Josef Dederichs (1873 - 1958)

Foto Josef Dederichs

1873   Josef Dederichs erblickt - zusammen mit seiner

           Zwillingsschwester Sophie - am 21. Januar 1873

           in Bleibuir das Licht der Welt. Sein Vater - Johann

           Heinrich Dederichs - steht als Förster im Dienste

           der Herzöge von Arenberg, Aarschot, Meppen und

           Recklinghausen (Engelbert-August von Arenberg

           1824-1875 und nachfolgend Engelbert-Maria von

           Arenberg 1872- 1949). Der Vater ist für die her-

           zöglichen Forstämter in Bleibuir, Mauel und Dauber-

           scheid zuständig. Josefs Mutter Sofia Dederichs,

           geborene Zimmermann, versorgt das Forsthaus

           mit dem angrenzenden Wirtschaftsgarten, in dem

           die Försterfamilie übergangsweise bis zu ihrem Umzug in die Rotbachstraße

           6 in Bleibuir, unweit des Schliebachs wohnt. Die Dederichs sind 1860 aus

           Kronenburg zugezogen, wo Paulus Dederichs - Josefs Dederichs Urgroß-

           vater - bereits Förster im Haus "An Heepen" gewesen war. (Das Haus "An

           Heepen" in Kronenburg wurde Mitte der 30-er Jahre unter Werner Peiner

           zum Gemeinschaftshaus der "Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei"

           umfunktioniert und beherbert heute die "Bildungsstätte Kronenburg").

           Außer seinem Vater waren auch zwei seiner Onkels (Peter Dederichs und

           Paul Dederichs) von Beruf Förster.

           Josef wächst - zusammen mit acht Geschwistern - in Bleibuir auf. Seine

           Zwillingsschwester Sofia stirbt nach nicht mal drei Monaten. Bis heute

           ist nicht ganz klar, wann und unter welchen Umständen Josef selbst den

           schweren Unfall erlitt, der bei ihm zu einem dauerhaft versteiften Bein und

           lebenslangem Humpeln führt.

           Der Arbeitgeber seines Vaters, der Herzog von Arenberg soll - dem Verneh-

           men nach - daran beteiligt gewesen sein, als er in illustrer Gesellschaft mit

           seiner Jagdkutsche unterwegs war und der Kutscher den spielenden Jungen

           überrollte. Andere Quellen sprechen von einem komplizierten Beinbruch nach

           einem Felsabsturz, den der Junge erlitt, als er als einer der "Sauentreiber"

           bei einer Treibjagd des Herzogs in dessen Jagdrevier eingesetzt war.

           Wie auch immer. Der Unfall hatte auch sein Gutes, da Josef nunmehr in die

           besondere "herzögliche Fürsorge gerät". Die herzögliche Familie erkundigt

           sich stets nach ihm und behält in der Folgezeit "ein waches Auge" auf die

           Entwicklung des Jungen.            

1879    Josef Dederichs wird in die katholische Volksschule Bleibuir unweit der

            Pfarrkirche St. Agnes eingeschult. Er ist ein aufgeweckter Schüler und sei-

            nen gleichaltigen Mitschülern voraus. Die Schule ist zweizügig organisiert.

            Der Lehrer - Heinrich Josef Brammertz - unterrichtet die Kinder jeweils des

            1. bis 4. Schuljahres und die des 5. bis 8. Schuljahres gemeinsam. Josef war

            vom Lernstoff her in vielen Fächern den gleichaltrigen Kindern um 1 bis 2

            Klassen voraus.

            Besondere Fertigkeiten, die selbst Lehrer Brammertz zum Staunen brachten,

            zeigte Josef vor allem beim Zeichnen und Malen.

            Über Josef Dederichs weiteren Ausbildungsweg ist wenig bekannt. Wahr-

            scheinlich hat er die Volksschule in Bleibuir beendet und anschließend eine

            Lehre in einem kunsthandwerklichen oder - durch seine Behinderung be-

            dingt -  möglicherweise auch beim Herzog von Arenberg in einem verwal-

            terischen Bereich - absolviert.

1892    Frühestens im Alter von 19 Jahren kann Josef Dederichs mit dieser "Basis-

            ausbildung" fertig gewesen sein. Offensichtlich ist der herzöglichen Familie

            das künstlerische Talent "ihres" Förstersohnes nicht unbekannt geblieben.

            Josef hat bereits zu dieser Zeit hervorragend zeichnen und portraitieren

            können und so ist es durchaus denkbar, dass der Förster seinem Arbeit-

            geber einige Portraitstudien seines Sohnes voller Stolz übergeben hat.

