail: me.huemmer@web.de oder me.huemmer@googlemail.com. Ich bin für jede Zusatzinformation dankbar.

Robert Gerstenkorn

1877 Robert Gerstenkorn erblickt am 4. Februar 1877 in

         Wetzlar an der Lahn das Licht der Welt. Sein Vater -

         Franz Gerstenkorn - ist ein erfolgreicher Kaufmann

         in Wetzlar. Er stammt seinerseits aus einer durch-

         aus "kunstaffinen" Familie. Sein Vater, Roberts

         Großvater - Karl Gerstenkorn - war ein hochange-

         sehener Tischlermeister in Koblenz, der für seine

         kunstgewerblichen Möbelentwürfe bei zeitgenös-

         sischen Gewerbeausstellungen bedeutende Ehren-

         preise und Auszeichnungen, darunter die "Preus-

         sische Staatsmedaille" sowie den Titel "Hoftischler-

         meister" verliehen bekam. Zum Verwandtenkreis

         der Familie Gerstenkorn zählt auch die bekannte Malerfamilie von Kügelgen,

         die in mehreren Generationen als Portraitisten von Fürsten, Erzbischöfen,

         Wissenschaftlern und Gelehrten im Raum Köln-Bonn-Koblenz-Mainz tätig war.

         Robert verkehrt schon in jungen Jahren öfters in seiner akademisch gebilde-

         ten Maler-Verwandtschaft, die in Bacharach ansässig ist. Hier darf er im

         Maleratelier zuschauen, wie "Portraits Gestalt annehmen". Von der Übertra-

         gung der gezeichneten Vorskizzen und Portraitstudien auf Leinwand über das

         Anlegen des Hintergrundes bis zur naturalistischen Ausmalung prachtvoller

         Roben und der Gesichter. Dieser "Prozeß der Menschwerdung" fasziniert

         Robert. Das möchte er später auch einmal können!

         Anders als seine malende Verwandschaft setzt sein Vater aber eher auf eine

         solide kunsthandwerkliche "Prägung" seines Sohnes, der damit vielleicht

         einmal in die Fußstapfen seines Großvaters Karl treten könne.

Gewerbeschule zu Coblenz am Florinsmarkt

1887  Nach der Volksschule (Einschu-

          lung 1883) besucht Robert

          Gerstenkorn die königliche Ge-

          werbeschule zu Coblenz. Diese

          wird 1890 zum Realgymnasium

          Koblenz umgewandelt. Ein beson-

          derer Schwerpunkt des Realgym-

          nasiums bildet die intensive mu-

          sikalische Früherziehung der

          Schüler. Später wird aus dem

          Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium

          das heutigen Eichendorff-Gym-

          nasium. Ob Robert Gerstenkorn ein besonders guter Schüler war, ist nicht be-

          legt. Kunst und Musik sind seine Lieblingsfächer. Er hat offensichtlich in den

          musischen Fächern besonderes Talent, zeichnet und malt für sein Alter gut

          und spielt darüber hinaus auch sehr gut Geige.

1889  In Koblenz wird das "Conservatoium Coblenz" unter Leitung des Musikdirek-

          tors Raphael Maszkowski (1838-1901) gegründet.

 

1891  Nach bestandener Aufnahmeprüfung wechselt Robert Gerstenkorn auf das

          neue Koblenzer Musikkonservatorium und studiert bei Prof. Maszkowski zwei

          Semester lang Violine, Violoncello und Gesang. So ganz scheint ihm aber die

          möglicherweise auf Druck seines Elternhauses zustande gekommene Ent-

          scheidung, sich zu einem Musiker ausbilden zu lassen, nicht zu begeistern.

          Die Effizienz des privat zu entrichtenden Schulgeldes mag dem Vater mit

          seinem kaufmännischen Hintergrund nicht genügend gewährleistet gewesen

          zu sein. Jedenfalls schickt man den 15-jährigen jungen Mann zur weiteren

          Ausbildung zu Verwandten nach Köln.

