Leo Breuer 1893-1975

Internetauftritt: www.leo-breuer.de

                       Dem Leser sei empfohlen, diesen gut gemachten Internetauftritt

                       regelmäßig aufzurufen, da neben einer nach Schaffensphasen

                       strukturierten Werkerläuterung, eine Biografie, eine Bibliografie

                       mit Kataloghinweisen zu Leo Breuers (auch posthumen) Ausstel-

                       lungen sowie Informationen zum "Leo-Breuer-Preis" abzurufen

                       sind. Der "Leo-Breuer-Preis" wird seit 1999 im zweijährigen Tur-

                       nus vom LVR LandesMuseum Bonn ausgeschrieben. Mit ihm sollen

                       zeitgenössische Künstler/innen gewürdigt werden, die in ihren

                       Arbeiten einen abstrakt-konstruktivistischen Ansatz realisieren.

                       Zudem zeigt das Kapitel "Aktuelles", dass Leo Breuers Lebenswerk

                       inzwischen eine stetige Wertschätzung genießt.

                       Im Nachherein scheint es mir daher falsch, Leo Breuer in die Reihe

                       der "vergessenen Bonner Künstler" zu stellen. Dennoch soll er hier

                       aufgeführt werden, da sein Lebenslauf - insbesondere in der Reak-

                       tion auf die nationalsozialistische Gleichschaltung der Deutschen

                       Kunst ab Mitte der 30-er Jahre - eine bemerkenswerte Alternative

                       zu den Lebensläufen vieler anderer Bonnern Künstler/innen

                       aufweist. 

Passbild Leo Breuer

21.09    Leo Breuer wird als Sohn des Mau-

1893     rermeisters Josef Breuer und seiner

             Ehefrau Katharina in Bonn-Endenich

             geboren. Er wächst im Kreis seiner

             Geschwister auf, wird 1899 einge-

             schult, wechselt auf die Realschule

             und macht seinen Abschluß am 13.3.

             1907. Er beginnt eine Lehrausbildung

             als Kaufmann, merkt aber schnell,

             dass seine Talente weniger auf rech-

             nerischem als vielmehr auf kreativ-

             zeichnerischem Gebiet liegen und

             verschiebt den Schwerpunkt seiner

             Ausbildung auf Werbe- u. Reklame-

             zeichner.

1912     Leo Breuer geht nach Köln und beginnt an der dortigen Kunstgewerbe-

             schule ein Grafikstudium. Sein Vater drängt darauf, dass er einen

            "ordentlichen" Beruf ergreift, nach seiner Vorstellung also Zeichenlehrer

             an einer Schule und somit später auch pensionsberechtigt wird.

             Leo Breuer absolviert das Grundstudium, lernt Zeichnen und Malen.

          Vater Josef Breuer 1927                          Mutter Katharina Breuer 1935

          Öl auf Lw; 100 x 80 cm                            Öl auf Lw; 100 x 70 cm

1914     Mit der Juli-Krise 1914 beginnt der erste Weltkrieg. Leo Breuer wird - wie

             viele seiner Studienkollegen - erfasst und im Folgejahr 1915 eingezogen.

1915     Er erhält eine kurze Grundausbildung und wird zum Rußlandfeldzug an die

             Front geschickt. Noch im gleichen Jahr wird der 22-Jährige bei den

             Rokitnosümpfen gefangengenommen und in einem Kriegsgefangenenlager

             in Kasan an der Wolga interniert.

1918     Mit Kriegsende wird Leo Breuer im November 1918 aus der russischen

             Gefangenschaft entlassen. Er kehrt heim zu seinen Eltern nach Bonn.

Leo Breuer: "Blick auf Bonn" 1919; Öl auf Karton

1919     Eines der frühesten

             Ölgemälde Breuers

             zeigt den Blick über

             Bonn von Endenich

             aus. Es zeigt deut-

             liche Anklänge an

             die Malweise der

            "rheinischen Expres-

             sionisten" in Bonn,

             allen voran den frü-

             hen Bildern von

             August Macke, der

             aber zu diesem Zeit-

             punkt bereits tot (ge-

             fallen) ist.

