Varia-Sammlung

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Zikaden-Buchstütze

Seitenansicht: "Zikaden" als Buchstütze gearbeitet, Frankreich (Provence) um 1930
Aufsicht: Buchstützenpaar "Zikaden"

Sammlungsnr.  R8-2014.001

Titel:               "Zikaden"

                       montiert auf T-förmiger

                       Holzkonstruktion, dun-

                       kelbraun gebeizt

Hersteller:        unbekannt

Künstler:          unbekannt

Datierung:        um 1930

Material:           wahrscheinlich

                       Celluloseacetat

 

Die Zikade - speziell die "Cicada oral" gilt heute als Symbol der Provence. Viele

Südfranzosen verbinden mit dem unscheinbaren kleinen Insekt ein intensives Hei-

matgefühl. Von frühester Kindheit an, bildet der "Zikadengesang" - meist unüber-

hörbar laut - eine permanente abendliche und nächtliche Geräuschskulisse, die für

Franzosen untrennbar mit ihrer südfranzösisch-mediterranen Heimat verbunden ist. Dem Literatur-Nobelpreisträger von 1904 - Frederic Mistral (1830-1914) - ist es zu verdanken, dass die Zikade und ihr Zirpen literarischen Weltruhm erlangte und sie zum Symboltier  für die Provence wurde.

Kunststoff - Designgeschichte

1895 stellte der Unternehmer Louis Sicard im Rahmen eines Werbe- und Reklame-auftrages erstmals Zikadenabbildungen aus Steingut her. Schon bald "bevölkerten" diese Steingut-Zikaden als Briefbeschwerer die Schreibtische in vielen französischen Firmen und Privathaushalten. Auch andere Gegenstände wurden nun mit stilisierten Steingut-Zikaden, die die Funktion von Griffen und Knäufen hatten (Tafelaufsätze, Schatullen, Nähkästchen, Bettpfannen etc.) verziert.

Als 1905 der erste vollsynthetisch-industriell herstellbare Kunststoff von dem Belgier Leo Baekeland (Markenname Bakelit) erfunden wurde, ermöglichte dieser duro-

plastische Kunststoff eine industrielle Massenproduktion von Formteilen, in dem man eine Pressmasse durch Eindrücken in eine Form unter Wärmezufuhr aushärten ließ. Die auf diese Weise erzeugten Teile und Gehäuseelemente fanden wegen ihrer besonderen Eigenschaften (mechanisch äußerst hart und kratzunempfindlich, vollisolierend, hitze- und säurebeständig) schon bald ihren Einsatz als Lichtschalter-, Steckdosen-, Telefon-, Radio- und Leuchtenkörper.  Zudem wurden Werkzeuge, Griff- und Bedienungselemente aus dem Kunststoff gefertigt. Auch Nachbildungen der Steingut-Zikaden wurden probeweise aus Bakelit produziert. Allerdings fanden diese - weil sie erkennbar aus "Kunst"-Stoff und als stilisierte Tierabbildungen irgendwie artfremd waren - kaum Abnehmer. Sie wurden zu "Ladenhütern" und schließlich entsorgt und weggeworfen. 

Leo Baekeland und Julius Rütgers (Rütgers-Werke) gründeten 1910 zusammen die Bakelit GmbH in Berlin und lizensierten ihr Patent an die amerikanische "General Bakelite Company". Damit begann der weltweite Siegeszug des Bakelits. Die frühen Bakelit-Produkte sind wegen ihres Designs und wegen ihrer Stellung als frühe Schlüsselprodukte sowohl in der Investitionsgüterindustrie (Maschinenelemente) als auch in der "Konsumgüterindustrie" (elektrische Haushaltsgeräte) von besonderer technisch-industriegeschichtlicher Bedeutung. Sie sind heute zu gesuchten Sammel-

objekten geworden.

Im Marketing (richtiger: in der Verkaufsabteilungen) der Kunststoff-Werke setzte man allerdings nicht nur auf die technisch herausragenden Eigenschaften des neuen Kunststoffes Bakelit sondern sah in ihm auch im wörtlichen Sinne einen "Kunst-Stoff", eben einen "Stoff für Kunst". Dementsprechend sann man darüber nach, ob und wie man (auch) die ästhetischen Eigenschaften des neuen Materials verbessern könne.