            Herzog Engelbert-Maria zu Arenberg ist von seinem Vater Engelbert-August

            ganz in der kulturellen Tradition und dem Stilempfinden des Hochadels

            erzogen worden. Zur Kaiserzeit gehört die Wertschätzung der Kunst und

            die Förderung von Künstlern ganz elementar zu den Privilegien des Adels.

            Man tut etwas dafür, setzt seine Beziehungen ein, öffnet Türen und vergibt

            Aufträge. So auch die herzögliche Familie von Arenberg, deren exponierte

            Mitglieder zu Kaisers Zeiten in dem Ruf stehen, ausgewiesene Kunstmäzene

            zu sein. Sie unterstützen die weitere Ausbildung des Förstersohnes nicht

            nur finanziell.

            Der junge Mann wird angehalten, die künstlerisch-kreativen Voraussetzun-

            gen zu erfüllen, um mit einer entsprechenden Vorstellungsmappe die Auf-

            nahmeprozeduren für ein Studium an der königlich-preußischen Kunst-

            akademie in Düsseldorf zu bestehen. Möglicherweise läßt die Familie von

            Arenberg diskret ihre vorzüglichen Beziehungen als Kunstsponsoren und

            Auftraggeber für die Ausstattung ihrer fünf Schlösser sowie des Palais

            d'Egmont in Brüssel spielen, um der Bewerbung entsprechendes Gewicht

            zu verleihen.

um        Josef Dederichs bewirbt sich mit seiner eigens ausgearbeiteten Vorlagen-

1900     mappe an der Kunstakademie Düsseldorf. Nach einer dreitägigen Prüfung

             wird er von Prof. Eduard von Gebhardt (1838-1925) in das Grundstudium

             aufgenommen. Wie alle Studenten muss Josef Dederichs zunächst die 

             zeichnerische Grundausbildung durchlaufen, die traditionell damit beginnt,

             vorgelegte klassische Skulpturen und Abgüsse griechischer und römischer

             Götter, Dichter, Denker, Philosophen und Feldherren genauestens abzu-

             zeichnen. Neben der manuellen Zeichentechnik werden Faltenwürfe (plas-

             tische Licht- / Schatteneffekte), Kompositionsaufbau (von Zeichnungen)

             sowie Studien zur Anatomie von Mensch und Tier eingeübt. Erst danach

             dürfen selbständig "freie" Naturstudien angestellt und malerisch Werke in

             der Tradition der "Düsseldorfer Malerschule" nachempfunden werden. Die

             dezidierte Anleitung zur Ölmalerei wird im anschliessenden Fachstudium

             vermittelt. Um die Jahrhundertwende sind dafür "verdiente" Professoren

             verantwortlich, die allesamt als Meister ihres Faches gelten:

             Adolf Schill (1848-1911) und Willy Spatz (1861-1931) im Fach Historien-

             malerei, Eugen Düker (1841-1919) im Fach Landschaftsmalerei; Eduard

             von Gebhardt (1838-1925) als Kirchenmaler: Julius Paul Junghanns

             (1876-1958) als Tiermaler und Karl Rudolf Sohn (1845 - 1908) als Portrait-

              maler.

Josef Dederichs: "Sommernacht am Rhein" (frühe Übungsarbeit im Fachstudium an der Kunstakademie Düsseldorf; (wohl) Kopie nach Böttcher)

Josef Dederichs: Frühe Studienarbeiten in der Kunstakademie Düsseldorf

links:     Interieur einer Barockkirche           rechts: Kölner Rheinpanorama

             (Stift Melk - Österreich)                             St. Gereon + Kölner Dom

              Bei welchem dieser akademischen Lehrer Josef Dederichs seinen male-

              rischen Schliff bekommt, ist nicht überliefert. Jedoch ist überliefert, dass

              der Herzog von Arenberg seinen Einfluß dahingehend geltend gemacht hat,

              dass "der Eifelmaler" Fritz von Wille (1860-1941) letztendlich Josef

              Dederichs bestimmender Lehrmeister wird. Möglicherweise hat Fritz von

              Wille auf Bitten und mit finanzieller Unterstützung des Herzogs Engelbert

              Maria von Arenberg Josef Dederichs zwischen 1903 und 1910 als

              Privatschüler in seinem Atelier unterrichtet.    