1892  Robert Gerstenkorn beginnt in Köln eine Lehre im kunstgewerblichen

          Bereich, möglicherweise als Kunsttischler oder Kunstmaler in einem örtlichen

          Handwerksbetrieb (unbestätigt).  Daneben besucht er die "Gewerbliche Fach-

          schule der Stadt Köln", die unter der Leitung von Friedrich Romberg - seines

          Zeichens Bauingenieur -  in drei Fachabteilungen aufgeteilt und seit 1886 in

          einem Neubau am Kölner Salierring untergebracht ist. Robert ist dem kunst-

          handwerklichen Zweig der "Gewerblichen Fachschule zu Köln" zugeordnet.

          Aus diesem Zweig entwickelt sich später zunächst die "Kölner Kunstgewerbe-

          schule" und daraus - unter dem Einfluß der Deutschen Werkbundbewegung

          (ab 1910) - die renommierten "Kölner Werkschulen".

          Es gibt (vage) Hinweise darauf, dass Robert Gerstenkorn (während seiner

          Lehrzeit) auch an der "Königlichen Kunstgewerbeschule München" ange-

          meldet war und dort einige Zeit verbrachte (unbestätigt).

1895  Robert Gerstenkorn schließt nach drei Jahren seine "Kölner Ausbildung" mit

          einer Abschlußprüfung an der "Gewerblichen Fachschule Köln" ab. Er hat vor,

          praktische Erfahrungen zu sammeln und geht - wie damals noch vielfach

          üblich -"auf die Walz" (Gesellen-Wanderschaft).

bis

1898  In den folgenden drei Jahren heuert er bei verschiedenen Kunsthandwerkern

          und einschlägigen Handwerksbetrieben an, die die malerische Ausgestaltung

          von Patrizierhäusern, öffentlichen Gebäuden, Kirchen und Gaststätten für

          ihre Auftraggeber ausführen. In der Regel ist Robert Gerstenkorn dort mit

          figürlich-dekorativen Malerarbeiten - meist in Freskotechnik - betraut, deren

          manuelle Ausführung er nach den Motivvorgaben der beauftragten Maler-

          meister zu übernehmen hat.

          Dies weckt in dem Zwanzigjährigen den Wunsch, sich auch - und verstärkt -

          für künstlerische Konzeptions- und Entwurfsarbeiten zu qualifizieren, um

          später einmal eigene Entwürfe den Kunden vorlegen und mit ihnen abstim-

          men zu können. Er möchte frei kreativ sein und "die Kunst der Kunst"

          studieren. Ein Akademiestudium scheint ihm geeignet zu sein.

Münchner Studienzeit

1899  Robert Gerstenkorn besucht in der Folgezeit (1899 bis 1901) - laut eigen-

          biografischen Angaben - die staatliche Kunstakademie in München.

          Offensichtlich ist dort aber keine formale Einschreibung erfolgt. Die einschlä-

          gigen offiziellen Matrikelbücher weisen in der fraglichen Zeit zumindest keinen

          Studenten namens Gerstenkorn auf. Dies kann verschiedene Gründe haben:

          Möglicherweise hat Robert Gerstenkorn (nur) an den damals zahlreichen, im

          Rahmen eines "Studium Universale" angebotenen Gast-Seminaren der

          Münchner Kunstakademie teilgenommen oder er hat gegen Zahlung privater

          Studiengebühren eine der vielen "akademischen" Kunstschulen in München

          oder im nahen Münchener Umfeld besucht, die von den Professoren der

          Kunstakademie in enger Anlehnung an den Lehrplan der Akademie außerhalb

          des Hauses privat angeboten wurden. Nicht wenige junge Künstler nahmen

          wegen der höheren Effizienz und der deutlich größeren künstlerischen Freiheit

          dieses Studienangebot wahr, auch wenn sie damit in der Regel keinen

          offiziell anerkannten Studienabschluß erwarben. Insbesondere für junge

          Frauen stellte der Besuch einer der privaten Münchner Kunstschulen den

          einzigen Weg dar, um eine "akademische" Ausbildung als "freie" Künst-

          lerinnen zu erhalten. Zumindest solange, bis die bayrischen Regierungs-

          behörden (erstmals 1904) ein Frauenstudium an besonderen, ausgewählten

          Hochschulen des Landes erlaubten.

