Künstlerprofil Herm Dienz 1891 - 1980

Herm Dienz

1891      Ernst Hermann Dienz, genannt Herm Dienz,

              erblickt als ältestes von zehn Kindern des

              Kaufmanns Johann Georg Dienz und seiner

              Ehefrau Sophie Dienz, geborene Tenkhoff,

              am 08. Oktober 1891 in Koblenz das Licht

              der Welt. Der kleine Herm wächst inmitten

              der Großfamilie Dienz auf und wird von sei-

              ner Mutter schon früh auf den musisch-künst-

              lerischen Weg gebracht. Die Mutter - aus

              einer distinguierten, in Warendorf in West-

              falen ansässigen Juristenfamilie stammend -

              besteht darauf, dass ihr ältester Sohn ein

              Musikinstrument beherrscht. Herm entschei-

              det sich für das Klavierspielen. Er wird sich

              auch in seinem späteren Leben gerne an's

              Klavier setzen, um zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Gäste beizu-

              tragen. Herms Vater - Johann Georg Dienz  - besitzt zusammen mit

              Herms Onkel - Josef Dienz - ein gutgehendes Konfektionsgeschaft in

              Koblenz. Die Familie ist relativ "begütert" und so wächst der kleine

              Herm wohlbehütet in einem gesicherten bürgerlichen Umfeld auf.    

Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Koblenz ( Bauzustand 1894)

1897      Herm Dienz wird in die Volksschule

              Hassenheimer Hof in Koblenz einge-

              schult. (Das Gebäude wird später

              im 2. Weltkrieg komplett zerstört

              und nicht wieder aufgebaut).

1901      Nach der Volksschule wechselt der

              junge Herm Dienz auf das huma-

              nistische Kaiserin-Augusta-Gymna-

              sium in Koblenz. Er trifft dort auf

              den damals gerade 30-jährigen

              Kunstlehrer William Straube.          

Herm Dienz: Selbstportrait 1907

              William Straube (1871 - 1954) ist selber

              (neben seinem Lehrberuf) als Maler tätig

              und zählt zu den Rheinischen Expressio-

              nisten rund um August Macke. Straube

              vermittelt Herm Dienz die Grundlagen

              des Zeichnens und der Malerei. Sein

              Unterrichtskonzept ähnelt im hohen Maße

              dem der klassischen Akademieausbil-

              dung und umfasst neben dem Zeichnen

              (vor Ort) nach der Natur, grundlegende

              anatomische Studien (nach historischen

              Gipsabdrücken) ebenso wie Übungen zur

              Farblehre und - "zur Schulung des künst-

              lerischen Auges" - ausgedehnte Muse-

              ums- und Ausstellungsbesuche. Schon

              bald fällt das multimusische Talent des

              Gymnasiasten auf. Nicht nur die bilden-

              den Künste - Zeichnen und Malen -

              sondern auch Musik und Poesie haben

              es dem Schüler "angetan". Mit 16 Jahren malt Herm Dienz sein erstes

             "offizielles" Ölgemälde - ein Selbstbildnis, ganz und gar im damals vor-

              herschenden Ton-in-Ton-Verfahren erstellt.

Künstlertreff "Alter Simpl" München

1910      Nach Ablegen der "Reifeprüfung" zieht

              Herm Dienz nach München. Sein Vater

              besteht darauf, dass er einen "soliden,

              ordentlichen" Beruf ergreift und so

              schreibt sich Herm Dienz an der juris-

              tischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-

              Universität ein. Der 19-Jährige nimmt

              sich ein Zimmer in Schwabing unweit

              des Künstlerlokals "Alter Simpl" und

              verbringt "erklärkliche Zeit in diesem

              Etablissement". Die Boheme, die sich im Alten Simpl trifft, fasziniert den

              jungen Mann. Einige Kommolitonen nehmen ihn unter ihre Fittiche und

              zeigen ihm "die große Welt". Tagsüber hört Herm Dienz die Jura-Pflicht-

              Vorlesungen an der Uni, doch die Nachmittage verbringt er bei den Ger-

              manisten, wo er die "Deutsche Literatur der Gegenwart", einen "Abriss

              Deutscher Philosophen und Denker" und Fritz Burgers kunsthistorische

              Seminare zum Thema "Kunst und Weltanschauung" belegt.

              Abends und nachts pflegt er "Kontakte", macht Bekanntschaft mit

              Schriftstellern, Dichtern und Musikern. Die Alte Pinakothek besucht er

              mehrfach, um dort zur "Schulung des künstlerischen Auges" - (gemäß

              seinem Koblenzer Kunstlehrer William Straube) - Bildanalysen und

              Studien zum Aufbau und zur Struktur klassischer Bildwerke durch-

              zuführen. Offensichtlich beschäftigt ihn in dieser Zeit die Literatur und

              zeitgenössische Dichtkunst aber deutlich mehr als die bildende Kunst.