 

             Leo Breuer nimmt

             sein unterbrochenes

             Kunststudium an der Kunstgewerbeschule Köln wieder auf. Nach vier Se-

             mestern wechselt er 1921 an die Akademie der bildenden Künste nach

             Kassel, die er 1923 mit dem "Zeichenlehrer-Examen" abschließt. Unter

             anderem hilft er dem Bonner Historienmaler Wilhelm Stucke (sen.) bei

             der Ausmalung der Kirche Sankt Familia in Kassel. Siehe Künstlerprofil:

             Willy Stucke (sen). Zurückgekehrt nach Bonn richtet sich Leo Breuer ein

             Atelier im Hause seiner Eltern in Endenich ein.  

Leo Breuer: Mutter mit Kind (1923)

1923     Leo Breuer tritt als "assoziiertes Mitglied" der

             "Bonner Künstlervereinigung 1914" bei. Er trifft

             u.a. auf Karl Menser, Walter Rath, Hans Thuar,

             Heinrich Reiferscheid und Em Oelieden. Zur

             Jahresausstellung der Gruppe (Ende 1923) stellt

             er erstmals seine Arbeiten einem größeren Pub-

             likum im Städtischen Museum Villa Obernier vor.

             Unter den Exponaten befindet sich auch das

             Bild einer jungen Frau, die auf einem roten Stuhl

             vor einer roten Wand sitzend, ihren Säugling in 

             den Armen hält. Das Bild galt lange Zeit als ver-

             schollen und wurde erst kürzlich wieder aufgefun-

             den.

Leo Breuer: Ehefrau Helene 1925

1924     In Leo Breuer reift der Entschluß heran, 

             freier Maler zu werden. Dies geht nicht,

             wenn er zuhause bei seinen Eltern wohnen

             bleibt. Konsequent zieht aus seinem Eltern-

             haus aus und richtet sich in der Nähe des

             Botanischen Gartens der Universität Bonn

             ein eigenes Atelier ein. Er heiratet Helene

             Elsler, eine junge Frau, die ihm Modell steht

             und die er nachfolgend häufiger portraitiert.

             Sie ist es auch, nach der er sein Bild des

            "Sitzenden Mädchens" gestaltet. Ein Bild,

             dass heute als eines seiner wichtigsten

             Frühwerke gilt und stellvertretend für die

             Phase der "Neuen Sachlichkeit" in der zeit-

             genössischen Malerei steht.

Leo Breuer: Plakatentwurf 1925

1925     Leo Breuers Plakatentwurf für die "Rheinische

             Jahrtausendfeier Bonn" gewinnt - sehr zur ei-

             genen Verwunderung des Künstlers - den ersten

             Preis in einer landesweiten Ausschreibung. Auf

             Tausend Reichsmark beläuft sich der Siegpreis -

             für Leo Breuer und seine Frau Helene eine wahr-

             lich hohe Summe.

             Im Nachherein kann festgestellt werden, dass

             der Plakatentwurf "kongeniale Züge" trägt:

             Einerseits nimmt er den kommenden Zeitgeist

             in der grafischen Gestaltung, so wie er sich in

             den späteren 30er-Jahren ausprägt, weitgehend

             vorweg. Andererseits markiert der Plakatentwurf

             eine Trendwende in Leo Breuers "Handschrift",

             hin zur figürlichen Stilisierung, zur Systematisierung und zu einem

             analytischen Konstruktivismus.          

Leo Breuer: Sitzendes Mädchen (1928)

             Leo Breuer unternimmt in der Folgezeit ver-

             schiedene Studienreisen nach Italien (1925),

             nach Frankreich (1926) sowie nach Belgien

             und in die Niederlande. Er beginnt auf Vor-

             schlag des Bonner Theaterschauspielers

             Theo Herten als Bühnenbildner für dessen

             neue Ensemble-Truppe zu arbeiten. Das

             sichert ihm ein halbwegs regelmäßiges Ein-

             kommen. Breuer verlegt sein Atelier von

             Poppelsdorf zu Schwester und Schwager

             nach Beuel.

1927     Die Schauspieltruppe, für die Leo Breuer ar-

             beitet, siedelt nach Neuss um und geht von

             dort aus als Rheinisches Städtebund-Theater

             später als "Rheinisches Landestheater" auf

             Tournee. Breuer richtet sich eine Wohnung

             mit Atelier in Düsseldorf ein. Hier entsteht

             1928 unter anderem das Bild des "Sitzenden Mädchens". Richard Jost,

             der Intendant des Städterbund-Theaters, ist Leo Breuer freundschaft-

             lich verbunden. Er erhält 1929 einen Ruf als städtischer Intendant nach

             Koblenz, wo er außer dem städtischen Schauspiel auch die Oper und

             das Tanztheater leitet. Leo Breuer geht mit. Er ist im Range eines

             "künstlerischen Beirates" für die Durchsetzung einer gestalterisch

             modernen, zeitgemäßen Auslegung der Theaterproduktionen unter

             Richard Jost verantwortlich und in dieser Funktion auch für die Gestal-

             tung der Theaterhefte zuständig. 