               Fritz von Wille stammt aus einer 1780 geadelten, ursprünglich hessischen

               Künstlerfamilie. Sein Vater - wie auch seine Mutter - sind damals beide

               durchaus bekannte Maler. Fritz von Wille hat bei Prof. Eugen Dücker an

               der Kunstakademie Düsseldorf Landschaftsmalerei studiert, ehe er um

               1890 herum ein eigenes Maleratelier in Düsseldorf errichtet. Der deutsche

               Kaiser kauft 1908 höchstpersönlich ein Gemälde von Fritz von Wille (" Die

               blaue Blume") und macht damit den Maler bekannt und "hoffähig".

               Die Düsseldorfer Kunstakademie sieht sich daraufhin veranlasst, dem

               Maler einen Professorentitel zu verleihen, ohne dass dies mit einer

               direkten Lehrverpflichtung in Düsseldorf verbunden ist.

               Das ist dem "Professor (h.c) Fritz von Wille" nur Recht. Er arbeitet am

               liebsten "in freier Wildbahn" draußen vor Ort. Gerne läd er Malerkollegen

               und Schüler zu ausgedehnten Exkursionen in sein Quartier in Gerolstein in

               der Eifel ein. Die Eifel durchwandernd, zeigt er seinen Malerfreunden, wie

               man das  "Atmosphärische in der Landschaft" in Gemälden einfangen

               kann. Mit seiner Malweise, die sich deutlich vom akademisch geprägten,

               häufig christlich-historisierenden Malstil der Düsseldorfer und Münchner

               Malerschule (u.a. Nazarenerstil) abhebt, begründet Fritz von Wille zum

               einen seinen Ruf als führender "Eifelmaler", zum anderen beeinflusst

               er mit seiner "atmosphärischen" Malauffassung eine ganze Generation

               von Malern, die heute als "Düsseldorfer Landschaftsmalerschule" bekannt

               ist.

               Josef Dederichs wird unter Fritz von Willes Anleitung sicherlich zu einem

               ganz typischen Vertreter dieser Schule.

1910        Wann, wie und in welcher formalen Form Josef Dederichs sein Studium

                an der Kunstakademie Düsseldorf beendet, ist unklar. Möglicherweise

                erhielt er den üblichen offiziellen "Akademiebrief" zum Abschluß seines

                Studiums. Möglicherweise stellt ihm sein Lehrmeister Professor (h.c.)

                Fritz von Wille aber auch ein vom ihm persönliches unterzeichnetes

                Abschlusstestat aus. 

                Nach Abschluss des Studiums lässt sich Josef Dederichs für einige Zeit

                als Maler in der Kölner Südstadt nieder, ehe er ein angemessenes 

                Quartier im angrenzenden Köln-Bayenthal findet.

1914        Aufgrund seiner Behinderung ist Josef Dederichs vom Wehrdienst freige-

                stellt. Er lernt seine Frau Agnes kennen, die als (angestellte) Zahnärztin

                in einer Praxis in Rodenkirchen, einem Vorort von Köln, arbeitet. Die

                beiden heiraten. Agnes wird in der Familie ihres Mannes freundlich und

                repektvoll aufgenommen. Letztendlich ist es "Tant' Nettchen" - wie Agnes

                im Familienkreis anerkennend genannt wird - die für finanzielle Stabilität

                in dem Künstlerhaushalt sorgt und weitgehend den "Vertrieb" der Werke

                ihres Mannes organisiert. Agnes und Josef Dederichs gründen eine

                Familie. Sie bekommen eine Tochter - Anni Dederichs - die in Köln-

                Bayenthal aufwächst. Agnes Dederichs baut sich dort eine eigene Zahn-

                arztpraxis auf.

1916/17   Den Wirrnissen der Kriegszeit, als die Versorgungslage der Bevölkerung

                 in den großen Städten immer schlechter wird, weichen die "kölschen"

                 Dederichs durch häufige "Landfahrten" nach Bleibuir in die Eifel sowie

                 nach Siegburg, wo Josefs älterer Bruder Paul wohnt, aus. Den "Kohl-

                 rübenwinter", als der zusammenbrechende Brot-, Milch-, Kartoffel-,

                 Fleisch- und Wurstwarenbezug trotz strenger Rationierung zu einer

                 regelrechten Hungersnot in weiten Teilen der Bevölkerung führt, über-

                 stehen sie nicht zuletzt deshalb, weil "Tant' Nettchens" Leistungen als

                 Zahnärztin gerade in Notzeiten gebraucht werden. 

