Relief-Paneele (aus getriebenen Blechen)

An dieser Stelle sollen die Recherche-Ergebnisse zu einer Sammlung von drei aus dünnen Blechen gefertigten Kunstwerken - bisher mit ausschließlich christlich- kirchlichen Motiven - zusammengetragen und bewertet werden.

Sammlungsnummer        Sammlungsnummer       Sammlungsnummer

G9.3 2018.001                G9.3 2018.002               G9.3 2018.003

(zur Vergrößerung bitte in die Abbildungen klicken)

Begrifflichkeit:

Kassettentür mit 10 geschnitzten Mo-tivpaneelen am Münster zu Konstanz

Ein Paneel (niederdeutsch und niederländisch für „Tafel“, englisch panel) ist im ursprünglichen Sinn eine Holztafel bzw. eine furnierte Platte für Wand- und Deckenverkleidungen. Dabei wird sowohl die einzelne Tafel als auch die gesamte Verkleidung als Paneel oder Paneele bezeich-net. Bereits im frühen Mittelalter wurden Wand-

paneele aus Holz zur Innenraumisolierung in Schlössern, Burgen und bewohnten Wehranla-

gen eingesetzt, um die Kälteausstrahlung der Mauern - vor allem bei länger andauernden widrigen Wetterbedingungen, im Winter sowie an kühlen Abend- und Nachtstunden zu ver-

hindern. Die Raumausstattungen des Adels-

standes, später auch des Klerus, spielten eine Vorreiterrolle. Im 17. und 18. Jahrhundert wur-

den dann auch in Bürgerhäusern die Raum-decken und Türen aufwändig durch massive Kassettenfeld-Konstruktionen zusätzlich isoliert. Insbesondere in den Empfangsräumen ging man dazu über, die Kassettenfelder durch ge-

schnitzte Motivtafeln, durch Wandreliefs sowie durch graphische Holzintarsienarbeiten zu ver-

schönern. Je nach gesellschaftlicher Stellung

und Reputation profilierte man sich durch eine

gesteigerte gestalterische Opulenz der Darstellungen. Die damals üblichen Bau-bücher der Architekten und Baumeister sowie der einschlägigen Kunsthandwerker-gilden verzeichneten detailliert bis zu zehn unterschiedliche Konstruktionsarten und Bauweisen, wie Holzpaneele aufgebaut und befestigt werden mußten, so dass klimatische Veränderungen und das dadurch ausgelöste Quellen, Austrocknen und Verziehen der Holzpaneele keine Rolle mehr spielte und relativ sicher ausgeglichen werden konnte.

Paneelmotive:

Paneele bestanden zunächst ausschließlich aus Holzplatten. Holz war im osteuro-päischen sowie im nord- und mitteleuropäischen Raum von Alters her das bevorzugte konstruktiv einsetzbare Baumaterial. Komplexe anwendungsorientierte Bearbeitungs- und Fügetechniken waren den Schreinern und Zimmerleuten schon früh bekannt und wurden in der Folge von Holzschnitzern und Bildhauern mehr und mehr zur dekora-tiven Ausgestaltung von Repräsentanzräumen und schließlich zu einer eigenen Kunstform (Skulptural-plastische Wohndekorationen) weiterentwickelt.

Auftraggeber waren der Adel mit ihren Schössern, Burgen und Stadtpalais sowie der Klerus (Kirchen- und Kapellenausstattungen) und später - mit zunehmender gesell-

schaftlicher Relevanz - auch das vermögende Großbürgertum und der "Geldadel":

Großbauern, Kaufleute, Geldverleiher, Juristen, Gelehrte und Stadthonorationen beauftragten gerne spezialisierte Kunsthandwerker mit der Ausgestaltung Ihrer Kontore, Büros, Besprechungs- und repräsentativen Amtsräume. Nach und nach trat der physikalische Aspekt der Kälteschutzfunktion der Paneele in den Hintergrund. "Hast Du was, bist Du was". Man wollte zeigen, was man besaß und so wurde durch die Jahrhunderte das berufsständische Image und die persönliche Reputation von 

"Amtsinhabern" immer wichtiger. Vereinzelt ließen sich einzelne Personen auch - umgeben von den Insignien Ihrer Macht - in ihrer Amtstracht darstellen.