1930     Mit dem plötzlichen Tod seines Freundes Richard Jost endet Leo Breuers

             Theaterarbeit abrupt. Er orientiert sich neu, besinnt sich seiner "pädago-

             gisch-vermittelnden Ausbildung" und bewirbt sich als Zeichenlehrer auf

             entsprechende Stellenanzeigen. Er nimmt schließlich eine Stelle als

             Zeichenlehrer an der Moritz-Disterweg-Schule in Berlin an, die als päda-

             gogische Hochschule zur Lehrerausbildung fungiert und inhaltlich der

             Tradition der "alten (königlichen) Kunstschule in der Klosterstraße" ver-

             pflichtet ist.

             Leo Breuer zieht mit seiner Frau nach Berlin um und richtet sich dort ein

             Atelier ein. Er arbeitet nebenberuflich für den Ullstein-Verlag. Für dessen

            (Zeitgeist-) Magazin "Der Querschnitt" fertigt er in den Folgejahren Zeich-

             nungen und Illustrationen an. Auch für eigenes "freie" Malen hat er nun

             wieder Zeit.

            

1933     Im Mai 1933 stellt Leo Breuer seine Bilder in einer ersten  Einzelausstel-

             lung in der renommierten Galerie und Kunsthandlung von Wolfgang Gurlitt

             in Berlin aus. Wolfgang Gurlitt hatte die Galerie von seinem Vater Fritz

             Gurlitt übernommen, der sich auf zeitgenössische Kunst, insbesondere auf

             moderne französische Kunstströmungen, spezialisiert hatte.

             Mit der Machtergreifung Hitlers ändern sich die Arbeitsbedingungen für Leo

             Breuer in Berlin allerdings schlagartig:

             Die Moritz-Disterweg-Hochschule, an der er "Zeichnung und Malerei" lehrt,

             wird noch im selben Jahr von den Nazis geschlossen. Das Ullstein-Magazin

            "Der Querschnitt" wird zunächst redaktionell beschnitten, später dann ganz

             verboten. Die Galerie und Kunsthandlung Gurlitt hält sich zwar noch einige

             Zeit "über Wasser", wird aber als "jüdisches Geschäft" von den Nazis

             mehrfach "gebrandtschatzt". Gurlitt bleibt nicht anderes übrig, als seine

             Galerie zu schließen.

             Für den 40-jährigen Leo Breuer und seine Frau "geht langsam und all-

             mählig eine Welt in Stücke". Ihm ist der wirtschaftliche Boden entzogen,

             er lebt von der Hand im Mund und fühlt sich als Künstler in Deutschland

             zunehmend "angefeindet": Wegen seiner Malweise, wegen seiner Kolle-

             gen und Freunde und wegen seiner persönlichen Überzeugungen. Seine

             Bereitschaft, Deutschland zu verlassen und ins Exil zu gehen, wächst.

1934     Schließlich ist es ein Portraitauftrag aus den Niederlanden, der den Aus-

             schlag gibt. Er reist nach Den Haag, um den Bruder eines Schüler vor Ort

             zu portraitieren. Ohnehin für einige Tage bei seinem Auftraggeber unter-

             gebracht, lässt er seine recht bescheidene Habe zusammen mit dem

             größten Teil seiner Bilder aus Berlin nachkommen. Mit diesen bewirbt er

             sich bei örtlichen Galerien in Den Haag. Er trifft viele Leute, macht uner-

             müdlich Kontakte und erkundigt sich beiläufig nach Arbeits- und Beschäf-

             tigungsmöglichkeiten für ihn als mittellosen Künstler.

             Leo Breuer: "Schließlich sagte die Galerie "Het Center" in Den Haag zu,

             meine Bilder auszustellen. Die niederländische Presse war gnädig.

