"SGRAFO"- Firmenhistorie

1908    Die Porzellanmanufaktur "SGRAFO MODERN"  führt sich auf eine im Jahre

            1908 in Rudolstadt-Volkstedt (Thüringen) gegründete Porzellanfabrik zu-

            rück, die zunächst als "Fabrik für feinste Kunstporzellane" durch deren

            damalige Eigentümer Ackermann und Fritze gewerblich angemeldet und

            im örtlichen Amtsblatt registriert wurde.          

Ausformung feinster Details, hier in den Spitzenvolants der Damenbekleidung

            Die Manufaktur sah sich von Anfang an in der

            Tradition der "Meissener Porzellanschule" und

            bemühte sich, deren künstlerische Qualität

            insbesondere durch die Modellierung feinster

            Details weiter zu entwickeln und zu übertref-

            fen. Auch in der Bemalung von Ziertellern und

            Prunk-Pokalen setzte man Maßstäbe. Haupt-

            umsatzträger waren vor allen die Luxus-Tafel-

            service der Firma, die - meist aus Prestige-

            gründen - sowohl vom Adel als auch vom be-

            gütertem Bürgertum ("Geldadel") zu Feiern

            und repräsentativen Gästebewirtung benutzt

            wurden.

1910  Max Müller tritt dem Eignerkreis bei und wird zum Geschäftsführer der

         "Fabrik für feine Kunstporzellane Ackermann & Fritze" bestellt. Unter seiner

          Aegide floriert das Unternehmen. Versiert beherrscht man alle hochartifiziel-

          len Porzellanveredelungstechniken (Unterglasur-Kobalt, Vergoldung, Gold-

          ätzungen, Assemblagen etc.).

 

1940  Kriegsbedingt wird die laufende Porzellanproduktion stark eingeschränkt und

          schließlich ganz zurückgefahren.

1945  Unmittelbar nach dem Krieg bemüht sich Max Müller darum, den Produktions-

          betrieb in Rudolstadt-Volkstedt, das nun in der sowjetisch besetzten Zone

          (SBZ) liegt, wieder aufzunehmen. Allerdings erfolgen bereits im Sommer

          1945 auf Befehl der sowjetischen Militäradministration umfangreiche "Se-

          questierungsmaßnahmen", in deren Folge wesentliche Teile der mittelstän-

          dischen Unternehmen in der SBZ beschlagnahmt und durch sogenannte

          Treuhänder verwaltet und weitergeführt wurden. Auf diese Weise wurden

          rund 10.000 Betriebe in der SBZ entschädigungslos enteignet und zu volks-

          eigenen Betrieben (VEBs) umfunktioniert. Auch die Familie Max Müller ist

          von der entschädigungslosen Enteignung der Firma unter Einbeziehung aller

          firmengebundener Vermögenswerte (Grundstücke, Gebäude, Brennöfen etc.)

          betroffen. Aus der "Fabrik für feine Kunstporzellane Ackermann & Fritze"

          wird der "VEB Kunst- und Zierporzellanwerke Rudolstadt-Volkstedt".

          Immerhin gelingt es dem eingesetzten Treuhänder, eine "auskömmliche Por-

          zellanproduktion nach den planwirtschaftlichen Vorgaben in der DDR" auf die

          Beine zu stellen. Die Mitarbeiterzahl steigt wieder an. 1949 werden 30 fest-

          angestellte Mitarbeiter in dem VEB beschäftigt.

 

1949  Max Müller übersiedelt nach der Enteignung mitsamt seiner Familie aus der

          DDR in die BRD. Im der Westerwaldstadt Höhr-Grenzhausen in Rheinland-

          Pfalz gründet er eine Porzellan- und Keramikmanufaktur, der er den altüber-

          lieferten Namen: "Fabrik für feine Kunstporzellane Ackermann & Fritze" gibt.

          Er möchte lückenlos an die Tradition und das Produktionsprogramm seines

          ehemaligen Porzellanbetriebes in Rudolstadt anknüpfen.

          Die Gegend um Höhr-Grenzhausen ist als "Kannenbäcker-Land" bekannt und

          bietet den dort ansässigen Keramikbetrieben durch die Ansiedlung einer Fach-

          schule für keramische Gestaltung, heute: (Fach-)Hochschule für Keramik,

          durch das Westerwald-Keramikmuseum und den deutschlandweit wohl größ-

          ten und bekanntesten Keramikmarkt (jährlich im Juni) eine gute und kreativ-

          anregende Infrastruktur.

