Michael E. Hümmer

Michael Hümmer 1954/55

1950      Michael Edwin Hümmer wird am

              26.02.1950 als ältester von drei

              Söhnen des  Verbandsdirektors

              Dr. Karl-Ernst Hümmer und seiner

              (zweiten) Frau Maria C. C. Hümmer

              -Fey in Bonn geboren. Der Vater

              - ein hochgewachsener, sportlicher

              Mann - stammt aus einer boden-

              ständigen Bäckersfamilie in Wald-

              büttelbrunn / Würzburg. Er ist -

              da "freigeborener Franke" - ein

             "Mußbayer", der Ende der 20-er

              Jahre aus beruflichen Gründen

              aus Franken in's Rheinland in

              den Raum Köln/Bonn verschlagen

              wird. Die Familie wohnt in der

              Bonner Nordstadt, Oppenhoffstraße/ Ecke Adolfstraße gegenüber dem

              damals noch unbebauten Frankenplatz. Die Mutter - Maria C. C. Hümmer

              geb. Fey - stammt aus einer Baumschulistenfamilie in Meckenheim (bei

              Bonn), wohin die Familie sonntags - wenn sie nicht das "Strandbad Beuel"

              bevölkert - zu Besuch fährt.

Karl-Ernst Hümmer: Falke (1923)

              Der Vater - Karl-Ernst Hümmer - war ein

              guter Beobachter und Zeichner. Während

              seines Studiums (Literatur und Volkswirt-

              schaft) in Würzburg hatte er Kontakt zu

              der dortigen künstlerischen Bohemien

              aufgenommen, die sich in der "Neuen

              Welt", einer Künstlerkolonie von Malern,

              Literaten und Interlektuellen nahe

              Würzburg traf. Karl-Ernst Hümmer war

              zunächst ein talentierter Laien-Zeichner,

              der "Gott und die Welt" auf seinen Aus-

              flügen portraitierte. In der "Neuen Welt"

              erhielt er Zeichenunterricht von der

              Malerin Gertraud Rostowsky, die zum

              direkten Umfeld der Dichter Max

              Dauthenday und Ludwig Röder sowie der

              Würzburger Malerin Rita Kuhn und des

              Malers Otto Moderson gehörte. Karl-Ernst

              war vom unabhängigen Leben eines Bo-

              hemien begeistert. Es fehlte nicht viel

              und er hätte sein Studium sausen lassen, um in der "Neuen Welt" ein "freier

              malender Literat" zu werden.        

Karl-Ernst Hümmer: Beethoven

               Seine Eltern "bändigten" den "studen-

               tischen Freigeist" ihres Sohnes und

               riefen ihn "in die Niederungen eines

               ordentlichen Erwerbslebens" zurück.

               Karl-Ernst schloß daraufhin sein Stu-

               dium mit einer Promotion über den

              "Ständegedanken und die Entwicklung

               des bäuerlichen Standesbewußtseins"

               ab. In Köln wurde ihm daraufhin eine

               Stelle in der Kreisbauernschaft ange-

               boten, von der er später als Geschafts-

               führer in das Regionalbüro nach Bonn

               wechselte. Karl-Ernst Hümmer war kein

               ausgesprochener Kunstsammler, hatte

               aber zeitlebens viel Kontakt zu Künstlern und Künstlerinnen, die er - so-

               fern sie ihm wirklich notleidend erschienen - mit dem Notwendigsten

               (vom Bonner Erzeuger-Großmarkt, den er mitgegründet hatte) versorgte.

               So kam insbesondere in den kargen Nachkriegszeiten das ein oder andere

               Kunstwerk - sicherlich nicht systematisch, sondern eher beiläufig gesam-

               melt - in seinen Besitz.

1955      Umzug der Familie infolge eines ausgeprägten, chro-

              nischen Keuchhustens der Kinder Michael, Christian

              und Georg aus der Bonner Nordstadt in die "Höhen-

              luft" nach Ippendorf. Die Familie kauft ein Mehrfami-

              lienhaus an der Ippendorfer Allee (Nr. 66) mit einem

              großen Nutzgarten, in dem neben Kirschen, Äpfeln

              und Nüssen auch jede Menge Beeren zu finden sind.

              Hier wachsen die Kinder - im Spielumfeld von

              Kreuzberg, Melbbachtal und dem Katzenloch(tal)

              relativ naturverbunden auf.