 

Nach Art der Dimensionalität von Paneelen unterscheidet man zwischen

        

(2D)      Flachpaneele

             Meist bemalte, bedruckte, gelackte, unterschiedlich furnierte und/oder mit

             flach eingearbeiteten Intarsien (Permutt-, Leder-, Mosaik-Einlagen) ver- 

             sehene Holzpaneele. Insbesondere bei den Bemalungen konnten beliebig

             freie Motive - ganz auf den jeweiligen Auftraggeber und seinen Lebensweg

             zugeschnitten - umgesetzt werden.

Verschiedene Arten von Flachpaneelen: Wurzelholz (1+2), Sternfunier (3), Intarsie (4)

(2,5 D)  Profilholz-, Leisten-, Glas- und Spiegelpaneele  

             Meist auf einen flachen Holzträger unter Verwendung von Aufsatzteilen aus

             Holz, Stuck, Keramik, Bernstein, geschliffenen und verspiegelten Glasele-

             menten sowie vergoldeten Zier-, Dekor- und Rahmenleisten erstellte

             Wandverblendungen.

             Häufige Motive: Wappen, Wappentiere, Innungszeichen, Blätter, Blüten,

             Ranken, typische "Geschäftsutensilien" der Auftraggeber etc.

Paneele mit Aufsatzelementen: Bernsteinzimmer (1), Wappen (2) u. Wappenelemente

(3D)      Szenarische Motivpaneele

             Meist auf einem einzigen Tableau räumlich mit holzbildhauerischen Mitteln

             ausgearbeitete religiöse Szenarien, antike Götter-Szenarien, Schlachten-

             Szenarien, Interpretationen von Sagen und Legenden etc. Insbesondere

             die 14 Kreuzwegstationen des Leidensweges von Jesus Christus sind ein

             relativ häufiges Paneel-Motiv in katholischen Kirchen.

Ehemals bunt bemalte mittelalterliche Motiv-Paneele aus dem Kloster Steinfeld (von rechts nach links: Kreuzwegstation 10, 11 und 12)

Relief-Paneele

             Eine Sonderform der Szenarischen Motivpaneele stellen Relief-Paneele

             aus dünnen, getriebenen Metallblechen, hinterfüttert und montiert auf Holz-

             platten dar. Da sie nicht massiv aus Metall bestehen - aber oberflächlich

             danach aussehen - wurden sie aus Gewichtsgründen häufig in beweglichen

             Kassettentüren, in Eingangsportale und Pforten eingesetzt, um die Robust-

             heit und Gediegenheit der jeweiligen Gebäude zu betonen. Motivmäßig wird

             häufig ein Bezug zur Funktion des Raumes - zu dem die Tür führt - herge-

             stellt. Oder es wird an das Leben einer mehr oder minder berühmten Per-

             sönlichkeit erinnert, die in diesen oder ähnlichen Räumen "residiert" hat.

             Relief-Paneele aus dem Mittelalter besitzen im allgemeinen eine ausge-

             prägte - meist aus dem religiösen Bereich stammende - Bild-Ikonografie

             und nehmen damit Bezug auf Wissen und Glauben der damaligen Betrach-

             ter. Tatsächlich "transferierten" Bilddarstellungen im Mittelalter weitaus

             mehr Bedeutungen, als heute "auf den ersten Blick" erkenntlich ist.

            

             Blech-Paneele als "Ersatzmedien"

Messingblech-Paneel mit pro- faner häuslicher Genre-Szene

             Vor und während kriegerischer Auseinander-

             setzungen mangelte es häufig an "kriegs-

             wichtigen" Metallen, die nunmehr zur Waffen-

             produktion, respektive zur Herstellung stahl-

             harter Legierungen, gebraucht und von den

             entsprechenden Stellen requiriert wurden.