 

          Tatsächlich entbrannte damals auch ein tiefgehender "Richtungsstreit" in der

          Professorenschaft der Kunstakademie München über die Auslegung der

          Studieninhalte, die zu einer bewußten Abkehrhaltung in der unzufriedenen

          Studentenschaft und letztlich zur "ersten Münchner Sezession" (ab 1892 bis

          1901) führte. Vertreter des "progressiven" Flügels (u.a. Hans Thoma, Wilhelm

          Trübner, Franz von Stuck, Max Liebermann, Lovis Corinth) wandten sich

          gegen den "kaiserlich befürworteten Konservatismus in der Kunst" und

          gegen den "erstarrten Historismus", den der Münchner Malerfürst Franz von

          Lenbach und andere Professoren an der Kunstakademie lehrten. Als Student

          konnte man "Farbe bekennen", in dem man sich aus Protest bewußt nicht

          immatrikulieren ließ. Ob sich Robert Gerstenkorn zum Kreis der "Münchner

          Sezessionskünstler" bekannte, ist nicht bekannt. Zweifellos stand er aber

          eher auf der Seite der "Progessiven" und kannte im Detail deren unter-

          schiedliche Malauffassungen. Dafür spricht, dass Robert Gerstenkorn zwi-

          schen 1899 und 1901 bereits an Ausstellungen im Münchner Kunstverein

          beteiligt war. Der Münchner Kunstverein - gegründet 1823 - zählt zu den

          ältesten Kunstvereinen Deutschlands. In ihm fanden sich damals vornehm-

          lich bürgerliche, großbürgerliche und industrielle Kunstmäzene zusammen.  

          Als weitgehend unabhängige Institution stand der Münchner Kunstverein

          schon damals in dem Ruf, neue, moderne Kunstströmungen zu fördern.

          Er war (auch) offen für die Künstler der "Münchner Sezession".

          München war damals neben Paris, Mailand und Rom eine der "quirrlichsten"

          europäische Städte im Bereich der Bildenden Künste. Hier tat sich viel Neues:

          Der "Jugendstil" - initiiert als "Art Nouveau" in Paris von Alphons Mucha -

          war ursprünglich eine malerisch-grafische Kunstform. Sie fand bereits in

          Paris Eingang in Reklame, Werbung und Produkt-Kommunikation (Style

          Mucha), entwickelte sich dann aber in München - propagiert und benannt

          nach der dort erscheinenden Zeitschrift "Jugend" zu einer kompletten

          Moderichtung. Ob in der Wohn- und Geschäftshausarchitektur, in der Innen-

          architektur, im Möbeldesign, im Stoff- und Tapetendesign - überall feiert der

          Jugendstil "fröhliche Urständ". Schmuck-, Pretiosen-, Haushaltsgegenstände,

          eben alles was modern erscheinen soll, wird in jener Zeit mit den typischen

          floralen "Jugend"-Stilelementen verziert. Natürlich beherrscht auch Robert

          Gerstenkorn den "Jugendstil". Rein malerisch bezieht er sich in dieser Zeit 

          gerne auf den Schweizer Maler Ferdinand Hodler.

 

          Ferdinand Hodler (1853-1918)

          Robert Gerstenkorn besucht mehrere Ausstellungen von Ferdinand Hodler,

          der als herausragender zeitgenössischer Jugendstilmaler und als welt-

          weit anerkannter Maler des Symbolismus gilt. In Hodlers Gemälden glaubt

          Gerstenkorn (um die Jahrhundertwende) bereits zu erkennen, in welche

          Richtung sich der "Jugendstil" in Deutschland bzw. der Stil des "Art Nouveau"

          (in Frankreich) weiterentwickeln könnte. Es scheint sicher, dass der 25-jähri-

          ge Robert Gerstenkorn den knapp doppelt so alten Ferdinand Hodler auch

          persönlich kennengelernt hat.

          Allerdings sieht Robert Gerstenkorn im Jugendstil (nur) eine momentane

          Moderichtung, die mit den eigentlichen Entwicklungen in der Bildenden Kunst

          wenig zu tun hat. Denen kann er nur "auf die Spur kommen", wenn er Stu-

          dienreisen unternimmt, die alten Meister auf sich einwirken läßt, zugleich

          aber auch offen für Neues ist, um unbekanntes "künstlerisches Terrain" zu

          entdecken und zu erkunden.