1956     Zusammen mit 56 anderen Erstklässlern wird Michael in die katholische

             Volksschule Ippendorf -  bei Lehrer Böger eingeschult. Konrad Böger war

             Kriegsveteran, hatte einen Arm verloren und konnte damit seinem Hobby,

             der angewandten Volkskunde, nur noch begrenzt fröhnen, da ihm Ausgra-

             bungsarbeiten verwehrt waren. Er war aber ein überaus profunder Kenner

             aller historischen (altgermanischen, römischen und mittelalterlichen) Sied-

             lungsstätten im näheren Umfeld von Ippendorf und schickte deshalb seine

             Schüler regelmäßig auf Entdeckungs- und Suchtouren, um an abgelegenen

             Stellen entsprechende Artefakte auszugraben. Die Ausbeute war nicht

             unerheblich. Sie lagert heute überwiegend in den Depots des Rheinischen

             Landesmuseums in Bonn.

             Mit jeder Entdeckung wuchs natürlich auch die Begeisterung der kleinen

             Ausgräber und so vermochte es der ansonsten doch recht strenge Lehrer

             Böger, in Michael eine tiefe Achtung vor "kulturbehafteten Objekten"

             zu wecken - selbst wenn sie z. B. als Tonscherben zunächst noch so un-

             scheinbar erschienen. Und so hat der kleine Michael ganz elementar am

             praktischen Beispiel gelernt, dass das Äußere eines Objektes zwar wichtig,

             aber keineswegs entscheidend ist - dass hinter jedem Kulturobjekt eine

             Geschichte steckt und häufig erst diese Geschichte es ist, die den Objek-

             ten eine eigene Werthaltigkeit verleiht.

1960    Nach einer recht happigen Aufnahmeprüfung "darf" Michael das natur-

            wissenschaftlich-mathematische Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (EMA) in

            Bonn besuchen. Sein Schulstart im Gymnasium fällt nicht gerade glänzend

            aus: In Latein 'ne glatte 5!  In Mathe so la-la. In Sport, Musik und Kunst

            dafür eine Eins! Dennoch, die Versetzungen sind und bleiben in der

            Folgezeit stets gefährdet und es bedurfte schon einer Menge teuren

            Nachhilfeunterrichts (vor allem in Latein), um "dabeizubleiben".

            Der daraus resultierende Schulfrust ist nicht unerheblich und frisst sich

            bei dem Jungen ein. Dann zeigen sich plötzlich Alternativen.

Michael Hümmer: "Mick Jagger" (1964)

1963    Die Beatles lassen erstmals aufhorschen, nur

            wenig später die Rolling Stones. Deren "Lieder"

            sind nach Meinung des Vaters: "reine Neger-

            musik" und alleine schon deshalb interessant

            für Michael. Er läßt sich einen gebrauchten

            Plattenspieler schenken und "dudelt" die Neger-

            musik in voller Lautstärke rauf und runter ab.

            Logische Konsequenz: Ein heftiger, häuslicher

            Konflikt mit seinem Vater. Der erste, innere

            Widerstand äußert sich in lautem Protest:

            Neue Songs, neue Zeiten. Michael lässt seine

            Haare - für die damalige Zeit - lang wachsen,

            liest Spiegel, Pardon und Konkret und droht

            nach Meinung des Vaters ein "Trotzkist" zu

            werden. Er geht auch zu einigen Demos und

            Sit-Ins in Bonn. Aber das Ausleben alternativer

            politischer Ansichten reizt den Jungen nicht

            wirklich. Statt dessen zieht er sich in sich selbst zurück und beginnt zu

            zeichnen. Kuba-Krise, die Ermordung Kennedys, das Flächenbombarde-

            ment in Vietnam, der kalte Krieg", das Wettrüsten in Ost und West,

            zuletzt der sogenannte "Nato-Doppelbeschluß", das alles läuft in dem

            Jungen auf das Gefühl hinaus, dicht und völlig wehrlos vor einen "Eve

            of Destruction" (Song von Barry McQuire) zu stehen. Nachträglich läßt

            sich feststellen, dass die Menschheit damals tatsächlich mehrfach vor

            einem atomaren "Overkill" stand "und nur mit sehr, sehr viel Glück einem

            Desaster entgangen ist" (amerik. Verteidigungsminister Robert McNamara).

            Die Angst vor einem 3. Weltkrieg ist auch im EMA-Gymnasium zwar

            inhaltlich nur latent, aber dennoch allgegenwärtig spürbar. Michael singt

            in einer Bonner Folk-Gruppe Protestsongs (Bob Dylan; Joan Baez etc.)

            und zeichnet sich - soweit es geht - auf seine Art von seiner Angst frei.

            Längst ist dem Jungen klar geworden, dass er mehr künstlerisch-kreative

            Talente als manch einer seiner Mitschüler hat. Zeichnungen wie "Das

            Weltauge", "Die Welt ist gut!" und "Stimmen aus dem Massengrab"

            entstehen.