             Für Bildhauer und plastische Künstler wurde

             es in solchen Zeiten zunehmend schwieriger,

             an geeignete Mengen von Metall-Gußmassen

             für massive Skulpturen zu gelangen. Selbst

             die Gestaltung von Ehren- und Gefallenen-

             denkmälern hatte darunter zu leiden und

             wurde gerne auf "bessere Zeiten" verscho-

             ben. Einen Ausweg aus dem Dilemma boten

             dünnwandige Bleche, die - sofern sie adäquat

             bearbeitet - fügetechnisch möglichst unsicht-

             bar miteinander verbunden und mit unedlen Materialen starr hinterfüttert

             wurden - nach außen den Eindruck von massiven Gußstücken suggerierten.

             Da die Bearbeitungs-, Füge- und Hinterfütterungstechniken von Blechen -

             im Gegensatz zu künstlerischen Gußtechniken - für viele bildende Künstler

             ungewohnt war, entstanden verhältnismäßig wenige wirklich hochwertige

             Objekte. Meist blieben die Motivausführungen in zweidimensionalen,

             flächig - linearen Darstellungen "hängen".

 

             Religiöse Motivwahl

 

             Im nachfolgenden Beispiel (Sammlungsnummer G9.3 2018.003) wurde

             offensichtlich eine alte Blechdose oder ein Blecheimer aufgeschnitten und

             der Dosen- bzw. Eimermantel zu einer dünnen rechteckigen Fläche "flach-

             geklopft". Auf dieser Fläche zeichnete der Künstler das Motiv mit Bleistift

             oder Kreide auf und begann, mit Hammer und einem Stahlnagel die Um-

             risslinien durch punktweises Nachschlagen "nachzuzeichnen". Das Motiv -

             hier eine "Madonna auf der Mondsichel" -  wurde frei nach den Vorlagen

             einschlägiger Kupferstiche des berühmtesten deutschen Renaissance-

             Künstlers Albrecht Dürer (AD) gestaltet. Druckabzüge solcher Kupfer-

             stiche waren schon zu Dürers Lebzeiten recht beliebt. Sie wurden in der

             Folgezeit gerne und häufig in Form häuslicher "Gebrauchskunst" kopiert

             und im florierenden Devotionalienhandel des Spätmittelalters in unter-

             schiedlichen Ausführungen angeboten.       

             Im deutschsprachigen Kulturraum waren übrigens Albrecht Dürers      

            "Betende Hände" besonders beliebt - ein Motiv, das vor allem im 19.

             Jahrhundert zum meistreproduzierten christlichen Bildelement wurde und

             seinerzeit fast in allen Gebets- und Schulbüchern zu finden war. In vielerlei

             Ausführungen diente das Motiv als Eisen-, Messing-, Bronze- und Keramik-

             Relief dem Grabschmuck und war auch im christlichen Alltagsleben als

             Wandschmuck - in Schlafzimmern. Wohnstuben und Klassenräumen -

             omnipräsent.

Die "betenden Hände" von Albrecht Dürer; links oben: Zeichnung in der Original-fassung (heute in der Albertina in Wien zu sehen), als Gebetsbuch-Reproduktion

(Druckausführung) sowie in verschiednen Reliefformen für den Wand- und Grab-schmuck.

Motivpaneel: "Mondsichel-Madonna"

links:     Vorlage für das Blechrelief: "Madonna im Strahlenkranz auf der Mondsichel": 

             Albrecht Dürer (1471-1528) Abzug eines Original-Kupferstiches, (um 1510)

rechts:   Albrecht Dürer: Kupferstich-Motiv-Variante, datiert 1514

Blechpaneel: "Madonna im Strahlenkranz auf der Mondsichel"; 335 x 225 mm, eingelassen in ein mehrschichtig geleimtes Nussbaum-Holzbrett (365 x 255 x 6 mm); fixiert mit 35 Nagelstiften. Sammlung: M. Hümmer; Sammlungsnummer: G9.3 2018.003)