Studien- und Malreisen

1902  Jeweils von München aus unternimmt Robert Gerstenkorn zwischen 1902 und

          1904 ausgedehnte Studien- und Malreisen. Sein Weg führt ihn nach Italien,

          nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande. Und überall besucht er Aus-

          stellungen. Er besucht Museen, Kirchen und Paläste. Eine Unmenge von Ein-

          drücken, von Malauffassungen und Malstilen strömt auf ihn ein und er läßt

          sich viel Zeit, das Ganze zu "verdauen". Nachfolgend sind diejenigen Künstler

          mit jeweils einigen Werken aufgeführt, deren Malweise - nach Bekundungen

          von Robert Gerstenkorn - einen besonderen Einfluß auf sein Wirken hatten: 

          Giotto di Bordone (1267-1337)

          In Italien besucht Gerstenkorn auf den Spuren des Frührenaissance-Malers

          Giotto di Bordone dessen Wirkungsstätte in Florenz, Assisi, Padua und

          Mailand. Er ist fasziniert von Giottos meisterlicher Frescotechnik und der

          für damalige Verhältnisse fast revolutionäre Malweise, in der Giotto seine

          großen Figurengruppen in Decken- und Wandgemälde ausgeführt hat. 

          obere Reihe: Jan van Eyck (1390 - 1441)

          Jan van Eyck ist ein Vertreter der altniederländischen Malerei. Er ist es,

          der von der überwiegend säkulären, kirchlichen Kunst zur profanen

          Kunst "überschwenkt" und - damit verbunden - einen deutlich naturalis-

          tischeren Blick auf den Menschen und seine Lebensumstände erlaubt. Das

          "Alltagsleben" von Handwerkern, Händlern und Kaufleuten wird zunehmend

          thematisiert und in "Genrebildern" umgesetzt, die weitab der "biblischen

          Kirchenmalerei" ganz andere (bürgerliche) Geschichten erzählen.

          untere Reihe: Hans Memling (1433-1494)

          Der deutsche Maler Hans Memling wird gerne als "Erneuerer" der profanen

          Portraitmalerei bezeichnet. Die ungeheuer präzise gemalten Gesichter seiner

          Figuren haben alles Starre und Typendisierende der mittelalterlichen Malerei

          verloren. Die Physiognomien der portraitierten Personen zeigen den jeweili-

          gen Menschen in seiner ganzen Individualität und unverwechselbaren Eigen-

          heit. Memling gilt als Wegbereiter des Renaissancebildnisses in den Nieder-

          landen. Auf ihn beziehen sich viele der großen niederländischen Meister.

Hieronymus Bosch: Bildtafel in der Mitte: "Der Garten der Lüste"; linke Bildtafel: "Der Garten Eden"; rechte Bildtafel: "Die Hölle" (Zur Vergrößerung ins Bild klicken)

           Hieronymus Bosch (1450 - 1516)

           Hieronymus Bosch - eigentlich Jheronimus van Aken - gilt als Meister

           der Darstellung und bildlichen Umsetzung von Allegorien (= Sinnbilder für

           abstrakte Begriffe und Sachverhalte). In Boschs überaus detailreichen Ge-

           mälden, die kunsthistorisch dem Zeitraum der Renaissance zugerechnet

           werden, ist jede dargestellte Szene, jedes Objekt, jede Figur, jedes Land-

           schaftsdetail mit einer hintergründigen Bedeutung "aufgeladen". Die kon-

           krete inhaltliche Auslegung der von ihm verwendeten Symbole ist bis

           heute vielfach noch ungeklärt und spekulativ, zumal der Künstler weder

           schriftlichen Aufzeichnungen noch Kommentare zu seinen Bildern hinterließ.

 

            Gustave Courbet (1814-1877)