             Sie kommentierte meine Ausstellung durchaus freundlich und das öffnete

             mir weitere Türen. Unter anderem sollte ich im Folgejahr eine Ausstellung

             in Brüssel vorbereiten. Ich fuhr hin und bekam dort die Gelegenheit,

             probeweise für sechs Wochen beim renommierten Institut Roeder (?)

             meine Eignung als Gemälderestaurator nachzuweisen. Offensichtlich habe

             ich die Herren mit meiner ruhigen Hand und mit entsprechendem Sitz-

             fleisch überzeugt. Restauratoren brauchen bei ihrer Arbeit Sitzfleisch

             und so war ich von 1935 bis 1938 nur mit kurzen Unterbrechungen beim

             Institut Roeder als Restaurator tätig. Meiner Ehe ging allerdings darüber

             in die Brüche. Wir ließen uns scheiden".

1939     Über Weihnachten kommt Leo Breuer nach Bonn zurück, um die Familie

             zu besuchen und sich neue Ausweispapiere in Köln ausstellen zu lassen.

             Er fühlt sich in der Heimat eingeengt - nicht mehr frei - und ist froh, dass

             er zurück nach Brüssel gehen kann, um dort an der Ausstellung "L'art n'a

             pas de patrie" teilzunehmen. Die Qualität seiner Gemälde-Restaurationen

             hat sich herumgesprochen und so erhält Leo Breuer auch außerhalb seiner

             offiziellen Institutstätigkeiten genügend Aufträge, um sich "komfortabel über

             Wasser halten zu können". Die gute Zeit dauert nicht lange an.

1940     Am 10. Mai 1940 überfallen deutsche Truppen Belgien und die Niederlande.

             Leo Breuer wird - als er sich bei "seiner" Polizeistation in Brüssel meldet -

             trotz seiner Einwände als "feindlicher Ausländer" angesehen, verhaftet

             und per Bahn nach St. Cyprien, einem Lager am Fuße der französischen

             Pyrenäen abtransportiert. Als dieses wegen einer Überschwemmung auf-

             gelöst wird, kommt er in das Lager nach Gurs, das ebenfalls am Rand der

             Pyrenäen liegt. Die sanitären und hygienischen Verhältnisse - wie über-

             haupt die gesamte Versorgungslage - bessert sich für die Internierten nicht.

             Hunger und Durst führen zu Mangelkrankheiten, Typhus und Ruhr gras-

             sieren, Seuchen breiten sich aus; allenthalben werden Lagerinsassen,

             sobald sie Anzeichen eines Lagerkollers zeigen, "aussortiert und ruhig-

             gestellt". Leo Breuer führt "zeichnerisch" Tagebuch über diese Zeit.          

             Abbildungen oben: Auszüge aus Leo Breuer Skizzenbüchern. Die

             Zeichnungen hat er z.T.  mit einfachen Wasserfarben coloriert und

             erst später für eine Ausstellung signiert.

             Als Sekretär der katholischen Lagergruppe erhält er die Erlaubnis, eine

             der Baracken mit bescheidenen künstlerischen Mitteln zu einer katho-

             lischen Kapelle umzufunktionieren.

             Er bemalt die Fensterscheiben, so dass farbiges Licht hineinfällt, gestaltet

             aus Kieselsteinen Mosaike und bindet aus Holzstücken Christusfiguren

             zusammen. Ein Loch unter dem provisorischen Altar dient dazu, Lager-

             insassen einen zeitlich begrenzten Schutz vor dem Wachpersonal zu

             geben. Dies bringt ihn in Kontakt mit Abbe Glasberg, der maßgeblichen

             Einfluß in der "Entre-aide des Refugies", einer französischen Flüchtlings-

             hilfsorganisation hat. Auf dessen Betreiben hin wird Leo Breuer nach der

             Befreiung aus Gurs am 27.11.1941 in das "Centre d'accueil Roche d'Ajou"

             in der Nähe von Lyon verlegt und dort mit einem falschen Paß, der ihn als

            "zugereisten Franzosen" (Deckname Leo Brun) ausweist, ausgestattet.

1943     Flucht vor den deutschen Behörden in den Untergrund. "Leo Brun"

             schlägt sich als Feldarbeiter auf einem Bauernhof durch, bis er von

             Abbe Glasberg in das Schloß Begue unweit von Toulouse einquartiert

             werden kann. Hier ist ein Auffanglager für Flüchtlinge errichtet worden

             und es liegt an Leo Breuer, als "Chefkoch" rund 200 Flüchtlinge täglich zu

             verköstigen.