          Trotz ständiger Bemühungen blieb es Max Müller aber verwehrt, auf die

          produktionstechnisch nicht mehr gebrauchten Porzellanformen des Vor-

          läuferbetriebes in Rudolstadt zurückzugreifen. Zudem wird er durch seine

          westdeutsche Konkurrenz in langwierige Rechtsstreitigkeiten um Namen,

          Firmenmarke und Nutzungsrechte an Patenten etc. verwickelt.       

1955  Max Müller resigniert. Er übergibt seine Porzellanmanufaktur an seine beiden

          inzwischen herangewachsenen Söhne Klaus und Peter Müller. Klaus Müller

          übernimmt die administrative Verwaltung, Peter Müller die Porzellangestaltung

          und -produktion der Firma. Als gleichberechtigte neue Firmeninhaber entschei-

          den sie sich zu einem kompletten Neuanfang. Peter Müller erweist sich kraft

          seiner gestalterischen Sensibilität, seiner Kreativität und seiner Aufgeschlos-

          senheit für Neues als die treibende Kraft unter den Brüdern. Sie positionieren

          die Porzellanmanufaktur ihres Vaters neu, geben den tradierten Namen, für

          den der Vater zu seiner Zeit stets "gekämpft" hat, auf und verändern nach-

          haltig das Erscheinungsbild des Produktions- und Vertriebsprogramms.

          Zielgruppe sind nun kunstaffine jüngere Käuferschichten, die weniger an der

          teueren, repräsentationsorientierten  "Meissner" Porzellankunst, als vielmehr

          an stilistischen Umsetzungen und Adaptionen moderner, internationaler 

          Kunst- und Designströmungen im angehenden "Wirtschaftswunderland

          Deutschland" interessiert sind.

1956  Peter Müller entwirft als maßgeblicher Porzellanmodelleur neue Zierporzel-

          lane - vor allem Vasen und Schalen - aber auch flache Relief-Wanddekora-

          tionen (fliegende Vögel, Reiher, Schwane, Kraniche etc.). Er erprobt verschie-

          dene stilistische Umsetzungen - u.a. vom französischen Kubismus "ange-

          hauchte" Tierfiguren, expressionistische - dem "blauen Reiter" (Franz Marc)

          nachempfundene - Reliefmotive (Rehe), läßt sich vom "deutschen Nieren-

          tischdesign" und vom deutschen "Bauhausdesign" beeinflussen.

          SGRAFO MODERN; Design Peter Müller; figurative Porzellan-Objekte (ab 1956)

             obere Reihe:   Vogel-Silhouetten, montiert auf Teakholzbrettern;

             untere Reihe:  Stilisierte Tier-Figurinen (Esel, Hund, Storch)

          Wesentlicher aber noch als die künstlerisch-stilistische Ausprägung seiner

          Porzellanobjekte sind ihm jedoch die neuen, produktionstechnischen Gestal-

          tungsmöglichkeiten, die er aus der Keramikgestaltung ableitet und in die

          Porzellanherstellung übernimmt.

          Angeregt durch einige interessante Keramikobjekte, die ihm auf dem

          jährlichen Keramikmarkt seiner Heimatstadt Höhr-Grenzhausen aufgefallen

          sind, entwickelt und perfektioniert Peter Müller in der Folgezeit eine neue

          mehrschichtige Porzellangestaltungstechnik, die schichtweise - zumindest

          zwei- oder mehrfarbig angelegt - neue Möglichkeiten zu einer stärker

          graphisch beeinflußten Wirkung des Porzellans selbst (und nicht nur ihrer

          farbig bemalten Glasur-Oberflächen) bietet.

Bodenmarke (hier: grüner Stempeldruck SGRAFO MODERN + GERMANY)

          Konsequent benennt Peter Müller die neue Technik:

         "SGRAFO" und firmiert das Unternehmen zu

         "SGRAFO MODERN" um.

          Es dauert allerdings einige Zeit, bis er seine frühen,

          ab 1956 entstandenen Entwürfe perfekt in dieser für

          Porzellanobjekte neuartigen mehrschichtigen Pro-

          duktionstechnik umsetzen kann. Nicht alle Entwürfe

          eigenen sich dazu. Aber der Erfolg gibt ihm recht.

          Vor allem die SGRAFO-Zierporzellane (Vasen und

          Schalen) behaupten sich in den 50-er und 60-er

          Jahren erfolgreich gegen die schier übergroße Kon-

          kurrenz (Rosenthal, Fürstenberg, Hutschenreuther

          etc) aus dem Umfeld des bayerischen Selb und begründen den Ruf der klei-

          nen Firma "SGRAFO MODERN" als besonders innovative und impulssetzende 

          Porzellanmanufaktur auf dem deutschen Markt.