1923         Mit der Währungsreform, die mit der Einführung der Reichsmark wieder

                 zu stabilen Geldwerten in Deutschland führt, bessert sich die Lage. Die

                 politischen Unruhen, ausgelöst durch die Unzufriedenheit der arbeitenden

                 Bevölkerung in der Weimarer Republik, schwellen ab.  Die "goldenen 

                 Zwanziger Jahre" (Roaring Twenties) beginnen.

Hafenmotive

                 Josef Dederichs unternimmt in den folgenden Jahren mit Frau und Kind

                 regelmäßig Ferien- und Studienreisen an die belgische und niederlän-

                 dische Nordseeküste, in die deutschen und österreichischen Alpen sowie

                 von dort weiter nach Italien.

                 Als professioneller Künstler hat er seine Zeichen- und Malutensilien im-

                 mer griffbereit dabei. Wo immer er ein interessanten Motiv entdeckt, hält

                 er an und skizziert die jeweilige Szene. So sammeln sich mit der Dauer

                 eine Unzahl von "visuellen Impressionen" an.

                 Zurück in seinem Atelier in Köln, dienen ihm die Skizzen als Vorlage zur

                 Anlage relativ großformatiger Ölbilder. Dabei kombiniert er meist

                 mehrere der ursprünglich einzeln erstellten "Impressionen" miteinander

                 und gestaltet aus ihnen ein mehrteiliges Szenarium. Seine Gemälde

                 werden dadurch thematisch umfassender, typischer und malerisch

                "dichter".

Josef Dederichs: Lastkäne und Fischerboote im Hafen (Zentralperspektive)
Josef Dederichs: Anlandung an der Mole (rechtsorientiert)
Josef Dederichs: Ausfahrten aus dem Hafen (linksorientiert)
Josef Dederichs: Fischerboote auf See
Ein relativ häufiges Motiv von Josef Dederichs: Blumenmarkt in Holland
Josef Dederichs: Blumenmarkt in Holland II (typisches Beispiel für Motivvariante)

                 Natürlich bemerkt Josef Dederichs relativ schnell, welche seiner Motive

                 bei seiner Kundschaft besonders beliebt sind und sich gut verkaufen

                 lassen. Er ist Profi genug, diese Motive gleich mehrfach anzulegen und

                 sie mit geringen Änderungen und kleinen Varianten in weiterhin höchst-

                 möglicher handwerklicher Akkuratesse auszumalen.

                 So kommt es, dass sich viele seine Bilder - sowohl seine Hafenansichten

                 mit anlandenden Fischerbooten wie auch die Serie der Alpenpanoramen

                 sehr ähnlich sehen.

                 Dieses Verfahren ist übrigens keineswegs unüblich, es wird den Kunst-

                 studenten bereits in den Akademien "anerzogen". Auch Fritz von Wille

                 hat bei vielen seiner Gemälde diese "Variantentechnik" angewandt. Da

                 seine Malerkollegen - wie auch seine Schüler - Landschaften häufig aus

                 demgleichen (interessanten) Blickwinkel malten - was bei gemeinsamen

                 Mal-Exkursionen unvermeidlich ist - gleichen sich die Sujets manchmal

                 auf's Haar.

1930         Josef Dederichs Wohnung in Köln ist offiziell mit der Adresse Salierring 5

                 registriert. Als Profession ist in den Meldeunterlagen "Kunstmaler, Son-

                 dergebiet Landschaftsmalerei" angegeben.

Gebirgspanoramen

                 Über die Jahre stellt sich bei Josef Dederichs eine gewisse Arbeitsteilung

                 ein. Hafenmotive, Gebirgspanoramen und in geringerem Maße auch

                 Rheinlandschaften entstehen in der Regel in Dederichs Kölner Atelier.