Michael Hümmer: "Das Weltauge" (1968)

Michael Hümmer: freie Gedichtinterpretationen nach Erich Kästner (1966)

links: "Die Welt ist gut"                           rechts: "Stimmen aus dem Massengrab"

            Am EMA - Gymnasium kommen erste "radikal-kritische Schülerproteste"

            auf, die politisch motivierte studentische '68-Revolte zeichnet sich ab.

            Dagegen steht die Hippy-Bewegung, Flower-Power, Pop-Art, Op-Art,

            Love and Peace. "Gammeln statt Leistungsstress" ist angesagt! Michael

            wird ein überzeugter Mitläufer dieser Bewegung, wohl auch - weil wieder

            einmal eine "Wiederholungsrunde" auf dem Gymnasium droht.

1968    Michael verläßt "auf eigenen Wunsch" das Gymnasium, um - wie es in

            seinem Abgangszeugnis vermerkt ist - "ein Praktikum in der Industrie

            zu beginnen". Zunächst "werkelt" er übergangsweise einige Monate in

            der Bonner Buchbinderei Dormagen. Dann unterschreibt er einen ein-

            jährigen Maschinenbau-Praktikumsvertrag bei der Ford AG in Köln.

            Nach dreimonatiger "Sägerei, Feilerei und Hohnerei" in der Lehrwerk-

            statt wird Michael an's Band in die Produktion geschickt. Nicht um dort

            zu arbeiten, sondern um den Kollegen vor Ort bei ihrer Arbeit zuzusehen!

            Die Kollegen vor Ort machen dem Jugendlichen schnell klar, was "das

            echte Leben" ausmacht. Als Praktikant steht Michael auf der untersten

            Stufe der betrieblichen Rangordnung. Er erhält überaus praxisnahen

           "Lebensunterricht" und muss mehr als einmal "die Zähne fest zusammen-

            beißen".  Immerhin lernt er sehr eindringlich, dass "Kohle" das Maß aller

            Dinge ist und dass man "richtig viel Kohle" nicht als Arbeiter (im Blaumann)

            an der Werkbank, sondern als Techniker/Ingenieur (im weißen Kittel) oder

            gar als Sektions- oder Hallenchef (im Anzug) verdient.

            Die Begegnung mit der sozialen Wirklichkeit tut Michael "für sein Leben

            gut". Es klickt in ihm, seine Schalter sind mit einem Schlag umgestellt:

            Gammelei, Flower-Power, Love and Peace und die begleitende "Alles-

            Easy-Mentalität" ist plötzlich verflogen.

1969    Michael geht wieder zur Schule, macht das Fachabitur in der Fachober-

            schule für Technik in Bonn nach und verläßt die Schule mit dem schul-

            besten Zeugnis, um an der Ingenieurschule in Köln Maschinenbau mit

            der Fachrichtung Konstruktionstechnik und der Vertiefungsrichtung Robotik

            zu studieren. Die "alten" Ingenieurschulen wurden damals gerade in "neue"

            Fachhochschulen umgewandelt. Michael, den man zur damaligen Zeit

            wegen seiner gelben Regenschutzjacke überall nur mit seinem Spitz-

            namen "Der Gilb" kannte, kam im Maschinenbaustudium zügig voran,

            wurde in den Fachbereichsrat und als studentischer Vertreter in den

            Konvent/Senat der Hochschule gewählt.

1970    Hier durfte "der Gilb" unter anderem an der Institutionalisierung der Fach-

            hochschule (Ausarbeitung einer Verfassung, Verabschiedung der Studien-

            ordnungen, Überleitung der Ingenieurgraduierungen in Diplomprüfungen

            etc.) mitarbeiten.

            Ministeriellerseits wurde entschieden, dass die am Ubierring in Köln ansäs-

            sigen Kölner Werkschulen ebenfalls in die Fachhochschule Köln zu inte-

            grieren seien. Das war eine "kleine" Revolution, führte es doch dazu, dass

            die ehedem so freien Künstler nun ebenfalls ihr neues "Kunst- und Design-

            studium" mit einem Diplom abzuschließen hatten und - was viel schwerer

            wog - die Prüfung nach einem jederzeit revisionsfähigen, benoteten

            Leistungssystem erfolgen mußte. Für Künstler undenkbar, warf dies natür-

            lich gleich wieder die altbekannte Frage auf, wie man denn Kreativität,

            respektive kreative Kunst bewerten solle, also was im Ergebnis sehr

            gute, gute, befriedigende, mangelhafte oder gar ungenügende Kunst sei.

