Willy M(aria) Stucke (1909-1987)

Willy M. Stucke (am Fenster) mit seinem Vater Willy Stucke (hier als ratgebender Mönch gemalt)

Willy M. Stucke wurde am 7. Februar

1909 in Bonn geboren. Sein Vater,

Willy Stucke (sen.) war ein veritabler,

hochgeachteter Kirchen- und Portrait-

maler in Bonn (siehe Künstlerportrait:

Wilhelm (Willy) Stucke). Willys Eltern-

haus - so wird berichtet - war katho-

lisch-konservativ, traditionsbewußt

und auf Etikette bedacht - zwar kunst-

sinnig, aber nicht modern.

Schon früh leitete der Vater, der selbst

eine akademische Ausbildung als Historienmaler an der Kunstakademie in München bei Prof. Martin v. Feuerstein erhalten hatte, seinen Sohn zum Zeichnen nach historischen Motivvorlagen an. Vater Stucke konnte dem Malstil der "Rheinischen Expressionisten", die im Juli/August 1913 ihre Werke in einer aufsehenerregenden Ausstellung in der Verlagsbuchhandlung Cohen in Bonn zeigten, wenig abgewinnen. Er stand der aus seiner Sicht unbeherrschten Farbigkeit der "Rheinischen Expressionisten" fassungslos gegenüber. Seinem Sohn gefielen die Werke. Als angehender junger Maler suchte und fand Willy Stucke (jun.) die Nähe der Bonner Maler-Avangarde um August Macke, freundete sich nach dem ersten Weltkrieg mit Hans Thuar (1887-1945) und Franz M. Jansen (1885-1958) an. Vater und Sohn Stucke standen in ihren Meinungen konträr zueinander. Offensichtlich löste sich Willy M(aria) Stucke aber relativ schnell aus der drückend empfundenen "Umarmung" seines Vaters und verließ als 19-Jähriger sein Elternhaus.

Studium und Wanderjahre


1928 immatrikulierte er sich für ein Studium der Monumentalmalerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Nach einigen Semestern wechselte er an die "Kunstgewerbliche Lehranstalt Hamburg" zu Prof. Willy von Beckerath (1868 -1938).

Willy M(aria) Stucke: Selbstbildnis

Anfang der 30-er Jahre zog es ihn in die Ferne. Willy Stucke wollte zunächst nach Brasilien auswandern, kehrte nach drei Monaten aber wieder reumütig nach Hamburg zurück. Danach unternahm er mehrere Seereisen und umrundete die Welt insgesamt viermal. In Indien, China, Japan und Bali machte er längere Zwischenstationen, um Land, Leute und Kultur kennenzulernen. Seine Fernreisen finanzierte er sich, indem er als Page, Telefonist und "Schiffsmaler" auf den Passagierdampfern der Hamburg-Süd/HAPAG-Reederei - zuständig für die Ausstattungen und die Kulissengestaltung der Bordfeste - anheuerte. Seine Tätigkeit als "Bordfestmanager" - heute würde man ihn "Reiseanimateur" nennen - gefiel ihm. Seine letzten großen Reisen führten ihn um Afrika herum nach Norwegen und ins Polargebiet. Zurückgekehrt nach Hamburg, war ihm die Ausbildung in der Kunstakademie einfach zu eng geworden. Er brach sein Studium ab und "stromerte" noch etwas herum. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit Portraitskizzen und -gemälden. In Bonn heiratete er Gretel Etscheid, die - gut betucht - als Erbin das alteingesessene Modehaus Etscheid (in Bonn neben der Universität über dem heutigen Kontrakreis-Theater) leitete. 

Kriegsjahre

 

1939 wurde Willy Stucke zum Wehrdienst eingezogen und aufgrund seiner Sprachkenntnisse als "Kriegsmaler/Kriegsberichterstatter" einer deutschen Propaganda-Kompanie in Nordfinnland (an der Lapplandfront) zugewiesen. Hier

fertigte er Illustrationszeichnungen vom "Landserleben" an, die in ihrer klaren Linienführung allen Glanz (aber auch das Elend) des Krieges aufzeigten und dabei künstlerisch so eindrucksvoll waren, dass die Heeresleitung sich entschloß, eine eigene Ausstellung vor Ort im Winterquartier für die Kameraden zu arrangieren.

oben links: "Vor der Zählung"                oben rechts: "Morgens war er tot"

Camp Champa (3.12.45)                       franz. Gefangenschaft (23.8.45)

unten links: "Russe"                              unten rechts: "Heimatkontakt"