            Gustave Courbet wird - wie sein Malerfreund Jean Baptiste Corot

            (1796-1875) - der Schule von Barbizon zugerechnet. Barbizon ist ein

            kleiner, bäuerlich geprägter Ort in der Nähe von Paris. Dort fanden sich 

            zwischen 1830 und 1870 - frei und zwanglos - sehr unterschiedliche

            Künstler - vor allem Landschaftsmaler - zu einer Interessensgemeinschaft

            zusammen. Darunter auch politisch tätige "Revoluzzer". Custave Courbet

            beispielsweise war aktives Mitglied der "Pariser Kommune" (revolutionärer

            Pariser Stadtrat von 1870/71). Man wollte etwas grundlegend Neues und

            Revolutionäres auch in der Kunst schaffen und beeinflußte damit maßgeb-

            lich die Entstehung des französischen Impressionismus. Courbert vertrat

            in dieser Gruppe malerisch die Position des französischen Realismus. Diese

            Kunstrichtung lehnt die Darstellung geschichtlicher, mythologischer und 

            biblich-religiösen Thematiken, die damals noch üblich war, als "Fiktion und

            Hirngespinnste im Volk" ab. Die Maler wenden sich statt dessen program-

            matisch der ungeschminkten Wirklichkeit, eben dem Realistischen, zu. Sie

            malen genau das, was sie sehen.

            Der Impressionismus geht noch einen Schritt weiter. Auch hier malt man

            das, was man sieht. Allerdings in einer betont subjektiveren Form.

            Denn das, was man tatsächlich wahrnimmt, ist eher ein persönlicher Ein-

            druck des Gesehenen, eben eine Impression.           

            Edgar Degas (1834-1917)

            Robert Gerstenkorn lernt die Abeiten Edgar Degas 1904 in Paris kennen.

            Auf Anhieb ist er von dessen impressionistischer Malweise fasziniert. Diese

            Malauffassung läßt ihn nicht mehr los. Er fühlt sich "angerührt", seine Krea-

            tivität ist nachhaltig geweckt. Fast gierig nimmt Robert Gerstenkorn die

            Sichtweise des Impressionismus auf, versucht, diesen Stil in eigenen Zeich-

            nungen, Aquarellen und Ölbildern auf seine Art umzusetzen. Ein Kennzei-

            chen des Impressionismus ist die vermeintliche Dominanz der Farben und

            des Lichtes über die Kontur und die linienhafte Abgrenzung. Körper und

            Körperlichkeit entstehen weniger aus scharfen, linearen Konturkanten, son-

            dern viel mehr aus den Farbkontrasten nebeneinanderliegender Flächen!   

Frühe Werke und Arbeiten

            Auf seiner Malreise nach Flandern und an die Nordseeküste portraitiert

            Robert Gerstenkorn Krevettenfischer, flandrische Kinder und Jugendliche in

            einem eigenen, vom Impressionismus geprägten Malstil. Auch seine Land-

            schaftsbilder - vor allem die damals entstandenen Hafenansichten von

            Dünkirchen, Ostende und Niewpoort- zeigen deutlich realistisch-impres-

            sionistische Stilelemente. 

Robert Gerstenkorn: "Hafenansicht von Nieuwpoort während der Ebbe" (um 1905)

1904  Robert Gerstenkorn zieht von München nach Koblenz um und wird in den

          folgenden zwei Jahren als Kunstmaler im rheinisch-moselländischen Raum

          tätig. Neben "gut verkäuflichen" regionalen Landschaftsmotiven - meist

          Rhein- und Moselansichten - fertigt er im Kundenauftag auch Portraitgemälde

          betuchter Koblenzer Bürger an. Malerisch "sortiert" und "verarbeitet" Robert

          Gerstenkorn in dieser Zeit die vielfältigen Eindrücke, die er auf seinen

          Studienreisen gesammelt hat.

          Seine Portraitwerke sind von der klassisch niederländischen Malerei eines 

          Jan van Eyck und Hans Memling beeinflußt, seine Landschaften entsprechen

          denen der "Schule von Barbizon". Malerisch dienen Jean Baptiste Corot und

          Gustave Courbet als Vorbilder. Robert Gerstenkorn drängt es innerlich dazu,

          einen eigenen Malstil zu entwickeln. Er tritt der "Nationalen (Künstler-)Ver-

          einigung Koblenz / St. Goar" bei, um im Kontakt mit anderen Malerkollegen

          eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln.

          Viel scheint dies aber nicht gebracht zu haben, denn der nunmehr 28-jährige

          Künstler entschließt sich, Koblenz zu verlassen, um ein ergänzendes Kunst-

          studium in Stuttgart aufzunehmen.

Stuttgarter Studienzeit

1906  Robert Gerstenkorn schreibt sich an der königlichen Akademie der bildenden

          Künste in Stuttgart ein. Bedingt durch seine malerische Vorausbildung wird er

          gleich in die Fachklasse für Landschafts- und Portraitmalerei aufgenommen.