            Im Nachherein betrachtet, gab's damals sowohl unter den Kunstprofes-

            soren wie auch unter den Kunststudenten nur "Bedenkenträger", die viel

            lieber die Freiheit einer Kunstakademie nach dem Düsseldorfer Vorbild

            genossen hätten und insofern eine "Verschulung" ihrer renommierten

            Kölner Werkschulen als Fachbereich 7 an der Fachhochschule Köln stikt

            ablehnten. Keiner wollte an dieser "feindlichen Zwangsfusion" mitwirken.

            Bildreihe oben:

            Auszug aus der Bewerbungsmappe zum Nachweis der künstlerischen

            Eignung für ein Industrial Design Studium (Zeichnungsskizzen)

Michael Hümmer ("Der Gilb") mit Freund und Studienkollege Hans Knaust (sitzend)

1971    Irgendwie traf es sich in dieser Situa-

            tion gut, dass "der Gilb" als fast fer-

            tiger Maschinenbauer und ohnehin

            gewähltes Konvent-/Senatsmitglied

            schon immer Designer, speziell In-

            dustrial-Designer werden wollte und

            so konnte "der Gilb" mit Sonderge-

            nehmigung des damaligen Rektors

            (Prof. Dr. Atrops) modellhaft gleich in

            zwei Fachhochschul-Studiengängen

           "interdiszipinär und parallel zueinan-

            der" studieren. Voraussetzung für

            die Sondergenehmigung war die

            Vorlage einer "ordentlichen Künst-

            lermappe", anhand derer die künst-

            lerische Eignung des Studienkandidaten für den Designberuf festgestellt

            wurde. Als "Gegenleistung" für das Doppelstudium war "der Gilb" ange-

            halten, seine Stimme zusätzlich auch als Vertreter der Kunststudenten

            im Gründungskonvent/Senat der Fachhochschule zu erheben. So war

            dem Rektor und dem Gilb geholfen.

Michael Hümmer: Industrie-Roboter

1973    Abschluß des Maschinenbaustudiums

            bei Prof. Dr. Schleiffer mit dem

            Thema: "Konstruktion und Berech-

            nung eines pneumatisch gesteuer-

            ten Industrie-Roboters" mit Pädi-

            katsexamen (1,7). Das Maschinen-

            baustudium erwies sich in der

            Folgezeit als ideale Grundlage

            für das Industrial-Design-Studium

            bei Prof. Glasenapp/ Prof. Burandt.

            Während Prof. Werner Glasenapp

            (1904-1977) - ein gestandener De-

            signer, der 1947 bereits die Designabteilung der Essener Folkwangschule

            aufgebaut hatte - die formal-gestalterischen Aspekte der Designarbeit

            lehrte, vertrat Prof. Ulrich Burandt - ein Absolvent der Hochschule für

            Gestaltung in Ulm - die nutzungsorientierten, insbesondere die technisch-

            ergonometrischen Voraussetzungen der Produktgestaltung. Das ergänzte

            sich hervorragend.      

             Bildreihe oben:

             Zeichnungsübungen (Renderingtechnik) und Entwurfsübungen:

             Design von Stadtmöbelsystemen/ Transport- u. Verkehrssystemen

             Bildreihe unten:

            "Oskar lebt!" Umriss-Gelenkschablone zur Überprüfung situations-

             bedingter Körperhaltungen, Blickfelder und Greifräumen.

            Ulrich Burandt war "von Leib und Seele" Ergonom. Ein Lehrer, der vom

            Typ her weniger Künstler als vielmehr Wissenschaftler war und der sein

            Wissen eloquent und mitreissend weitergeben konnte.

Michael Hümmer: "Oskar color"

            "Der Gilb" lernt viel von ihm. Um er-

            gonomische Studien (beispielsweise

            zur bedienungsoptimierten Ausle-

            gung von Produkten) schnell und

            sicher durchführen zu können, fer-

            tigt Michael spezielle Gliederpuppen

            und mit Gelenken ausgestattete

            Zeichen(umriß)schablonen in ver-

            schiedenen Normgrößen an (Mann,

            Frau, Kind, jeweils in großer, kleiner,

            dicker und dünner Ausführung).

            Die Zeichenschablone des ergono-

            metrischen Norm-Durchschnittstypen wird feierlich auf den Namen "Oskar"

            getauft und dieser "Oskar" taucht auch in späteren Jahren immer wieder

            als "Projektbegleiter" in Michael Hümmers Arbeiten auf.