1945     Am 2. März wird Leo Breuer mit seiner zweiten Frau Annie Wartenberger,

             die er im Flüchtlingslager kennengelernt hat, aus Schloß Begue mit einem

             guten "Abgangzeugnis" und einem "Startgeld" von 2000 Francs, die er von

             Abbe Glasberg erhält, nach Paris entlassen.

             Für Leo Breuer ist dies die Stunde Null. Er beginnt ein zweites Leben.

             Leo Breuer und seine Frau richten sich in Paris gemeinsam ein Hotel-

             zimmerappartment als Atelier ein. Er zum Malen, sie - eine an der Pariser

             Akademie Ranson ausgebildete Bildhauerin - zur skulpturalen Gestaltung

             von Keramikobjekten. Die Keramiken verkaufen sich überraschend gut.

             Leo Breuer kann sich - befreit von Geldsorgen - erstmals ganz auf seine

             Malerei konzentrieren.

             Mit seinen 52 Jahren ist er, wie er selbst von sich sagt, ein Spätentwickler.

             Er erkennt, dass in der völligen Loslösung aus dem Gegenständlichen, in

             reiner Struktur, Form und Farbe eine eigene Wertigkeit steckt. Um diese

             Wertigkeiten zu erkunden, muss er seine Bilder aus reinen Flächen-

             elementen zusammensetzen, muss eigene Bildräume konstruieren

             und variieren. Leo Breuer entwickelt sich ganz eigenständig zu einem

             Konstruktivisten. Er beschäftigt sich (natürlich) mit den theoretischen

             Schriften Kandinskys, mit den frühen "Bauhaus-Utopien", mit der hollän-

             dischen "de-Stijl"- Bewegung um Piet Mondrian und George Vantongerloo

             Aber - und das ist vielleicht der entscheidende Vorteil seiner "Spätent-

             wicklung": Leo Breuer übernimmt keine vorgefertigten Bild-Klischees,

             keine Konstruktionsvorgaben, keine Farbphilosophie. Er bleibt "ungeprägt"

             und hört nur auf seine innere Befindlichkeit, die ihm konstruktiv ganz

             eigene, persönliche "Bildpläne" vorgibt. Er ist selbständig und steht als

             Pariser Künstler außerhalb der deutschen Kunstszene, die sich nach dem

             zweiten Weltkrieg (und dem Diktat einer "Deutschen Kunst"), um einen

             Wiederanschluß an die internationale Kunstentwicklung - insbesondere

             an die abstrakte Kunst (Deutsches Informel) - bemüht.

1946    Leo Breuer lernt den französischen Maler Auguste Herbin (1882-1960)

            kennen. Herbin hat durch seine Kompositionslehre "alphabeth plastique"

            und seine eigene Farblehre maßgeblichen Einfluss auf die zeitgenössisch-

            abstrakten Nachkriegskünstler in Paris. Leo Breuer schließt sich Herbins

           "Abstraction-Creation-Bewegung" an und stellt auf Einladung Herbins im

            selben Jahr auf dem nachfolgenden "1. Salon des Realites Nouvelles" seine

            Werke aus. Später wird Leo Breuer zum Vorstandsmitglied, zum Kurator,

            zum Publizisten und zum Archivar des "Salon des Realites Nouvelles (=SN)" 

            gewählt.    

           

Leo Breuer: ohne Titel (1947), expressionistische Ölfarbstudie auf Karton

1947   In seiner "Pariser Orientierungsphase" besucht

           Leo Breuer alle ihm wichtig erscheinenden Aus-

           stellungen, die zum damaligen Zeitpunkt in

           Paris zu sehen sind. Im "Musee d'art moderne

           de la Ville" wird eine Ausstellung von Marc

           Chagall (1887-1985); im Musee de l'Orangerie

           eine Ausstellung von Paul Gauguin (1848-1903)

           gezeigt.

           Die Bilder, die Leo Breuer in den beiden Aus-

           stellungen sieht, faszinieren ihn offensichtlich

           sehr. Sie wirken in ihm nach. Wohl unter dem

           Eindruck dieser Bilder malt er eine größer for-

           matige Ölfarb-Skizze auf grauem Karton, in

           der er Motivelemente beider Maler aufnimmt

           und geschickt miteinander vermischt:

           Das Chagall'sche Brautmotiv unter einem

           Gauguin'schen Sonnenschirm in einem Pferde-

           oder Eselskarren, der an einem Südsee-Strand vorbeigezogen wird. Das

           Bild ist rechts unten mit "Leo Breuer" signiert und auf (19)47 datiert.