          Die Professoren Karl Haider (1846 - 1912) und Carlos Grethe (1864-1913) be-

          treuen seine Fachausbildung. Bei Prof. Robert Poetzelberger (1856-1930) er-

          lernt er die Genremalerei im Stil des französischen Imperssionismus und im

          Rahmen des von Adolf Hölzel angebotenen Faches "Komponierschule" wird

          er mit der Hölzel'schen Farbenlehre - auf die später auch Hölzels Schüler

          Johannes Itten im Bauhaus zurückgreift - in Theorie und Praxis vertraut ge-

          macht. Adolf Hölzel läßt seine Schüler Übungen in "Abstrakter Farbkom-

          position" ausführen und thematisiert dabei verschiedenen Abstraktions-

          ebenen, in denen sich bildende Künstler ausdrücken könnten. Er bereitet

          damit den Weg vom malerischen Impressionismus zum Expressionismus vor.

          Während im Impressionismus der Eindruck - also die persönlich Rezeption des

          Künstlers auf die ihn umgebende Umwelt - ausschlaggebend ist, spielt im

          Expressionismus der individuelle Ausdruck - also die elementare Wiedergabe

          des bei ihm ausgelösten Erlebnisses die entscheidende Rolle. Dafür ist eine 

          gewisse Abstraktion des Gegenständlichen und eine subjektive Interpretation

          der eigenen Gefühlswelt des Künstlers notwendig.

"Einflussreiche" Lehrer und Professoren der Stuttgarter Studienzeit

 Reihe 1: Karl Haider               (1846-1912) - Landschafts- und Portraitmalerei

 Reihe 2: Carlos Grethe           (1864-1913) - Landschafts- und Portraitmalerei

 Reihe 3: Robert Poetzelberger (1856-1930) - Genremalerei + Impressionismus

 Reihe 4: Adolf Hölzel              (1853-1934) - Farb-Abstraktion + Expressionismus

Robert Gestenkorn: Blick auf Köln

1909  Nach seiner Studienzeit in Stuttgart zieht

          es Robert Gerstenkorn zurück in's Rhein-

          land. Es ist nicht ganz sicher, ob er zum

          Abschluß seines Studiums den "Akademie-

          brief" der Akademie der Bildenden Künste

          in Stuttgart erhalten hat. Offensichtlich

          sieht er aber seine künstlerische Ausbil-

          dung als keineswegs vollendet an. Er läßt

          sich in Köln nieder, malt rheinische Land-

          schaften und mehrfach den Kölner Dom.

          Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum stu-

          diert er die (mittelalterliche) "Kölner Maler-

          schule" und läßt sich von Stefan Lochner und den altdeutschen Meistern

          Albrecht Althofer und Lucas Cranach beeinflussen. Auf der Suche nach einem

          eigenen Malstil übernimmt und "belebt" er - vor allem in seinen Portrait-

          gemälden - immer wieder die Traditionen der hochmittelalterlich-altdeutschen

          Malerei.

Robert Gerstenkorn: Selbstbildnis mit Familie (um 1922)

Auch Robert Gerstenkorns Landschaftsgemälde sind in dieser Zeit deutlich von der Stilistik und der Malauffassung von Lochner, Althofer und Cranach geprägt.

Denkmalpflege und Heimatschutz

ab

1909  Robert Gerstenkorns gekonnte, mittelalterlich-traditionsbezogene Malweise

          erregt in Fachkreisen Aufsehen und so wird er in der folgenden Zeit immer 

          häufiger von staatlichen Kunstkonservatoren und Restauratoren als sach-

          kundiger Berater bei deren Restaurationsaufträgen, insbesondere wenn es

          um Gemälderestaurierungen in Kirchen und in mittelrheinischen Burgen geht,

          beratend herangezogen. Man schätzt sein Talent, sich in die Malweise mittel-

          alterlicher Künstler hineinzudenken, so dass er in der Lage ist, auch größere,

          unrettbar verlorene Teile ohne Stilbruch malerisch zu ersetzen.