            Auf Empfehlung von Prof. Burandt belegt "der Gilb" als ordentlicher Design-

            Student (nebenbei) zwei Semester im Fachbereich: "Experimentelle Um-

            weltgestaltung" an der HfbK Braunschweig bei Prof. Dr. Maser. Dieses Zu-

            satzstudium kommt allerdings aus Zeitgründen kaum über den Gasthörer-

            status hinaus, vermittelt aber wertvolle Erkenntnisse zur "soziokulturellen

            Bedeutung" des Designs, zur schwindenden "Nachhaltigkeit industrieller

            Produktionsformen" sowie zur damals noch relativ neuen Forderung nach

            einer möglichst vollständigen "Recyclebarkeit von Produkten".

MH: Bauelemente eines Druckluft-Manometers '73

1974/  Abschluß des Industrial-Designstudiums bei

1975    Prof. Ulrich Burandt mit dem Thema: "Praxis-

            orientierte Methoden und Hilfsmittel im kon-

            struktiv-gestalterischen Produktentstehungs-

            prozeß". In dieser Diplomarbeit wird die Kom-

            binationsfähigkeit von computergestützten Ent-

            wurfsprogrammen mit individuellen Kreativi-

            tätstechniken untersucht. Als begleitende prak-

            tische Arbeit entwickelt "der Gilb" eine Reihe

            neuer Druckluft-Manometer für den Lehrmittel-

            bereich der Leybold-Heraeus GmbH in Köln.

            In Anwendung der Diplomarbeit demonstriert

            "der Gilb" dabei die Vorteile einer systematisch

            durchgeführte Funktions- und Wertanalyse,

            die bei den Druckluftmanometern zu einem

            produktionstechnisch günstig herzustellenden

            und einfach zu montierenden Bausatz von nur

            7 Bauelementen aus Plexi-Glas führt.

1975    Aufnahme eines Drittstudiums an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelm

            Universität in Bonn. Im Hauptfach studiert Michael Hümmer Kommunika-

            tionsforschung und Werbepsychologie bei Prof. Gerold Ungeheuer am IPK

            Bonn, im Nebenfach Kunstgeschichte und Kunstpädagogik bei Prof. Justus

            Müller-Hofstede. Obwohl er durch die beiden vorherigen Studienabschlüsse

            einige Semester angerechnet bekommt, merkt Michael schnell, dass ihn

            der akademische Lehrbetrieb an der Universität von seinem eigentlichen

            Berufsziel, ein ingenieurtechnisch-konstruierender Industrial Designer zu

            werden, immer weiter entfernt. Er zieht die Reißleine, möchte mehr Gestal-

            tungspraxis "eintanken" und fragt bei Leybold-Heraeus um eine Halbtags-

            stelle an. Die kann man ihm nicht in der Konstruktionsabteilung, wohl aber

            in der Werbeabteilung anbieten.

Jochen Gross: Mentor und Förderer

            Hier trifft Michael Hümmer 1976 auf den damaligen

            Werbeleiter Jochen Groß - ein wahrer "Menschen-

            fänger" - der den Berufsanfänger in der Folgezeit

            unter seine Fittiche nimmt, ihn fördert und aufbaut.

            Jochen Groß setzt seinen Schützling als "Agent Pro-

            vokateur" im Unternehmen ein, fordert ihn zum

            Querdenken auf und läßt ihn (als außenstehende

            Halbtagskraft!) eine kritische "Studie zur Produkt-

            gestaltung", später eine "Studie zur Farbgestaltung"

            und schließlich eine umfangreiche "Studie zum

            Corporate Design des Gesamtunternehmens"

            schreiben.

1976    Die Studien sind provokant und "erregen" das

            Interesse des Unternehmensmanagements. Man erkennt schnell, dass

            (ergonomisch) gut gestaltete Produkte nicht nur im Konsumgüterbereich

            sondern auch im Hightec-Investitionsgüterbereich ein wichtiges Quali-

            tätskriterium darstellen und zudem auch ein probates Mittel zur Konkur-

            renzabgrenzung sind. Und so bietet man Michael Hümmer einen Fulltime-

            Job in der Werbeabteilung der Leybold-Heraeus AG mit der Auflage an,

            in Köln ein kleines Industrial-Design-Team aufzubauen.

1977    Michael Hümmer beendet sein Drittstudium an der Uni Bonn. In den

            folgenden Jahren hat er berufsbedingt nur wenig Zeit, sich selbst

            künstlerisch zu betätigen. Wie sich herausstellt, sind drei seiner Kollegen

            in der Kölner Werbeabteilung aktive Künstler (Rudolf Linden, Claus

            Harnischmacher und Otfried Mahnke). Sie arbeiten halbtags als fest

            angestellte Grafiker und Illustratoren, um sich und ihre Familien "über

            Wassser zu halten". Die restliche Zeit verbringen sie in ihren Ateliers,

            bereiten "mit langer Hand" Ausstellungen ihrer aktuellen Werke vor und

           "lassen den lieben Gott einen guten Mann sein" (Zitat Rudi Linden).