           (Eigner: Dirk Löhr, Remagen)

Das Künstlerpaar Leo und Anni Breuer (1969)

1949      Leo Breuer und Anni Wartenberger heiraten

              und richten sich eine Wohnung mit Atelier in

              der Rue Archereaux 48 in Paris ein. Das Paar

              baut sich mit der Zeit einen Freundeskreis auf,

              zu dem u.a. der ebenfalls emigrierte deutsche

              Maler Hans Hartung, der russische Konstrukti-

              vist Antoine Pevsner, Albert Gleizes, der Tsche-

              che Frank Kupka und der Maler-Publizist Michel

              Seuphor zählen.

              Leo Breuer bemüht sich, die Kontakte zur

              Kunstszene in Deutschland wieder aufzu-

              nehmen. Als Vertreter des Pariser "Salon des

              Realites Novelles" verhandelt er mit Künstler-

              gruppen, Kunstvereinen und Galerien im westdeutschen Raum, um die

              abstrakte Kunst französischer Prägung dort vorzustellen und umgekehrt

              auch die noch "zarten Pflanzen" des deutschen Informels in Frankreich zu

              präsentieren. So ist er einerseits Mittler zwischen den beiden nationalen

              Kunstwelten und fokussiert andererseits das künstlerische Geschehen um

              sich selbst herum auf abstrakte Kunst.

             

             Werkentwicklung Leo Breuers zwischen 1947 und 1949:

             unten links:                                     unten rechts: (Variante)

             "Hommage a Herbin"                       "Hommage a Herbin"

1951     Leo Breuer besucht seine Heimatstadt Bonn, nimmt Kontakt mit

             der Bonner Künstlergruppe (Herm Dienz, Hans (Juan) Dotterweich

             und Willy M. Stucke) auf. Er wird offiziell deren Mitglied.

             Auch mit den Malern der "Alfterer Donnerstag-Gesellschaft" (Fassbender,

             Berke, Hann Trier) pflegt er einen intensiven Gedankenaustausch, zumal

             sie sich dem abstrakten,- zumindest gegenstandslosen - Expressionismus

             verschrieben haben. Über die "Alfterer Donnerstag-Gesellschaft" kommt

             er mit den Nachfolgern der "Kölner Konstruktivisten" in Kontakt und

             kann auch deren Entwicklung und Positionen im Rahmen des Salons

             des Realites Nouvelles transparent machen. In den Folgejahren pendelt

             Leo Breuer zwischen Paris und Bonn. In beiden Städten unterhält er

             jeweils ein eigenes Atelier. Hans Dotterweich betreut seine Kontakte in

             der Zeit seiner Abwesenheit in Bonn und hält ihn über kurzfristige

             Entwicklungen in der Kölner und Bonner Künstlerszene auf dem Laufenden.

 

1953     Erstmalig nach dem zweiten Weltkrieg beteiligt sich Leo Breuer wieder

             an einer Ausstellung in Deutschland und stellt anläßlich der "Herbstaus-

             stellung Bonner Künstler" einer Auswahl seiner aktuellen Arbeiten dem

             Bonner Publikum vor. Sein Atelier in der Alfred-Bucherer-Straße in Bonn

             gibt er alsbald zugunsten eines größeren und weitaus ruhiger gelegenen 

             Ateliers im Fasanenweg in Bonn-Ippendorf auf. Er freundet sich mit

             Hans Stollenwerk an, einem kurz zuvor pensionierten Lehrer, der ebenfalls

             in Ippendorf wohnt. Für dessen neuerrichtetes Mietshaus in der Ippen-

             dorfer Allee - entwirft er ein Ensemble von drei abstrakte Wandgemälden,

             die auf den Stirnwänden im Treppenhaus jeweils eine Wohnetage kenn-

             zeichnen.

             In Paris wird Leo Breuer in Anerkennung seiner französisch-deutschen

             (Kunst-)aktivitäten zum Vorsitzenden des Salon des Realites Nouvelles

             gewählt.