       SGRAFO - Mehrschichtporzellan

          SCRAFO MODERN;, Design Peter Müller; "Schwanenhals-Vase"; weiß-blau-weiß;

             Modellnr. 1065; Sammlung: Michael E. Hümmer, Sammlungsnummer.: G7.7 2018.001

          SCRAFO MODERN; Design Peter Müller; "kleine Schwanenhals-Vase"; weiß-blau-rosa;

             Modellnr.: 2004; Sammlung: Michael E. Hümmer; Sammlungsnr.: G7.7 2018.002

Ausstellung im Gewerbemuseum Amsterdam mit SGRAFO-Porzellanobjekten

1960  Peter Müller wird Alleininhaber des Unternehmens SGRAFO MODERN. Wie

          schon zuvor bei der Entwicklung der SGRAFO-Technik, holt er sich die An-

          regungen für die Gestaltung und Formung von Porzellanobjekten in den

          Keramikmuseen und auf den umliegenden Keramikmärkten des Kannen-

          bäckerlandes. Insbesondere interessiert er sich für neuartige Oberflächen-

          strukturen, die bis dahin in dieser Form nur auf Keramikobjekten, nicht aber

          auf Porzellanobjekten realisiert werden konnten.

          Experimentell versucht er, seine Porzellanobjekte gezielt mit geeigneten

         "Verputz"-Massen zu versehen, so dass im finalen Sprühbrand bestimmte

          Strukturoberflächen, ähnlich dem Rauputz an Häusern oder den Rauhfaser-

          strukturen auf Tapeten entstehen können.

          (Rauhfasertapeten setzten sich - das sei angemerkt - übrigens auch erst in

          den 60-er Jahren in vermeindlich jungen, modernen Wohnumgebungen

          durch).

          Peter Müller brauchte fast 8 Jahre, bis er ein geeignetes Produktionsver-

          fahren - übertragen auf Porzellan als Trägermaterial - fand und das Verfahren

          auch so sicher beherrschte, dass er die neuen Oberflächenstrukturen jeder-

          zeit auf jedem seiner Porzellanobjekte "standardisiert" reproduzieren konnte.        

        Serie Korallenvasen

1968  Die Ära der sogenannten Korallenvasen beginnt. SGRAFO MODERN bringt

          eine für damalige Verhältnisse sehr eigenwillige Reihe amorph gestalteter

          Vasen heraus. Peter Müller löst sich mit seinen Korallenvasen als Porzellan-

          modelleur ganz radikal von dem bis dahin üblichen Vasendesign. Seine

          Porzellanobjekte sind in aller Regel eher eigenständige künstlerische Tisch-

          plastiken und haben mit klassischen Vasen kaum noch etwas gemeinsam.

          Tatsächlich sind die neuen "Blumenbehältnisse" völlig asymetrisch aufgebaut.

          Aus jedem Blickwinkel ergibt sich für den Betrachter eine andere Grund-

          gestalt. Sieht man von einigen eher experimentell kubistisch verschachtelten

          Designentwürfen Peter Müllers ab, zeigen alle seine Porzellanobjekte in

          dieser Zeit eine eher organisch ineinander übergehende Linienführung.

          Vielfach sind Anklänge an humanoide Körperkonturen, vor allem an mensch-

          liche Torsi, an Hände und Handwölbungen zu erkennen.

          Die gemeinsame formale Klammer und somit das sichere Erkennungszeichen

          für originale Peter-Müller-Designs bildet die "Rauputz"-Struktur der Porzellan-

          oberflächen. Was seinerzeit (in den späten 60-er Jahren) Luigi Colani mit

          seinem provokanten, ergonomisch begründeten Stromliniendesign im Bereich

          des technischen Produktdesigns bewirkte, bewirkte Peter Müller mit seinen

         "Korallenvasen" für das Porzellandesign. Sie provozierten wegen ihrer An-

          dersartigkeit und Extravaganz den Geschmack des breiten Publikums. Vielen

          potenziellen Käufern war die Serie der Korallenvasen aber einfach zu ge-

          wöhnungsbedürftig bzw. zu skurril, um sie zuhause auf den heimischen

          Esstisch, auf den Couchtisch oder auf das Fensterbrett zu stellen. Obwohl neu-

          artig und in der Fachpresse hochgelobt, blieb den Korallenvasen ein durch-

          schlagender wirtschaftlicher Erfolg versagt. Erst im Nachhinein lässt sich die

          Bedeutung der Korallenvasen-Serie besser abschätzen.