         

          Der damalige Provinzialkonservator der Rheinprovinz, Professor Paul Clemen

          (1866 - 1947), der an der Universität in Bonn Kunstgeschichte lehrt und u.a.

          das Bonner Kunsthistorische Institut aufbaute und leitete, wird auf Robert

          Gerstenkorn aufmerksam. Professor Paul Clemen ist eine ausserordentlich

          einflußreiche Persönlichkeit im damaligen Kunst- und Kulturbetrieb. Sein Wort

          hat Gewicht, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass er den da-

          malige Kronprinz des Deutschen Reiches und späteren Deutschen Kaiser

          Wilhelm II an der Bonner Universität in Kunstgeschichte unterrichtete und

          daher stets einen bervorzugten Zugang zu seinem prominenten Schüler hatte.

          Professor Clemen überredet Robert Gerstenkorn, dem 1907 von ihm gegrün-

          deten "Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz" beizutreten

          und bereitet ihm damit den Boden für seine weitere Karriere vor. Robert

          Gerstenkorn lernt als Protege von Professor Clemen viele im damaligen

          wilhelminischen Kunst- und Kulturbetrieb wichtige Persönlichkeiten kennen.

          Als "ausübender" Künstler - er selbst ist von 1910 bis 1912 eingetragenes

          Mitglied des Deutschen Künstlerverbandes in München - vertritt er in diver-

          sen Vereinen und Verbänden die Interessen seiner "Gilde".

1912  Robert Gerstenkorn tritt dem "Verband der Kunstfreunde in den Ländern am

          Rhein" bei. Dieser hat seinen Verwaltungssitz in Koblenz. In ihm fanden sich

          Vertreter aus Kunst, Politik und Wirtschaft aus rheinischen, elsässischen und

          deutschschweizerischen Städten und Kommunen zu einer Interessensgemein-

          schaft zusammen. Der Verband und seine Zeitschrift: "Die  Rheinlande" war-

          ben für die Idee einer kulturellen Gemeinschaft der "Länder am Rhein". Der

          Verband förderte Autoren und bildende Künstler durch Preise, Veröffent-

          lichungen und Ausstellungen. Zu diesem Zweck gründete man hochrangige

          Kunstkommissionen in Düsseldorf, Frankfurt, Darmstadt, Stuttgart, Karls-

          ruhe, Straßburg, Basel und Hagen. Der Verband bestand aus rund 2000

          Mitgliedern, vorrangig Adeligen, Industriellen und Künstlern. Robert

          Gerstenkorn sieht sich zu dieser Zeit als "künstlerisch-dokumentarischer

          Sachwalter" der Landschaften und Leute in den Ländern am Rhein. Unter

          anderem illustriert er historische Anekdotensammlungen, Heimatbücher und

          landeskundliches Schriften, die das Leben entlang Deutschlands größten Fluß

          beschreiben. Im Zuge der allgemeinen deutschnationalen "Euphorie" vor

          dem 1. Weltkrieg finden solche Zeitschriften reißenden Absatz. Robert

          Gerstenkorns Name wird über die Grenzen des Rheinlandes hinaus bekannt.

1914  Um als Deutscher Staatsbürger seine Pflicht zu tun, tritt Robert Gerstenkorn

          im Zuge der allgemeinen Mobilmachung als 37-Jähriger der Freiwilligen Sani-

          tätskolonne (FSK) des Roten Kreuzes bei. Er verbleibt damit in der Garnisons-

          stadt Koblenz und versieht in den dort - frontnah zu Frankreich -  eingerich-

          teten Soldatenlazaretten seinen Dienst. "Gestorben wird viel" vermerkt er

          und wechselt später aus dem freiwilligen Sanitätsdienst beim Roten Kreuz in

          den Dienst des Friedhofsamtes der Stadt Koblenz. Dort ist er hauptamtlich

          tätig und von 1916 bis zum Kriegsende 1918 für die Anlage und Gestaltung

          der Kriegsgräber auf dem neu eingerichteten städtischen "Ehrenfriedhof für

          die Gefallenen des ersten Weltkrieges" zuständig. 

1915  Robert Gerstenkorn heiratet und gründet mit Franziska (Franzi), geborene 

          Auster, eine Familie.