1955    Leo Breuer organisiert verschiedene internationale Ausstellungen des Salon

            des Realites Nouvelles in Frankreich (Lyon, Nantes, Lille) in England (London)

            sowie in Deutschland (Recklinghausen). Auf seine Anregung hin findet ein

            reger Künstleraustausch zwischen allen diesen Städten statt. So werden

            u.a. Bonner Künstler zu Ausstellungen in den Salon RN nach Paris einge-

            laden. In Bochum trägt man ihm die Ehrenmitgliedschaft in der Künstler-

            gruppe "Der Hellweg" an, die er gerne annimmt. Zusammen mit Hans

            Hartung stellt Leo Breuer im Folgejahr 1956 in Bonn aus.

            Die beiden avancieren damit zunehmend zu "Aushängeschilder" für eine

            übernationale deutsch-französische Künstlerallianz in der abstrakten

            Nachkriegsmalerei.

            Leo Breuers künstlerischen Handschrift

 

            Durch die mannigfache Kuratoren- und Jurytätigkeit erhält Leo Breuer mit

            den Jahren einen profunden Überblick über die verschiedenen Strömungen

            und Bildauffassungen, die sich in der supranationalen abstrakten Kunst 

            Frankreichs und Deutschlands entwickeln. Er selbst "entwindet sich"- wie

            er selbst sagt -  "nach und nach dem Einfluß von Auguste Herbin".

            Ab Mitte der 50er Jahre bis weit in die 60er Jahre hinein experimentiert er

           "in freien Kompositionen" mit möglichst klaren geometrischen Flächen,

            die - außer über ihrer Flächenspannung zueinander - auch über ihre

            Farbgebung miteinander in Beziehung treten. Dabei dominiert zunächst

            die Fläche über die Farbe. Leo Breuer "konjugiert" die Varianzen von

            flächenbegrenzenden Waag- und Senkrechten durch, fügt "Spannungs-

            verstärkungen" durch Flächendiagonale ein und setzt schließlich "Konzen-

            trationspunkte" durch Kreise und Kreissegmente hinzu. Den "Hüllfeldern"

            kommt in seinen Kompositionen eine besondere Bedeutung zu. Sie können

            die Flächenelemente zu Gruppen zusammenfassen oder sie separieren.   

            Hier spielt "Farbgebung und Farbverlauf" eine entscheidende Rolle und

            Leo Breuer "konjugiert" auch diese Beziehungen konsequent durch.

 

1960      Leo Breuer verläßt sein Boheme-Atelier in der Rue Archereau in Paris,

              das wegen seiner Baufälligkeit kaum noch bewohnbar war und zieht mit

              Frau und Sohn Jacques in die Rue Patay. Zugleich tritt er der deutsch-

              französischen Künstlergruppe "Mesure Maß" bei.

1961      Die Pariser Galerie Hautefeuille zeigt Leo Breuers abstrakte Kom-

              positionen und diese Ausstellung bringt für Leo Breuer den lang ersehn-

              ten Durchbruch. Die Presse feiert enthusiastisch seine Präsentation. 

              Nahezu zwei Drittel seiner Werke werden auf Anhieb verkauft. Das

              Museum National d'Art Moderne erwirbt ein Bild für seine ständige Aus-

              stellung und nun reißen sich auch andere Galerien darum, seine

              Werke ausstellen zu dürfen. Breuer plant, zu seinem siebzigsten

              Geburtstag 1963 eine Wanderausstellung - von Bonn ausgehend -

              nach Hagen, Trier und Kaiserslautern mit komplett neuen Werken zu

              beschicken. Er stürzt sich in die Arbeit. Seine neue Bildreihe grenzt sich

              von den bisherigen Werken deutlich ab. Er nimmt ein Gestaltungs-

              element wieder auf, dass er erstmals 1947 bei seiner Gouachenfolge

              "Formes libres" angewandt hatte. Er löst die streng gerandeten geo-

              metrische Flächenelemente durch farbig hinterlegte Parallelschraf-

              furen auf, läßt sie versetzt, teilweise sogar transparent-durchschei-

              nend erscheinen und schafft damit für den Betrachten den Eindruck

              einer optischen Fluktuation und einer bildimmanenten Bewegung.

              Vielfach nimmt er mit seinen streng konstruierten "Rastervibrationen"

              die Wirkmechanismen der Op Art Mitte der 60er Jahre vorweg bzw.

              gibt ihr - aus der geometrischen Abstraktion entwickelt - ein anderes

              Fundament.