Aquarell 1942; 22 x 16                          Aquarell 1946; 21 x 15

Zu Beginn des Kriegsjahres 1943 folgte eine Einzelausstellung mit genau diesen Zeichnungen im Städtischen Museum Villa Obernier in Bonn. Die Meinungen zu dieser Ausstellung waren zwiespältig. Der "Westdeutsche Beobachter" - das  NSDAP-Parteiorgan des Reichsgaus Köln-Aachen - wertete die Zeichnungen unter der Überschrift "Im Widerschein des harten Kampfes" als Beitrag zur Stärkung der Kampfbereitschaft der deutschen Soldaten, andere sahen in den Zeichnungen eher einen kritischen Unterton, der sich gegen den Krieg ganz allgemein richte und somit Ausdruck eines individuellen Protestes des Künstlers sei. 

Wie auch immer - die Ausstellung bewirkte, dass Willy (Maria) Stucke neben seinem Vater Willy Stucke (sen.) als eigenständiger Bonner Künstler in seiner Heimatstadt wahrgenommen wurde.

1945 geriet Willy Stucke in französische Gefangenschaft. Hier konnte er auf seine Erfahrungen, die er auf seinen Weltreisen als Gästeanimateur gesammelt hatte, zurückgreifen. Er organisierte Unterhaltungsabende im Kriegsgefangenenlager, zeichnete Portraits und war bis 1947 als Bühnenbildner in einer Theatergruppe tätig.

 

Stunde "Null"

 

1947 kehrte Willy Stucke aus der Kriegsgefangenschaft nach Bonn zurück. Für ihn war dies die Stunde Null. Sein Elternhaus und das Atelier in Bonn waren zerstört. Bis auf wenige Ausnahmen waren nahezu alle seine früheren Arbeiten (aus Düsseldorf, Hamburg und Bonn) durch Kriegseinwirkung verloren gegangen. Nur einige Skizzen und Pinselzeichnungen, die er damals in seinen persönlichen Unterlagen mit sich geführt - beziehungsweise bei Freunden zur Aufbewahrung gegeben - hatte, haben den Krieg überdauert.

Willy M. Stucke: "Manhattan" Aquarell 1936; 22 x 27

Sein Vater, Willy Stucke (sen.) bemühte sich unmittelbar nach Kriegsende darum, den "Bonner Künstlerbund" wieder aufleben zu lassen, der 1933 als unabhängige Interessensvertretung der bildenden Künstler aufgelöst worden war. In der ersten, konstituierenden Sitzung 1947 wurde Willy M. Stucke (jun) zum Vorsitzenden des "Bonner Künstlerbundes" gewählt.

Er schloß enge Freundschaften mit den "Künstlern der ersten Stunde", bündelte deren Interessen und war deren Sprachrohr: Carl von Ackeren; Prof. Hans Bauer; Otto Baumann; Julius Bretz; Prof. Herm Dienz; Hans Dotterweich; Hans Engel; Joseph Fassbender; Martin Frey; Alfred Knott; Otto Küppers; Paul Magar; Ilse Mai-Schlegel; Carlo Mense; Ernst Meurer; Irmgard Michels; Pitt Müller; Helmuth Riemann; Walter Schoneweg; Hann Trier; Gerda Voss und Josef Winter.

In der Bonner Beethovenstraße unterhielt er - zusammen mit seinem Freund, dem Maler und Kunstpädagogen Hans ("Juan") Dotterweich - für kurze Zeit ein gemeinsames Atelier, das von beiden später auch als Schulungsraum der "Zeichenschule Stucke" genutzt wurde.

Alfterer Donnnerstag-Gesellschaft 1947-1950

 

Als sich in der Vorgebirgsgemeinde Alfter bei Bonn die Maler Eugen Batz (1903- 1974), Joseph Faßbender (1903-1974), Hubert Berke (1908-1979) und Hann Trier (1915-1999) zur berühmten "Donnerstag-Gesellschaft" zusammenfanden, war Willy Stucke als Gast geladen. Die "Donnerstag-Gesellschaft" hatte sich zur Aufgabe gestellt, "die verlorenen Jahre des Krieges durch intensiven geistigen Austausch der Künstler untereinander auszugleichen". Hierzu wurden unter dem Mäzenatentum von Fürst Salm-Reifferscheidt und seiner Gattin auf Schloß Alfter zwischen 1947 und 1950 Lesungen, Vorträge, Diskussionen, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. Schon die erste Veranstaltung am 20.Juli 1947 - deklariert als "Tag der abstrakten Kunst" - war "multimedial" angelegt: Programmatische Kunstvorträge, Dichterlesungen und Musik-Aufführungen wechselten einander ab. Manche sahen in der Ausstellung einen ersten "Kulminationspunkt", manche auch den eigentlichen "Startpunkt" der zuvor als entartet gebrandtmarkten abstrakten Kunst im Nachkriegs-Deutschland. Neben Batz, Berke, Faßbender und Trier zeigten Georg Meistermann und Erich Müller-Kraus ausgewählte, abstrakt-programmatische Werke. 