Josef Dederichs: Panorama mit Zugspitzmassiv

Fjordlandschaften

Eifelgemälde

                  "Eifellandschaften" malt er dagegen vor Ort in der Eifel. Soweit ihm

                  jemand beim Transport der schweren Staffelei behilflich ist - auf Hilfe

                  ist er wegen seiner Behinderung angewiesen - malt er seine Eifelbilder 

                  "in situ", also in freier Natur in direkter "Konfrontation" mit dem jeweili-

                  gen Landschaftsmotiv. Da er in aller Regel unterschiedliche Licht- und

                  Wetterverhältnisse - vor allem aber - der Eifel entsprechend - ein

                  ständig wechselndes Wolkenspiel antrifft, muss er seine "Eifelland-

                  schaften" in gewisser Weise "zeitkonstant" anlegen, also die Licht- und

                  Schattensetzung und damit auch die Wirkung der Farben strategisch

                  vorherschauend einsetzen. Eben so, als sei dieses Licht und diese

                  Wolken für Stunden eingefroren. Das gilt sowohl für den diesigen

                  Horizont, der in aller Regel gar keine Linie sondern ein diffuser Über-

                  gang von Grau-, Weiß- und Blautönen ist, als auch für "schwirrende

                  Lichtflecken" beispielsweise auf dem Wasser der Eifelmaare, und erst

                  recht für das "dramaturisch" wichtige Sonnenlicht, das - gefiltert durch

                  Wolken -  einzelne Teile der Landschaft farbig heraushebt und andere

                  versinken läßt. Genau darin liegt die Kunst eines guten Landschafts-

                  malers und - seitdem Fritz von Wille das "Atmosphärische" in seinen

                  Bildern thematisiert hat - auch die Kunst eines guten Eifelmalers.

Josef Dederichs: Weite Eifellandschaft
Josef Dederichs: Eifellandschaft mit Heidekraut

Blumen- und Früchtestillleben

                   Mag die Landschaftsmalerei im obigen Sinne eine "Hochreck-Übung"

                   darstellen, so entsprechen Blumenstillleben eher einer soliden "Boden-

                   turn-Übung". Auf den ersten Blick ändert sich an ihnen nicht viel. Sie

                   sind statisch. Statisch im Aufbau und in der Bewegung. Aber genau das

                   konzentriert die Aufmerksamkeit der Betrachter auf einen zweiten,

                   von Fritz von Wille ebenfalls als "atmosphärisch" bezeichneten Aspekt:

                   Die komplexe Farbigkeit des Motives. Blüten sind in sich schon sehr

                   komplexe Objekte, die sowohl von ihrer eigenen Objektfarbe als auch

                   von der Farbe des auftreffenden Lichtes, also der Lichtfarbe, geprägt

                   sind. Malerisch stellt dieser Sachverhalt bereits höchste Ansprüche an

                   das Können eines Malers. Erst recht, wenn mit der Farbgebung auch

                   Sekundärinformationen, beispielsweise über den Frischegrad der

                   Blumen (von der prallen Blumenpracht bis hin zu einer Art morbider

                   Welkung) wiederzugeben sind.

                    Offensichtlich haben Blumenstillleben den Landschaftsmaler Josef

                    Dederichs sein Leben lang gereizt und ihn immer wieder heraus-

                    gefordert. Er scheint ihm tatsächlich ein Bedürfnis gewesen zu sein,

                    zwischendurch - wohl mehr zur eigenen Entspannung - einfach ein-

                    mal Blumen "sprechen" zu lassen. 

1933            Kurz nach der Machtergreifung Hitlers setzt die "Gleichschaltung der

                    Deutschen Kunst" ein. Josef Dederichs dürfte damit keine Probleme

                    gehabt haben, da seine Kunst - soweit das heute festgestellt werden

                    kann - völlig apolitisch gewesen ist und nicht im Geruch stand,

                    undeutsch oder gar entartet zu sein. Er war auch nicht an der Aus-

                    stellung des "NS-Gemeinschaftswerk Kunst und Künstler" beteiligt,

                    die 1936 vom Kreis Mayen /Eifel als Einladungsveranstaltung in Form

                    eines Künstlersymposiums veranstaltet wurde. Die beteiligten Künst-

                    ler (ca. 80) erhielten "Arbeitsförderungen" (Atelierplätze mit Kost

                    und Logis in Eifel-Gasthöfen), ihre Werke wurden zentral ausgestellt

                    und zu Garantiepreisen "ins Reich" verkauft. Offensichtlich wirft die

                    Zahnarztpraxis seiner Frau zu dieser Zeit bereits genügend Geld ab,

                    so dass Josef Dederichs nicht auf solche "Arbeitsförderungen" ange-

                    wiesen ist.

Josef Dederichs: "Duisburger Hafen" Öl auf Lw; 80 x 110 cm; (um 1937) Foto: Frank Witte

                    Auch wenn Josef Dederichs Gemälde in dieser Zeit völlig apolitisch

                    sind, spiegelt sich die Bildwelt der "Deutschen Kunst" doch indirekt in

                    seinen rheinischen Landschaftsbildern wieder. Wie ein Ölgemälde aus

                    der Sammlung von Frank Witte (siehe Foto oben) ausweist, scheint

                    Josef Dederichs die Thematik des "tätigen Arbeitslebens" malerisch

                    zu reizen. Sein "Duisburger Hafen" mit dem aufgewühlten Wasser und

                    den hochgereckt - dampfenden Schloten der Hochöfen und Stahlhütten

                    vermittelt alles andere, als landschaftliche Ruhe. Hier wird die Dyna-

                    mik und die "Unnatur" industrieller Fertigungsprozesse dargestellt.