1963     Die Wanderausstellung zu Leo Breuers 70. Geburtstag hat großen Erfolg.

             Die Ausstellungen in der Städtischen Kunstsammlung Bonn, im Karl-Ernst

             Ostheim-Museum in Hagen, in der Pfalzgalerie Kaiserslautern sowie im

             Städtischen Museum Trier rücken den Namen Leo Breuers ins öffentliche

             Bewußtsein sowohl bei Kunstsachverständigen wie beim breiten Publikum.

             Sein Bekanntheitsgrad steigt.

             In den Folgejahren erhält Leo Breuer Aufträge für die Gestaltung von zwei

             großen Wandbildern in der Gottfried-Kinkel-Realschule in Bonn (1964), für

             die Wandgestaltung des Foyers der Universitäts-Polyklinik in Bonn (1965)

             sowie für die Ausgestaltung des St. Josef Internats in Bonn (1969).

             Diese Arbeiten werden ausführlich in einschlägigen Architekturzeitschriften

             besprochen und führen zu ähnlichen Wandgestaltungsaufträgen auch in

             Frankreich (Schulen in Angers und Montagne sur Loire).

             Leo Breuer pendelt zwischen seinen Ateliers in Deutschland und Frankreich

             hin und her.       

1965    In der rennomierten Galerie Maywald, Paris findet Leo Breuers nächste

            große Verkaufsausstellung statt. Die Galerie verkauft in kurzer Zeit "sämt-

            liche überlassenen Werke und hätte noch duzende mehr verkaufen können".

1967     In Paris bezieht Leo Breuer ein neues Atelier in der Rue de Tolbiac. Voller

             Enthusiasmus gündet er eine neue Künstlergruppe, die sich "Construction

             et Mouvement (CO-MO)" benennt. In direkter Auseinandersetzung mit

             seinen Künstlerkollegen entwickelt er - auf der Basis seiner bisherigen

             Arbeiten - eigene Ideen zur Gestaltung abstrakt-kinetischer Kunstobjekte. 

             Seine bisher zweidimensional-flachen Bilder erschießen nun die 3. Dimen-

             sion und werden damit zu Reliefs.  Exakte, klar konstruierte Reliefs, die

             logisch auf planimetrischen Rastern beruhend, durch Objektreihung,

             Objektversatz und Objektdrehung eine besondere kinetische Wirkung

             erzielen. Und wieder gibt Leo Breuer mit seinen neuen Werken der zeitlich

             parallel aufkommenden Op-Art - aus "seiner" Form der geometrischen

             Abstraktion entwickelt - ein neues originär eigenständiges Fundament.

1969      Leo Breuer stellt seine kinetischen Reliefs erstmals in der Galerie Riquelme

              in Paris aus. Es folgen weitere Ausstellungen sowohl in französischen wie

              in deutschen Museen und Galerien. Unter anderem zeigt das Mittelrhein-

              Museum in Koblenz und die Galerie Baukunst in Köln seine Werke.

1973      Zum Anlaß seines 80. Geburtstages findet eine große Retrospektive seines

              Oeuvres im Rheinischen Landesmuseum Bonn statt. Leo Breuer trägt sich

              in's Goldene Buch der Stadt Bonn ein. Aus der ganzen Welt treffen Glück-

              wunschtelegramme u. a. von Bundeskanzler Brandt ein.

1974      Trotz seines hohen Alters wechselt Leo Breuer weiterhin zwischen Bonn

              und Paris hin und her. Auf seinen bewegten Lebenslauf und seine mög-

              lichen Präferenz für eine seiner beiden Arbeitsstätten angesprochen,

              wehrt er ab:

             "Sicherlich hat die Emigration nach Frankreich mein Leben bestimmt.

              Ich war im Untergrund, ich habe gelitten, aber im Nachherein war alles gut

              und richtig so. Ich bin Frankreich verpflichtet. Es hat mich und meine Kunst

              geprägt. Frankreich ist meine zweite Heimat geworden, ohne dass ich die

              erste verloren hätte."         

              Im Herbst 1974 sind die Arbeiten an einem Auftragsrelief, das Leo Breuer 

              für die Schule in Angers, Seiches-sur-Loire entworfen hatte, beendet.

              Anfang 1975 ist auch die Wandgestaltung für eine Schule in Montagne-

              sur-Loire fertiggestellt. Leo Breuer nimmt die Arbeiten bei den aus-

              führenden Firmen noch ab und reist anschließend nach Bonn.

 

1975      Am 14. März 1975 verstirbt Leo Breuer im 82. Lebensjahr in Bonn.

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