Willy M. Stucke "Malerfreunde bei der Arbeit":

links: Joseph Faßbender, Radierung 1958 - rechts: Hans Dotterweich, Bleistift 1972

Willy M. Stucke begleitete aus einer gewissen, beobachtenden Distanz die Aktivitäten seiner Malerkollegen. Er suchte und fand zu dieser Zeit zwar die Nähe zum "Rhei- nischen Expressionismus" und zum "Deutschen Informel", scheute aber entschieden davor zurück, sich einem bestimmten Stil zurechnen zu lassen. Er blieb - soweit das heute zu beurteilen ist - stets auf Abstand.

Und tatsächlich ist bis heute nicht nachgewiesen, ob Willy M. Stucke - wie häufig unterstellt wird - ein offizielles Mitglied der "Donnerstag-Gesellschaft" im Hause des Fürsten Salm-Reifferscheidt war. Die "Donnerstag-Gesellschaft" musste - um Reiseerleichterungen für Mitglieder, Gäste und Besucher aus ganz Deutschland zu erlangen - als offizielle "kulturelle Interzonen-Institution" bei der britischen Besatzungsmacht - später bei den Belgiern - gemeldet und registriert sein. Diese "Institutionalisierung" ging Willy Stucke damals offensichtlich "gegen den Strich".

Er weigerte sich strikt, mit anderen zusammen in eine Kiste gesteckt und mit dem Label: "Neue deutsche Kunst" versehen zu werden.

Aufbruchstimmung 

 

Im Zuge der Währungsreform (1948) wurde mit der Einführung der Deutschen Mark in den drei Westzonen die Voraussetzungen für das "deutsche Wirtschaftswunder" gelegt. Schlagartig hörte der Schwarzhandel - in Bonn und Köln "Maggeln und Fringsen" genannt - auf. (Der damalige Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings hatte damals den "Kohlenklau von Bahnwaggons" - wenn er aus wirklicher Not geschah - als "lässliche Sünde" eingestuft).  Man blickte wieder vorwärts, leistete als "Eingeborene von Trizonesien" handfeste Aufbauarbeit und konnte sich in aller Bescheidenheit bald wieder "etwas Ordentliches" leisten.

1948 wurde Willy M. Stucke nebenberuflich als Dozent für Zeichnen und Druckgrafik beim Städtischen Bildungswerk der Stadt Bonn (dem Vorläufer der VHS Bonn) tätig.

Diesen "Job" führte er 20 Jahre lang - bis 1968 - aus. Daneben gab er - zusammen mit Hans ("Juan") Dotterweich - Privatunterricht und gründete dazu die "Zeichenschule Stucke".

Die allererste Nachkriegsausstellung in Bonn fand vom 30.11.1947 bis zum 25.1.1948 in behelfsmäßig eingerichteten Räumen im 4. OG des Bonner Kaufhofes statt. Die Ausstellerliste umfaßte 15 Namen, darunter  Hela Peters-Ebbecke, Otto Küppers, Ernst Meurer, Matthias Profitlich, Carl Nonn, Julius Bretz, Josef Trimborn, die beiden Stuckes (Senior und Junior), Willi Diesenberg, Hans ("Juan") Dotterweich, Alfred Bucherer und die Bildhauer Ingborg von Rath und Pitt Müller.

Im Jahr darauf fand die Weihnachtsausstellung der Bonner Künstlerschaft im Bonner Bürgerverein statt. Posthum konnten dort auch noch einige Werke von Carl Nonn, Alfred Bucherer und Matthias Profitlich erworben werden, die 1948 verstorben waren.

 

Im November 1949 wurde Bonn zur vorläufigen Bundeshauptstadt gewählt.