SGRAFO MODERN: "Korallenvasen" (m. Rauhputz-Oberflächen); Produktion ab 1968; Modellnr. 2021 (vorne), 2024 (mitte), 2027 (hinten); Design: Peter Müller, Sammlung: Michael E. Hümmer

Gestaltungskriterien

(Zur Vergrößerung und besseren Detailerkennung bitte auf die Abbildungen klicken)

obere Reihe:     asymetrisch-amorphe Vasenkörper (ohne jegliche Rotationssymetrie)

untere Reihe:    Einbuchtungen, Wölbungen, Löcher; ergonomisch-anthropologische Linien-,

                          Kontur- und Flächengestaltung; Rauhputz-Oberflächen

         In der Folgezeit nimmt Peter Müller immer wieder einige seiner frühen Por-

         zellanentwürfe aus den 50-er und 60-er Jahren auf. Nicht zuletzt deshalb wird

         die Datierung der SGRAFO-Porzellanobjekte von den Kunstexperten in Auk-

         tionshäusern entwurfsstilistisch meist diesen beiden Dekaden zugeordnet,

         obwohl sie in aller Regel erst viel später - in den 70-er und 80-er Jahren -

         produziert wurden.

         Bei unveränderter struktureller Gestalt, variieren viele der SGRAFO-Vasen

         nur in der Größe, in der Farbe der Porzellanschichten und in der Form der

        "Ritzungen".      

         SGRAFO-Schalen sind meist zweifarbig - außen weiß und innen komplett

         mit einer blauen, rosa, grünen oder grau durchgefärbten Rohporzellanschicht

         versehenen, die im Endzustand nach dem Brennen leicht mit einer homogen

         aufgetragenen Farbglasur verwechelt werden kann.

1990  Der Aufwand zum permanenten Betreiben der Porzellanbrennöfen wird für

          Peter Müller und seine kleine Porzellanmanufaktur zu groß. Die Fertigung

          kann ohne wesentliche kapazitätssteigernde Investitionen in den Maschinen-

          park auf Dauer kaum noch wirtschaftlich betrieben werden. So fällt der

          Entschluß, die Porzellanfertigung nach und nach einzustellen und statt dessen

          das Keramikstudio, das auch in handwerklicher Einzelfertigung betrieben

          werden kann, weiterzuführen und auszubauen.

          Für einige Zeit experimentiert Peter Müller mit Mischformen, die zwischen

          Porzellan und Keramik angesiedelt sind. So entsteht unter anderem eine

          Reihe von bemerkenswerten braunen, basaltgrauen und weißen Hohl-

          körperformen, die an erdige Feldfrüchte, an Steinformationen oder an

          schroffe Eisberge erinnern.

          Auf den Oberflächen seiner Korallenvasen testet Peter Müller bis ins Jahr

          1995 die Zusammensetzung und den individuellen Fluß von Oberflächen-

          glasuren aus, deren Verlauf - bedingt durch die amorphe Gestalt der Vasen-

          körper - kaum vorhersehbar ist und häufig zu überraschenden Lösungen

          führt. Auf diese Weise entstehen eine Vielzahl von Unikaten.

1995  Peter Müller tritt in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Unternehmen

          SGRAFO MODERN wird zum 31.12.1995 abgemeldet und erlischt ohne dass

          ein direktes Nachfolgeunternehmen die Produktion übernimmt und fortführt.

          Das macht heute SGRAFO-Prozellanobjekte, insbesondere die Serie der

          Korallenvasen, zu gesuchten Museums- und Sammlerstücken. 

          Dennoch ist für ein Fortleben der Gestaltungsideen und Designs - wenn

          auch indirekt - gesorgt. Seine Tochter Yvonne Müller, eine studierte Wirt-

          schaftsingenieurin, lernte im Betrieb ihrer Eltern die Grundlagen der Keramik-

          gestaltung kennen. Sie wird selbst eine hervorragende Designerin und grün-

          det 1976 - zusammen mit ihrem Mann Axel Schubkegel - das Keramik-

          unternehmen ASA in Höhr-Grenzhausen.

          Das designorientierte, dem Leitbild einer modernen "Koch- und Tischkultur"

          verschriebene Unternehmen ist inzwischen in über 60 Ländern erfolgreich

          und wird heute in zweiter Generation unter dem Label "ASA Selection" von

          den Geschwistern Boerge und Katrin Schubkegel geleitet.        

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