1930 gelang es, mit dem "Catalin" eine transluzente (halbtransparente) Phenolgieß-

harzmasse zu entwickeln, die man in Fortsetzung des Bakeliterfolges ebenfalls unter dem Markennamen "Bakelit" vermarktete. Im Unterschied zu "Bakelit" wird "Catalin" (deutsche Markenbezeichnungen "Edelkunstharz" oder "Trolon") gegossen und nicht

unter Hochdruck heißverpresst. Dadurch bleibt - anders als beim Bakelit - das Material hell, ist einfärbbar und mechanisch bearbeitbar. Mit dem Phenolgießharz "Catalin" wurden neue Anwendungsgebiete - so beispielsweise in der Schmuck-

industrie - erschlossen. Auf "Catalin"-Basis entstand in der Folge exklusiver Mode-

schmuck - darunter Ketten, Armreifen und nachweislich auch fast handteller-

große Zier-Broschen in Zikadenform. Schon vor dem Einsatz von "Catalin" gab es

allerdings auch schon Schmuckobjekte aus Kunststoffen, so beispielsweise aus Hartgummi, aus Cellulosenitrat (einer der Handelsname lautete "Celluloid") aus Celluloseacetat (einer der Handelnamen lautete "Cellon") und aus Kasein-Formaldehydharz (einer der Handelsmarken lautete "Galalith").

Generell war der Siegeszug der Kunststoffe zu diesem Zeitpunkt (Anfang der 30-er Jahre) nicht mehr aufzuhalten. Bakelit (Phenolharz) wurde mehr und mehr durch  Kunststoffe auf Celluloseacetat-Basis ersetzt. Diese Kunststoffe waren transparent, konnten nach Bedarf fast beliebig durchgefärbt und im Spritzgußverfahren (s.o) verarbeitet werden. Zudem waren diese Kunststoffe relativ leicht durch mechanische Bearbeitungsverfahren wie Bohren, Fräsen, Polieren etc. gestaltbar. (Brillengestelle werden heute meist aus Kunststoffen auf Celluloseacetat-Basis hergestellt).

Das Zikadenpaar auf den beiden Buchstützen (Sammlungsnr.: R8-2014.001 s.o.)

ist mit hoher Sicherheit aus Celluloseacetat-Kunststoff gefertigt worden. Herr Prof. Dr. Dr. Günther Lattermann von der Deutschen Gesellschaft für Kunststoffgeschichte e.V (dgkg) machte mich freundlicherweise auf die unterschiedlichen Materialeigen-

schaften von Phenolharz (Bakelit) und Celluloseacetat sowie auf die daraus folgende zeitliche Einordnung der Produktionsprozesse (Herstellungsdatierung) aufmerk-

sam. Es kann als gesichert betrachtet werden, dass die Buchstützen um 1930 oder kurz danach in Südfrankreich produziert wurden.  Vielen Dank für die Hinweise!

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Zinnfiguren einer Radrennfahrer-Gruppe

Pulk von Radrennfahrern in verschiedenen Rennstalltrikots
links: Radrennfahrer mit Reifenpanne

Sammlungsnr.  R8-2017.002

Titel:               "Radrennfahrer"

                       Zinnfiguren bemalt und

                       bespielt

Material:          Zinnguß; 12 Stk vollplastisch

                       als 3D-Figuren ausgearbeitet,

                       4 Stk als 2D-Flachfiguren;

                       alle mit Bodenstellplatte,

                       farbig in den Trikots der

                       früheren Tour de France-

                       Rennställe lackiert.

Abmaße:          (bis) 70 x 95 x 38 mm

                                                                                (b x h xt)

                                                         Hersteller:        unbekannt, wahrscheinlich

                                                                                aus belgischer Manufaktur

                                                         Datierung:        mutmaßlich vor 1952

 

Anmerkung: Die Radrennfahrer tragen (noch) Stoffkappen. Ab 1953 wurde das

                   Tragen von Fahrradhelmen infolge des tödlichen Unfalls von Radprofi

                   Erich Schulz beim Giro d'Italia 1952 üblich; Helmpflicht: Giro 1991;

                   Tour de France: 2003.

                   Während authentisch angemalte "Zinnsoldaten" in ihren Uniformen zur

                   Ausstattung und zum "Nachstellen" historischer Schlachten - teilweise

                   in aufwändigen (musealen) Schauplatz-Dioramen - in großen Mengen

                   und Stückzahlen produziert und gesammelt wurden, sind "Radrenn-

                   fahrer" aus Zinn überaus selten.

                   Insbesondere in den 50-er und 60-er Jahren wurden die aktuellen

                   "Zieleinkünfte" der einzelnen Etappen in den klassischen Fahrradrennen

                   (Tour, Giro, etc) wie auch die Zieleinkünfte der damals sehr populären

                   "Sechstage-Rennen" in den Fenstern und Schaukästen vieler deutscher

                   Rennsportvereine für die Öffentlichkeit nachgestellt.

(Zur Vergrößerung bitte auf die Fotos klicken)

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