Herm Dienz: Bonn Moltkeplatz (um 1911)

1911      Es ist nicht ganz sicher, weshalb Herm

              Dienz bereits nach zwei Semestern

              Jurastudium von München zurück nach

              Koblenz zieht und im nahen Bonn sein

              Jurastudium fortsetzt. Möglicherweise

              hat sein Vater Einfluss genommen, da

              er den recht freien Lebenswandel seines

              ältesten Sohnes in München, von dem

              ihm - wohl über Dritte - einiges zu Ohren

              gekommen sein muss, missbilligte.

              Bonn ist zur damaligen Zeit - verglichen

              mit München, Berlin, Hamburg, Frankfurt

              oder Düsseldorf ein eher ruhiges "Pro-

              vinznest" - wesentlich geprägt durch

              die Rheinische-Friedrich-Wilhelm-Uni-

              versität zu Bonn, den Kur- und Heilbe-

              trieb in Bad Godesberg und den bür-

              gerlichen "Pensionärsresidenzen" entlang

              des Rheins. Traditionell ist Bonn mehr der Musik zugeneigt als den bil-

              denden Künsten. Ludwig van Beethoven ist ein Kind der Stadt und hat

              hier seine erste Organistenstelle angetreten. Auch Robert Schumann

              hat in Bonn gewohnt und ist in der Stadt verstorben.

              Nach der Immatrikulation in Bonn, wird Herm Dienz von Professor Albert

              Küppers - dem Vater des Bonner Malers Otto Küppers - in der "gemüt-

              lichen Künstlerrunde" eingeführt, die sich einmal pro Woche im Hotel

              "Zum goldenen Stern" am Bonner Marktplatz trifft. Herm Dienz lernt dort

              unter anderem den Historien- und Kirchenmaler Willy Stucke (senior)

              kennen und ist sich mit diesem einig, dass die Bonner Künstler aller

              Coleur gemeinsam eine schlagkräftige Berufsvertretung bilden sollten,

              um ihre Interessen gegenüber Politik und Gesellschaft besser durch-

              setzen zu können. Doch so recht weiss sich Herm Dienz nicht zu ent-

              scheiden, welcher künstlerischen Coleur er sich persönlich zurechnen soll.

              Sein Vater drängt weiter darauf, dass er Jurist werden soll, er selbst

              tendiert zu Oper und Theater und - damals noch mit Abstrichen - zur

              bildenden Kunst.

              Wie auch immer. Er muß aus dem "verschlafenen" Bonn raus und so

              wechselt er im Oktober 1911 fast fluchtartig den Studienort und schreibt

              sich in der juristischen Fakultät an der Universität in Berlin ein.

1912      Das Berliner "Engagement" währt nicht lange. Nach einem Semester

              kehrt Herm Dienz bereits wieder "geläutert" in sein Elternhaus nach

              Koblenz zurück. Offensichtlich hat der Vater zu dieser Läuterung massiv

              beigetragen. Sein Sohn Herm konzentriert sich nun ausschließlich auf

              das Jurastudium in Bonn. Alles andere bleibt außen vor. Mehr zum Aus-

              gleich malt Herm Dienz zuhause in Koblenz zwei Bilder, die er später

              als frühe Schlüsselwerke für seine weitere Entwicklung bezeichnet:

              Das "Miechen aus der Weissergass" und den "Akt mit Hund".

Abb. links: "Das Miechen aus der               Abb. rechts: "Akt mit Hund" (1912)

                 Weissergass" (1912)

1913     Am 05.11.1913 legt Herm Dienz im 1907 bis 1911 neu errichteten Oberlan-

             desgericht in Köln am Reichensbergerplatz sein erstes juristisches Staats-

             examen ab.    

             Anmerkung: Die Fassadenelemente des Oberlandesgerichts, vor allem

             der prächtige Giebelfries stammen übrigens von Karl Menser und Jakobus

             Linden (Siehe Künstlerprofile).

             Nach dem abgelegten ersten Staatsexamen geht Herm Dienz als Referen-

             dar zum Amtsgericht Münstermaifeld bei Koblenz, um in der zweiten "Aus-

             bildungs-Stage" die notwendige praktische Verwaltungserfahrung für das

             zweite Staatsexamen und damit die Voraussetzung für einen dauerhaften

             Eintritt in die höhere Beamtenlaufbahn zu erhalten. Die Ausbildung wird

             durch die Kriegserklärung Deutschlands und den Ausbruch des ersten

             Weltkrieges unterbrochen.

1914     Herm Dienz meldet sich in vaterländisch-nationaler Begeisterung als

             Freiwilliger zum Militärdienst und wird im August 1914 dem 2. Rheinischen

             Feldartillerie-Regiment zu Köln zugewiesen. Anfänglich voller Elan und

             Enthusiasmus, ist er besonders diensteifrig und wird im Folgejahr (1915)

             zum Unteroffizier befördert. Dann geht es an die Ostfront in den von Russ-

             land besetzten Teil Polens. Herm Dienz wird mit der Realität des Krieges

             konfrontiert. Die Kampfhandlungen, insbesondere bei der Feldartillerie, sind

             überaus gefährlich, körperlich strapaziös und entbehrungsreich. Schlagartig

             verliert Herm Dienz alle Illusionen.