 

Ende 1949 - vom 21.12.1949 bis 6.1.1950 - räumte man die Mensa der Universität Bonn frei, um neben den bekannten Bonner Künstlern auch Platz für Gastkünstler aus Mitteldeutschland und für "Zugereiste", darunter Paul Magar, Martin Frey und Herm Dienz zu schaffen. Die Bonner Kunstszene komplettierte sich und Willy M. Stucke war als gewählter Vertreter der Künstler mittendrin. Im Zusammenarbeit mit Prof. Heinrich Lützeler sorgte er unter anderem dafür, dass der künstlerische Zweig des "Studium Generale" an der Universität Bonn, wie auch an der damaligen Pädagogischen Hochschule Bonn für Gasthörer und Gaststudenten geöffnet wurde. Das Bonner Bürgertum hungerte geradezu nach kultureller Bildung und nahm das Kursangebot an Uni und PH aber auch an den privaten und städtischen Bildungs-werken gerne an.

Die Stadt Bonn - bis dahin im Grunde eine eher beschauliche Universitäts- und Studentenstadt, mauserte sich zu Beginn der 50er Jahre zur Bundeshauptstadt. Ministerien, Botschaften, Konsulate, Wohnanlagen, Schulen und Kindergärten schossen geradezu aus dem Boden. Was Wunder, dass die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung andere - größere Perspektiven im Blick hatten - als die Entwicklung der lokalen Künstlerszene. Alles musste größer, repräsentativer, internationaler sein und dem Anspruch einer bundesrepublikanischen Hauptstadt genügen.

 

Die vergessene Künstlergeneration

 

Die bildenden Künstler in Bonn spürten schon früh den "neuen Wind". Andere Kultureinrichtungen wie die Bonner Oper, das Bonner Schauspiel, das Bonner Beethoven-Orchester etc. wurden finanziell großzügig unterstützt, die Bonner Kunstszene aber darbte vor sich hin. Zwar baute die Stadt als Nachfolge der "Städtischen Kunstsammlungen" später ein standesgemäßes Städtisches Kunstmuseum an der "Diplomatenrennbahn", das - vereint in der Bonner Kunstmeile zusammen mit der Bundeskunsthalle und dem "Haus der Geschichte" - sicherlich bundesrepublikanisch repäsentanzfähig ist, aber davon hatten die in Bonn ansässigen Künstler (fast) nichts. Offensichtlich durfte man die Bonner Künstler im Vergleich zu anderen Bonner Kulturträgern, die üppig mit international bekannten 

(eingekauften) Namen ausgestattet wurden, ruhig nebenbei laufen lassen. Insofern waren sie faktisch wirklich eine "vergessenen Künstlergeneration". Bereits Anfang der 50er Jahre begehrten die im Bonner Künstlerbund organisierten Maler und Bildhauer auf, wollten - ähnlich wie zuvor im städtischen Kunstmuseum Villa Obernier - eine auf ihre Belange zugeschnittene Ausstellungslokalität gestalten und "bespielen" dürfen. Willy M. Stucke als Vorsitzender und Sprecher des "Bonner Künstlerbundes" insistierte in diesem Sinne bei den Kulturpolitikern der Stadt Bonn.  Mehrfach machte er auf die Fehlentwicklung aufmerksam, rannte aber - wie er gegenüber den Malerkollegen zugeben musste - "gegen Gummiwände" an.

Nun war Willy M. Stucke - seinem Wesen nach - kein laut und polternd auftretender Mensch. Er hielt sich eher zurück, spielte im Hintergrund seine Karten aus und war eher ein Moderator als ein harter Machertyp. 

In letzter Konsequenz löste sich der Bonner Künstlerbund 1951 aus der Einsicht heraus auf, als Institution und Gesprächspartner für die Stadt zu klein und als Vertretung der Bonner Künstler zu wenig effizient zu sein. Man brauchte eine "schlagkräftigere" Truppe mit mehr Einfluß und gründete 1953 die "Arbeits-gemeinschaft bildender Künstler" die 1954 zur "Künstlergruppe Bonn e.V" wurde.

Willy M. Stucke wurde 1953 zum ersten Vorsitzenden des Arbeitskreises bildender Künstler gewählt. Allzuviel erreichte aber auch diese Gruppierung nicht. Immerhin bot die Stadt Bonn 1953 kurzfristig Ausstellungsmöglichkeiten in der Bonner Münsterschule und ab 1955 auch einen Teil der Räumlichkeiten in den "Städtischen Kunstsammlungen" in der Bonner Rathausgasse für gelegentliche Ausstellungen an.