             Trotz intensiven Nachforschungen ist es bisher nicht gelungen, das Alter des

             Blechpaneels eindeutig zu bestimmen. Vermutlich ist es erst im 20. Jahr-

             hundert - möglicherweise während oder nach dem 1. Weltkrieg - entstan-

             den. Eine dezidierte Signatur ist leider nicht zu erkennen, was angesichts

             des von Albrecht Dürer übernommenem Ursprung-Motives und der wenig

             professionellen Umsetzung auf Metallblech (siehe Ausführung des Jesus-

             kindes auf dem Arm von Maria) darauf schließen läßt, dass es sich um die

             Arbeit eines weniger erfahrenen Künstlers oder eines künstlerischen Laien

             handelt.

             Mit hoher Sicherheit ist das Paneel aber ein manuell hergestelltes Unikat,

             das in dieser Form nicht für den Devotionalienhandel bestimmt war, son-

             dern als persönliches Geschenk weitergegeben wurde. Offensichtlich hing

             es längere Zeit mit einer rückseitig angebrachten Öse an einer Wand. Mitte

             der 50-er Jahre wurde das Paneel von Dr. Karl-Ernst Hümmer aus dem 

             Nachlass einer rheinischen Obstbäuerin aus Bornheim/Merten übernommen

             und vor der bereits in die Wege geleiteten Verschrottung (durch Verbren-

             nung) bewahrt.  

 

             Zur Produktionsweise von Blechpaneelen

 

             Kleinteilige Objekte - vor allem Schmuck und Ziergegenstände aus "edlen"

             Gold- und Silberlegierungen - wurden seit alters her mit den klassisch-

             tradierten Methoden der Gold- und Silberschmiedekunst hergestellt. Für

             größerteilige Metallobjekte - beispielsweise Rüstungen und Harnische, aber

             auch für hochbeanspruchte Haushaltsgeräte (Wasserkessel, Kannen, Koch-

             töpfe etc.) - waren spezielle Schmiede zuständig. Sie "trieben" Bleche

             aus "unedleren" Metalllegierungen mittels Hammer, Amboss und entspre-

             chend vorgeformter Positiv- oder Negativschalen in die gewünschte

             Form. Es war eine hohe handwerkliche Kunst und brauchte viel Erfahrung,

             beispielsweise individuell körperangepasste Rundungen und Auskragungen

             im Metall zu erzeugen (Waffenschmiede), ohne die Bleche - vor allem an

             Knickstellen und Kanten - zu dünn auszuschlagen und damit ihrer Stabilität

             zu berauben. Noch heute werden beispielsweise die Formteile von KFZ-

             Prototypen und Vorserienmodellen, aber auch Ersatzteile zur Restaurie-

             rung von Oldtimern durch aufwendiges manuelles Dengeln und Treiben von

             Blechen erzeugt. Bei Kleinserien werden inzwischen allerdings zunehmend

             auch CNC-Werkzeugmaschinen (Drück-, Präge-, Stanz-, Hammerschlag-,

             Biege- und Laser-Kontur-Schneidemaschinen) eingesetzt und mit dem

             Einsatz digitaler 3D "Kunststoff"-Drucker zeichnet sich - wenn auch aktuell

             noch "in den Kinderschuhen" - ein neues Verfahren zur Produktion von

             "Unikat-Objekten" (auch) im Bereich der Kunst ab.     

Motivpaneel mit Christusdarstellung

             Das Messingblechpaneel (Sammlungsnr: G9.3 2018.001) ist sehr sorgfältig

             von einem erfahrenen (professionellen) "Kirchenkünstler" angefertigt

             worden. Es steht - produktionstechnisch gesehen - an der Schnittstelle

             zwischen tradierter Gold- und Silberschmiedekunst und der frühneuzeit-

             lichen Bechschmiede- und Denglerkunst.

Messing-Paneel: Portrait Jesus Christus in Profilansicht; 275 x 210 mm; randständig befestigt mit ca 52 Messingstiften auf 12 mm starkem (leicht gewölbten) Holzbrett, Erhaben gearbeitetes Zentralmotiv, erhaben umlaufende Schrift und Zierrahmen

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