Michael Hümmer (1980)

            Michaels Sammelleidenschaft wird - wohlwollend

            unterstützt von seinem Chef Jochen Gross - geweckt.

            Beide besuchen die Ateliers "ihrer" Künstler, disku-

            tieren mit ihnen über die Köln-Bonner Kunstszene,

            über Künstlerkollegen und deren Projekte und erteilen

            Ihnen auch den ein oder anderen privaten Auftrag.

            Michael macht innerhalb des Unternehmens Karriere,

            steigt vom Teamleiter Industrie Design bis zum Abtei-

            lungsleiter der Zentrale Marketingkommunikation auf.

            Mehrfach werden Arbeiten von ihm und seinem Team

            mit internationalen Designpreisen ausgezeichnet.

1989    Michael wechselt die Firma, geht als Leiter Marketing-Kommunikation zur

            Klöckner-Moeller Gruppe nach Bonn und ist dort in den Folgejahren für die

            Werbung, für das Corporate Design des Unternehmens und die Entwicklung

            und Einführung elektronischer Medien (Kataloge und Online-Medien) ver-

            antwortlich. Unter anderem wird er auch Geschäftsführer der konzern-

            eigenen Moeller-Publishing GmbH (vormals FLS-Studio, Bonn). Aus Zeit-

            mangel kommt Michael Hümmer nicht dazu, seine eigenen künstlerischen

            Ambitionen zu verwirklichen. Nur an einem bereits seit 1978 aufgelegten

MOM     Kunstprojekt, das er MOM (Measure of Man) nennt, arbeitet er gelegentlich

            weiter. MOM analysiert die menschlichen Idealmaßen, die in der Kunst

            der verschiedenen Kulturepochen gebräuchlich waren. Die Ergebnisse

            dieser Analysen sind als ästhetische Maßsysteme auf 5 Bildtafeln doku-

            mentiert und in Form farbiger Temperazeichnungen exemplarisch

            dargestellt:

            Tafel 1: das altägyptische Maßsystem

            Tafel 2: das griechisch/römische Maßsystem                         (verschollen)

            Tafel 3: das Maßsystem Leonardo da Vincis und Albrecht Dürers

            Tafel 4: das Maßsystem von LeCorbusier und dem Bauhaus   (verschollen)

            Tafel 5: das ergonometrisch-designorientierten Maßsystem

Michael Hümmer: MOM-Projekt- Tafel 3: "Ecce homo" Tempera auf Holz; 120 x 120 cm

Abb links:  MOM-Projekt                           Abb. rechts: MOM-Projekt

                Tafel 1                                           Tafel 5

                120 x 45 cm                                   120 x 45cm

1998      Michael Hümmer verläßt die Firma Klöckner Moeller und nimmt neben-

              beruflich einen Lehrauftrag an der Hochschule Niederrhein im Fachbereich

              Design in Krefeld an. Für nahezu 10 Jahre lehrt er dort jeweils freitags

              das Fach "Medienmarketing". Es ist eine wild bewegte Zeit, geprägt

              durch einen - wie man nachträglich weiß - überwiegend spekulativen

              Börsen-Hype im Bereich der Neuen Medien.

              Michael Hümmer ist mittendrin.

              Er wird Mitgründer einer Leverkusener Medienagentur - der Rationet

              Multimedia AG  - und wird zu deren Vorstandsvorsitzenden bestellt. Die

              Rationet AG erstellt im Kundenauftrag elektronische Kataloge für

              Industrieunternehmen und greift dabei auf die neuentwickelte Cross-

              media Publishing-Software COMELION der Firma Codes Communication

              Design zurück.

 2001     Die Spekulationsblase platzt. Schlagartig fallen wichtige Kundenaufträge

              weg. Sowohl die Rationet Multimedia AG wie die Codes Communication

              Design GmbH verfehlen ihre wirtschaftlichen Entwicklungsziele, werden

              insolvent und schließlich liquidiert. Michael Hümmer verliert - auch privat -

              viel Geld, muß "kleine Brötchen backen" und sieht sich als teilweise

              persönlich haftender Gesellschafter von Seiten der Banken gezwungen,

              große Teile seines Privatbesitzes (und seiner Kunstsammlung) herzu-

              geben. Er steht plötzlich vor dem beruflichen Aus. Der Lehrauftrag an

              der Hochschule Niederrhein hält ihn aufrecht. Zusammen mit seinen

              Freunden Friedrich Engstfeld und Claus Lottis gründet er ein kleines

              Pressebüro (Medialectures GmbH) in Bonn und hält sich in den Folge-

              jahren mit journalistischer Arbeit (Presseartikel, Public Relation und

              Lobbyarbeit) über Wasser.