Private Anmerkung des Autors:

Erst Mitte der 80-er Jahren (1986/87) erhielten die Bonner Künstlergruppen in der umgebauten ehemaligen Blumenhalle des Erzeuger Großmarktes mit dem "Bonner Künstlerforum" eine in Eigenverwaltung betriebene Ausstellungslokalität, die durch das  kleine, einräumige "Kurfürstliche Gärtnerhaus" im Baumschulwäldchen ergänzt wird. Aber welche Künstler wann und wie lange ausstellen dürfen, muss satzungsgemäß in einem Planungsausschuss abgestimmt werden, dem aktuell 15 (!) Bonner Künstlergruppen angehören. (Man stelle sich vergleichsweise einmal vor, die Bonner Oper und das Schauspiel würden durch 15 voneinander unabhängige Ensembles in Eigenregie bespielt werden).

Künstlerische Entwicklung

 

Die berufständische Arbeit von Willy M. Stucke endete 1959, als er den Vorsitz der Bonner Künstlergruppe an seinen Nachfolger, den Bildhauer Ernemann Sander, der der Künstlergruppe Bonn 1955 beigetreten war, übergab. 1952 hatte Willy M. Stucke eine längere Studienreise nach Brasilien unternommen und alte Kontakte neu aufleben lassen, die er zu Anfang der 30-er Jahre, als er nach Brasilien auswandern wollte, geknüpft hatte.

Aus dieser Zeit stammt ein Aquarell, das in Stil und Farbigkeit ganz den Bildern der  Tunisreise von August Macke entspricht. Im Grunde markiert es den Ausgangspunkt

einer künstlerischen "Parforcejagd", die Willy Stucke (jun) in seinem Nachkriegs-Ouevre durch nahezu alle Stilrichtungen und Stilmitttel der modernen Zeit führte.

Willy M. Stucke: "Markt in Bahia" 1952; Aquarell, 23 x 30 cm

Kaum hatte er ein künstlerische Technik halbwegs ausgereizt, wandte er sich einer neuen Darstellungsweise zu, um auch diese zu erproben.

Von der klassischen Zeichnung (Bleistift, Kohle, Feder, Pinsel) wechselte er zum Linolschnitt, dann zum Aquarell, von dort zum Öelbild, dann zur Grafik (Radierung, Siebdruck, Mischtechnik, Frottage, Collage), zum Holzschnitt, zum Materialbild und zum Metallrelief. Letztendlich erarbeitete er sich zeitlebens ein immens breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, wobei ihn in aller Regel die spezifische Ästhetik der jeweiligen Technik mehr reizte, als die Umsetzung eines bestimmten Themas. Nur ein Thema - menschliche Gesichter - ging er immer wieder mit verschiedenen Techniken an. Nicht um die Techniken miteinander vergleichen zu können, sondern um in der jeweiligen Technik das Optimum - spezifisch auf das menschliche Antlitz bezogen - herausarbeiten zu können.

Vom Holzschnitt zur abstrakten Mischtechnik

 

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre wendet sich Willy M. Stucke unter dem Einfluss seines Künstlerkollegen Joseph Fassbender dem Holzschnitt zu. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass Joseph Fassbender mit seinen großen Wandgemälden im Pausenraum des Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums und des Friedrich-Ebert-Gymnasium sowie der Wandgestaltung im Vorraum der Beethovenhalle eindrucks- volle großformatige Kunstwerke geschaffen hatte, die in ihrem persönlichen Diktus durchaus Verwandschaft zum Holzschnitt aufwiesen. Dazu kam, dass Willy M. Stucke persönliche Bekanntschaft mit dem damals bereits weltbekannten Holzschnitt-Künstler HAP Grieshaber (1909-1981) schloss, als dieser im Vorfeld seiner 1965 fertiggestellten Holzschnittwand: "Der Rhein" in Bonn weilte, um die architektonischen Rahmenbedingungen, die Wandabwicklungen und die Lichtplanung im Stadttheater Bonn für diese Auftragsarbeit aufzunehmen. Es müssen sehr intensive Gespräche gewesen sein, die Stucke mit HAP Grieshaber zur Technik des Holzschnittes geführt hat. Seine Arbeiten aus dieser Zeit zeugen von einer durchaus mit Grieshaber vergleichbaren Meisterschaft in dieser Technik.