                    Statt "schön-beschaulich" dahindümpelnder Lastkähne, die - meist

                    durch Segel angetrieben - in seinen frühen Hafenbildern zu sehen sind,

                    durchpflügen nun Schlepper und Motorschiffe das eher brackige

                    Hafengewässer. Malerisch sicher eine besonders reizvolle Heraus-

                    forderung, die der Künstler aber mit seinen Mitteln meisterlich löst.

1939            Josef Dederichs ist 66 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg mit dem Überfall

                    auf Polen ausbricht. Für die Kölner Bevölkerung eine schlimme Zeit.

                    Von Mai 1940 bis zum März 1945 verbringen die Kölner fast 2.000

                    Stunden im Alarmzustand. Insgesamt zählt man 1.122 Fliegeralarme

                    und 1.089 sogenannte "Öffentliche Luftwarnungen". Bereits 1941 wird

                    das Wohnhaus der Familie Dederichs in Köln-Bayenthal (Droste-Hüls-

                    hoff-Straße 20) von einer Bombe getroffen. (Eine andere Quelle nennt

                    das Jahr 1944). Der "kölsche Dederichs" quartiert sich daraufhin nach

                    Bleibuir aus. Agnes - seine Frau - bleibt aber weiterhin mit Tochter

                    Anni in Köln, wo sie - nach dem Verlust ihrer eigenen Zahnarztpraxis -

                    als (angestellte) Zahnärztin tätig ist. Josef Dederichs malt in Bleibuir

                    überwiegend Ölbilder. Wie bei professionellen Kunstmalern üblich,

                    arbeitet er - parallel zueinander - an jeweils drei bis vier Gemälden

                    gleichzeitig. Nach eigener Aussage sollen die meisten Bilder Auftrags-

                    arbeiten gewesen sein. An ein eigenes Bilderlager im Haus kann sich

                    keiner seiner Bekannten erinnern, was vielleicht darauf zurückzuführen

                    ist, dass der Jupp stets freigiebig gewesen ist und viele seiner Gemäl-

                    de an befreundete Familien in Bleibuir verschenkt hat. 

                    Wohl aus Altersgründen hat Josef Dederichs die "Freilicht- und Frei-

                    luftmalerei" inzwischen völlig aufgegeben. Er wohnt bei seiner

                    Schwester Margaretha Beul in der Rotbachstraße 6. Hier hat er auch

                    sein Atelier. Ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft kommt vor der

                    Schule regelmäßig morgens bei ihm vorbei, "um dem Jupp die Schuhe

                    zu zubinden. Denn dazu war der Jupp wegen des steifen Beins und

                    wegen seiner nicht gerade geringen Körperfülle alleine nicht mehr in

                    der Lage".

Bäuerliche Motive, Jagdmotive, Genremalerei

Josef Dederichs: Rinderherde am Niederrhein

Winterlandschaften

Josef Dederichs: Winter an der Swist

1949             Josef Dederichs - inzwischen im 76. Lebensjahr - gibt sein Atelier in

                     Bleibuir auf, kehrt nach Köln zurück und bezieht sein wiederaufgebau-

                     tes Domizil in Köln-Bayenthal.

Josef Dederichs: Gipfelkreuz

1958             Am 7. Februar 1958 verstirbt der Landschaftsmaler Josef Dederichs

                     im Alter von 85 Jahren in seinem Wohnhaus in der Droste-Hülshoff

                     Straße 20 in Köln-Bayenthal.

                     Lange Zeit zählte er mit seinem unfangreiches Lebenswerk zu der

                     völlig zu Unrecht vergessenen Malergeneration, die zwischen den

                     beiden Weltkriegen den Höhepunkt ihres Schaffens verzeichnete.

                     Mit Ausstellungen anläßlich seinem 130. Geburtstages 2003 und

                     seines 50. Todestages 2008 rückte Josef Dederichs als Maler wieder

                     in den Fokus der Öffentlichkeit.

Josef Dederichs Gedächtnisausstellung 2003 in der "Alten Schule" in Bleibuir

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Fortsetzung:  siehe nachfolgendes Unterkapitel Sammlung MH: Josef Dederichs

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