Michael Hümmer mit seiner Mutter und der Statue von Heinrich Böll im Rheinischen Landesmuseum Bonn

2007      Michaels Mutter - Maria Hümmer-Fey- ver-

              stirbt im Alter von 84 Jahren in Bonn. Er

              selbst erleidet wenig später einen Herz-

              infarkt, nach einem halben Jahr dann

              einen zweiten. Michael Hümmer sieht sich

              gezwungen, ruhiger zu treten und "Ballast"

              abzuwerfen. Er kündigt (mit großem Be-

              dauern) seinen Lehrauftrag in Krefeld,

              schließt das Pressebüro (Medialectures

              GmbH) und geht in den vorgezogenen

              Ruhestand. Die Zeit der Rekonvaleszenz

              (Reha) verbringt er mit künstlerischen

              Arbeiten. Unter anderem entstehen ver-

              schiedene collagierte Werke sowie erste

              dreidimensionale Objekte

Michael Hümmer: "Weltkrieg" (2007)

 Weltkrieg

 Collage, bestehend aus zwei über-

 einander angeordnete Tafeln.

 

 Tafel 1 subsummiert Hitler und

 seine Gegenspieler (Roosevelt,

 Churchill, Stalin). Der Bombenkrieg,

 die  "Blitzkrieg"-Eroberungsfeldzüge,

 der erbitterte finale Häuserkampf,

 dies alles wird durch gemalte

 schwarze Silhuetten angedeutet.

 (Die Silhuetten sind nach bekannten

 Pressefotos von Kriegsbericht-

 erstattern entstanden).

 

 Tafel 2 behandelt die Folgen des

 Weltkrieges. Schwarz dominiert

 die Erde. Der Tod ist allgegen-

 wärtig. Leere Konturen und Ab-

 sperrungen prägen den Hinter-

 grund. Menschliche Kultur und

 Geschichte zählt nicht mehr, ist

 rot gestrichen. Der EAN-Code

 als Chiffre für die digitalisierte

 Nachkriegswelt tritt seinen

 Siegeszug an.

Michael Hümmer: "Der Wächter" Eisenskulptur (2009)

2008     Michael Hümmer belegt einen Elektro-

             schweißer-Lehrgang für Künstler am

             HBZ (Handwerk-Bildungszentrum) in

             Siegburg. In den Folgejahren ent-

             stehen hier viele Eisen-/Stahlskulp-

             turen aus seiner Hand, die überwie-

             gend als Tisch- oder Gartenplastiken

             ausgelegt sind.

             Die Skulpturen sind für ihn dreidimen-

             sionale Materialbilder. In der Regel

             sind sie aus zufällig vorgefundenen

             Schrottteilen zusammengeschweißt,

             die erst in ihrer spezifischen Kombi-

             nation Konturen und damit auch ihre

             figurale Wirkung erhalten. Da auch

             die Oberflächen bewußt die groben

             Bearbeitungsspuren des Rohmaterials

             unverfälscht wiedergeben, entsteht

             eine fast archaische wirkende Anmutung

             von Kraft, Energie, Härte und Dauer-

             haftigkeit beim Betrachter. Und genau dieses Spiel von elementarer An-

             mutung, vager Erinnerung, Erkennung und Deutung fasziniert den

             Künstler.

             Neben der künstlerischen Arbeit betätigt sich Michael Hümmer gelegentlich

             als Restaurator für Ölgemälde. Die Säuberung und Wiederaufarbeitung

             eines größeren Gemäldes von Carl Nonn "setzt ihn innerlich wieder auf

             die Spur".

             Er recherchiert die Lebensdaten dieses Bonner Malers und stößt dabei auf

             die Gruppe der Eifelmaler rund um Fritz von Wille. Die gegenseitige Beein-

             flussung aber auch die feststellbaren Gegensätze in der Malweise der

             Düsseldorfer Landschaftsmaler faszinieren ihn. Er besucht Ausstellungen

             und Museen, recherchiert in Antiquariaten nach Künstlerverzeichnissen

             regionaler und lokaler Künstlervereinigungen, nach Künstlermonografien

             und Ausstellungsverzeichnissen. Auf privaten Geschenk-CD-ROMs hält

             Michael Hümmer die Ergebnisse seiner Recherchen und Bildanalysen fest.