1918  Am 11. November 1918 endet der 1. Weltkrieg. Die deutsche Bevölkerung ist

          infolge der Niederlage desillusioniert und hat massiv an den Folgen der überall

          auftretenden Versorgungsengpässe zu leiden. Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit

          und - in deren Folge - eine zunehmende Perspektivlosigkeit bilden - vor allem

          in den Städten - den Humus für eine politische Radikalisierung. Der deutsche

          Kaiser dankt ab. Mit ihm geht auch die "Vorherrschaft" des Adels und des

          weitgehend elitär eingestellten Bildungsbürgertums verloren. Das hat gravie-

          rende Auswirkungen auf nahezu alle Kulturbereiche, da diese vor dem Krieg

          in erheblichen Maße durch Adel und Großbürgertum personell und finanziell

          gefördert und unterstützt worden waren. Vor allem den "brotlosen" Künsten

          und ihren Vertretern - Maler,  Bildhauer,  Dichter und Literaten - "bricht der

          Boden weg".

          Einzig die "darstellenden Künste" können - sofern sie "Unterhaltung für's Volk"

          in Form von Film, Funk und Massenunterhaltungen (Schauspiel-, Revue-,

          Variete-Aufführungen etc.) bieten, ihr Vorkriegsniveau halten und ausbauen.

          Die "wilden Zwanziger" kündigen sich an. Aus den USA schwappt die Revue-

          Tanz und Jazz-Welle (Charleston) in die Großstädte nach Europa über. Ironie

          und Nonsense wird in Clubs und auf den vielen neugegründeten Kleinkunst-

          bühnen, darunter auch einige sehr bissige Kabarettbühnen - hoffähig. Und

          obwohl - oder gerade weil - es weiten Teilen der Bevölkerung wirtschaftlich

          schlecht geht, sucht man "hemmungslos"  Ablenkung und Zerstreuung von

          den Nöten des Alltags. Man lebt in einer Zeit tiefgreifender sozialer und

          politischer Umbrüche (Time of Change - The Roaring Twenties).

          In der Garnisonsstadt Koblenz ist davon allerdings nur verhältnismäßig wenig

          zu spüren.

          Der wirtschaftlichen Not gehorschend, versucht Robert Gerstenkorn, Künstler

          und Kunstinteressierte zu einer Interessensgemeinschaft zusammenzuführen.

          Sinn ist es, "die notleidenden Künstler der Region über Wasser zu halten".

          Tatsächlich gibt es zur damaligen Zeit in ganz Koblenz - nach Erhebungen der

          Stadt - kein einziges ausgewiesenes privates Künstleratelier. Ausnahmslos

          alle professionellen Künstler leben "von der Hand im Mund". Auch die Aus-

          stellungs- und öffentlichen Präsentationsmöglichkeiten sind für die bildenden

          Künstler in der Garnisonsstadt Koblenz, die seit 1822 auch Hauptstadt der

          Rheinprovinz ist, überaus beschränkt. Die Stadt bietet keine Infrastrukturen

          für Künstler, verfügt weder um einen Ankaufsetat für zeitgenössische Kunst,

          noch über eigene Ausstellungsflächen. Robert Gerstenkorn versucht, die

          Situation zu ändern. Er wendet sich im Laufe des Jahres 1919 im privaten

          Rahmen an seine Künstlerkollegen und die wenigen ausgewiesenen Kunst-

          sachverständigen und Kunstliebhaber der Stadt.

1920  Robert Gerrstenkorn gründet - zusammen mit seinen Künstlerkollegen den

          wirtschaftlichen Interessensverband und Ausstellungsverein "Das Boot e.V."

          Neben ihm sind unter anderem die Künstler Herm Dienz (1891-1980), Hans

          Sprung (1884-1948), Hans Dornbach (1885-1952), Heinrich Hartung (1888-

          1966) und Oscar Raber (1892-1947) im "Boot e.V." engagiert. Zunächst or-

          ganisiert man wechselseitige Atelierausstellungen im privaten Kreis und ver-

          sucht durch Aufrufe in den Lokalzeitschriften, Gelder für die Vereinsaktivitäten

          locker zu machen: "Kauft nicht nur Pelze und Juwelen, um euch vor der stän-

          dig fortschreitenden Geldentwertung zu retten. Kauft Kunstwerke, Gemälde

          und Skulpturen lebender Künstler! Damit schafft ihr ideelle Werte und helft,

          die schwer ringende deutsche Kunst zu retten."

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