Doch wie immer, wenn sich Stucke eine neue Darstellungstechnik angeeignet und es zu einer gewissen Meisterschaft darin gebracht hatte, wechselt er das Medium, beginnt Neues und versucht erneut, "Boden unter die Füße zu bekommen". Auf den Holzschnitt folgen ab Mitte der 60er Jahre Stuckes Mischtechnik-Bilder.

Er "setzt" seine Motive, in dem er mit Spachteln, Rakeln und Kämmen breite Farb- bahnen auf den Malgrund setzt und dann Feinstrukturen in die noch feuchte Farbe einarbeitet. So entstehen anmutungsorientierte "klotzig- starke" Gebilde, die aber in

ihren Binnenstrukturen eine ungeheure Feinheit und Leichtigkeit aufweisen. Teilweise werden flächenfüllende Frottagen im Hintergrund sichtbar: Abdrücke , die die Stofflichkeit von fließenden und diffiziel geknauschten Geweben suggerieren und

dem jeweiligen Motiv eine fast traumbehaftete Einbindung bescheren. Hugo Borger - seinerzeit Chef des Rheinischen Landesmuseums in Bonn -  spricht von einem ständigen Wechsel zwischen der Innen- und der Außenwelt in Stuckes Bildern.

Willy M. Stucke bleibt Zeit seines Lebens ein rastloser Mensch. Nachdem er den

Vorsitz der Künstlergruppe Bonn abgegeben hatte, zieht er von Bonn nach Königswinter und richtet in der Hauptstraße 286 sein Atelier ein. Er tritt dem örtlichen Künstlerverband - der Vereinigung Königswinterer Künstler e.V. -  bei. In den Folgejahren unternimmt er - soweit es ihm seine Gesundheit erlaubt - ausgedehnt Studienreisen nach Frankreich, Italien, Holland, Tunesien, Tschechoslowakei und Jugoslawien.

Seine Arbeiten finden zunehmend Anerkennung. Die Stadt Bonn kauft einige Werke von ihm an. Zu seinem 70. Geburtstag richtet die Künstlergruppe Bonn zusammen mit der Stadt Bonn eine große Retrospektive in der Redoute Bad Godesberg mit einem umfangreichen Katalog seiner Arbeiten aus. Er erhält den Kunstpreis der Stadt Bonn und begleitend ein Künstlerstipendium. Sein 75. Geburtstag bietet den Anlass, die neueren Arbeiten aus den 80er Jahren - im wesentlichen Collagen - parallel an drei Ausstellungsorten (Kurfürstliches Gärtnerhaus, Galerie Hennemann; Siebengebirgsmuseum in Königswinter) gleichhzeitig auszustellen und "seinem" Publikum zu zeigen.

Willy Maria Stucke: "Selbstbildnis"

Willy Maria Stucke war stets ein zurück- haltender, eher scheuer und unaufdringlicher Mensch. Als Künstler wollte er sich weder auf einen Stil noch auf eine künstlerische Technik festlegen lassen. Das führte bei ihm persönlich zu der Befürchtung, er könne aufgrund seiner künstlerischen Vielseitigkeit vielleicht nicht in dem Maße wahrgenommen und wiedererkannt werden, wie er es sich wünschte.

Diese Selbstzweifel blieben ihm bis zu seinem Tode.

Willy Maria Stucke starb am 21. Juli 1987 im Alter von 78 Jahren. Vor seinem Tode

- und das charakterisiert ihn und sein auf Ausgleich und Moderation angelegtes Wesen vielleicht besonders gut - verabschiedete er sich telefonisch von allen seinen Freunden.

 

Das obige Selbstbildnis fertigte Willy Stucke im fortgeschrittenen Alter. Rechts unten hat er ein Orginal-Bild seines Vaters eingefügt, das ihn als sechsjährigen Jungen zeigt. Der Vater hatte ihm dieses Bild zu seiner Einschulung geschenkt.

Neben einigen grafischen Arbeiten befinden sich im Fundus der Stadt Bonn (Stadtmuseum Bonn) drei weitere Werke des Künstlers:

 

Bild   Titel:                               Datum:  Ausführung:   Abmaße:     Reg-Nr:

350   Selbstbildnis                      ?           Öl auf Lw      70 x 110    SMB 1995/Alt 24

351   Atelierecke mit Ofen          ?           Öl auf Lw       50 x 40     SMB 1989/St1046

352   Abstraktion in Rot,             ?           Öl auf Lw       40 x 30     SMB 1989/St1047

        Weiß und Gold

 

SMB = Stadtmuseum Bonn

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