             Das spricht sich rund und so arbeitet Michael Hümmer auf Bitten von

             Verwandten und Bekannten in der Folgezeit die persönlichen Nachlässe

             verschiedener Künstler (u.a. Adam Radermacher, Heinz Brustkern etc.) auf.

2012     Im Juli 2012 beantragt Michael Hümmer die Einrichtung einer

             1&1 Do-it-yourself-Homepage unter dem Namen "treffpunkt-kunst.net".

             Die journalistischen Erfahrungen, die er im Medialectures-Pressebüro

             gesammelt hat, helfen ihm. Im ersten Schritt stellt er die Inhalte der

             zwischenzeitlich auf CD-ROM produzierten Künstlerbiografien von Carl

             Nonn, Paul Magar, Erich Beck, Adam Radermacher, Heinz Brustkern und

             Anton Schmitz in's Netz.

             In der Folgezeit arbeitet er den Nachlass seiner Eltern und seine eigene

             Kunstsammlung auf, fotografiert und digitalisiert die Werke und stellt

             auch diese zu Recherchezwecken in's Netz. Eine rege Korrespondenz -

             meist mit Ergänzungen zu den veröffentlichten Künstlerbiografien und 

             Werkverzeichnissen- entsteht. Recherchen im Bonner Stadtarchiv -

             insbesondere zur "vergessenen" Bonner Künstlergeneration - soweit 

             diese zwischen den Weltkriegen und später bis 1960  gewirkt hat - liefern

             weitere Details.

2013     Seit Mitte März 2013 wird die Anzahl der Besuche auf Treffpunkt-Kunst.net

             erfasst. Die Anzahl der Besucher/innen steigt ständig. Im ersten Jahr

             werden bereits 90.509 Besuche erfaßt. Der 100.000. Besucher wird am

             29.04.2014 gezählt. Besucherstatistik siehe Kapitel: Intention

             Nach und nach wächst die Zahl der neu recherchierten und/oder neu

             editierten Künstlerportraits an.      

2014    Der inhaltliche Schwerpunkt der Seite "treffpunkt-kunst.net" verändert sich

            zugunsten der Künstler aus dem Köln-Bonner Raum. Zudem werden erste

            Absprachen zur Aufnahme und Dokumentation anderer privater Samm-

            lungen getroffen, darunter die "Sammlung Budweg", die "Design-Sammlung

            Reichert" sowie die "Le-Mans-Sammlung". Die Zahl der Kontakte und Inter-

            views mit Angehörigen verstorbener Bonner Künstler wächst ständig. Inte-

            ressante Details und Querverweise werden kurzfristig in die Lebensläufe

            eingearbeitet. Zunehmend referenzieren die deutschen Kunstauktionshäuser

            auf Künstlerprofile in "treffpunkt-kunst.net".

2015   Exemplarisch werden einzelne Kunstexpertisen - in der Regel Zuschreibungen

           von Gemälden zu ihren Urhebern - veröffentlicht. Zudem werden Beispiele

           für die Reinigung und Restaurierung von Kunstwerken aufgenommen, um

           dem Leser Anregungen für die Anlage und Pflege eigener Kunstsammlungen

           zu geben. Mitte 2015 geht eine neue Rubrik: "Projekt Beethoven heute" an

           den Start. An dieser Stelle werden zukünftig Beiträge von (bildenden) Künst-

           lern und Künstlerinnen sowie von Künstlergruppen aufgeführt, die sich mit

           dem Thema "Beethoven heute" in Vorbereitung auf seinen 250. Geburtstag

            im Jahr 2020 beschäftigen.

          "Treffpunkt-Kunst" will damit all denjenigen Künstlern eine Veröffentlichungs-

            plattform bieten, die faktisch keine institutionelle Kulturförderung durch die

            Stadt Bonn erfahren und dennoch ihren Beitrag zu einer zeitgemäßen Profi-

            lierung Beethovens leisten wollen.

2016    Zusammen mit dem Witterschlicker Künstler Erich

            Beck stellt Michael Hümmer einen kleinen Ausschnitt

            seiner in den vergangenen Jahren entstandenen

            Skulpturen aus. Aktuell arbeitet er thematisch die

            Rolle der Farbgebung in der bildnerischen Plastik

            auf: "Wer glaubt, griechische Tempel, Friese und

            Statuen wären von Natur aus weiß gewesen, irrt.

            Sie waren bunt, sehr bunt!"  Genau diesem Aspekt

            spürt der Künstler nach. Er zeigt auf, wie Statuen

            und Skulpturen durch Farbe eine veränderte Be-

            deutung - zumindest aber zusätzliche Bezüge -

            erhalten. (Exponate und Programm der Ausstellung in der Witterschlicker

            Galerie PfisterScheune siehe unter Impressionen)