Gaskrieg in Ypern

1916     Herm Dienz wird mit seinem Regiment an

             die Westfront verlegt. Nahe Ypern (in

             Westflandern) bezieht das 2. Rheinische

             Feldartillerie-Regiment Stellung und setzt

             auf Befehl der Deutschen Heeresleitung

             erstmals Giftgas-Granaten ein. Um sich

             abzulenken, zeichnet Herm Dienz viel.

             Seine Bleistift- und Farbkreide-Skizzen

             zeigen jedoch nur zerstörte Landschaften,

             keine Menschen. Naturelend stellvertre-

             tend für das unsägliche menschliche Elend,

             das der Giftgaskrieg auslöst! Wahrscheinlich ist das auch der Grund,

             weshalb ihm offiziell erlaubt wird, insgesamt 18 seiner Zeichnungen

             im Kunstverein Gießen auszustellen. Mit dem Kriegseintritt der Ame-

             rikaner wendet sich 1917 das Blatt. Die dritte Flandernschlacht gerät

             zu einer reinen Materialschlacht, in der menschliche Einzelschicksale

             nicht mehr zählen. Mehr als eine halbe Million Soldaten fallen in und

             um Ypern.

1918     Mit der Kapitulation der deutschen Truppen endet der erste Weltkrieg am

             11. 11. 1918. Herm Dienz wird als Leutnant der Reserve aus dem Heeres-

             dienst entlassen und nimmt am Landgericht Koblenz seine Arbeit als

             Rechtsreferendar wieder auf. Zurückhaltend und eher vorsichtig tastend

             versucht er, auch künstlerisch wieder Fuß zu fassen. Die Musik ist ihm

             zwar wichtig, aber sicherlich nicht so wichtig, wie ihm nun seine Zeich-

             nungen und Malereien als persönliche Ausdrucksform sind. Noch im

             Dezember stellt er im heimatlichen "Kunst - und Möbelhaus Bernd" in

             Koblenz seine "Kriegsbilder" aus. Im Folgejahr beendet er sein Rechts-

             referendariat. Er geht nach Berlin, um übergangsweise (für knapp 6

             Monate) eine Stelle im Reichsschatzministerium anzutreten. Herm Dienz

             nimmt dort Kontakt zu Studienkollegen und Künstlerfreunden aus den

             Vorkriegsjahren auf. Auch sein früherer Kunstlehrer William Straube

             wohnt inzwischen in Berlin. Mit diesem besucht er die Ausstellungen der

             deutschen Dada-Avangarde-Künstler in Berlin, erlernt die Technik des

             Holzschnitts, der Radierung und des lithographischen Drucks und fertigt

             in Straubes Atelier eine Reihe eigener lithographischer Blätter.

             Langsam reift in ihm der Entschluß, gänzlich bildender Künstler zu werden.

             Schweren Herzens stimmt sein Vater zu, ihn finanziell zu unterstützen,

             allerdings macht er zur Bedingung, dass Herm sein Jurastudium noch 

             abschließt und somit vor aller Augen dokumentiert, dass er eigentlich

             mehr als "nur" Bilder malen kann.

Bildnis Hildegad (Hilde) Risse

1920     Herm Dienz promoviert an der Universität in

             Gießen mit dem juristischen Thema: "Die

             Verschlechterung eines Kaufgegenstandes"

             zum Dr. jur. und kehrt anschließend in sein

             Elternhaus nach Koblenz zurück. Über sei-

             nen langjährigen Freund und musikalischen

             Wegbegleiter Theo Mackeben lernt er seine

             spätere Frau Hildegard Risse kennen.

 

1921     Mit finanzieller Unterstützung seines Vaters

             richtet er sich ein eigenes Atelier im Eltern-

             haus in Koblenz ein. Intensiv beschäftigt er

             sich mit der "Technik des Holzschneidens"

             studiert die Werke von Dürer ebenso wie

             die der zeitgenössischen Expressionisten

             und wird nicht müde, "dem sperrigen Ma-

             terial alle Möglichkeiten des grafischen Aus-

             drucks zu entlocken, die in ihm stecken".   

            

Herm Dienz: Drei Frauen

             Gegen Ende des Jahres heiratet Herm und

             Hildegard. Das Paar zieht auf 's Land,

             nach Rossbach, einem abgelegenen Ört-

             chen im Westerwald. Sie mieten sich dort

             ein kleines Anwesen mit Garten. Herm

             Dienz stürzt sich in seine Arbeit. Zunächst

             entsteht der Holzschnitt: "Drei Frauen",

             dem dann eine 13-teilige Zeichnungsreihe

            "Liebe und Tod des Cornets Christoph

             Rilke" folgt. Anschließend schafft er eine

             12-teilige Holzschnittarbeit: "Meier Helm-

             brecht" und sodann, ebenfalls 12-teilig, die "Passion Christi".

Herm Dienz:  12-teilige Holzschnittserie: Meier Helmbrecht

Herm Dienz: 12-teilige Holzschnittserie: Passion Christi

1922     Nach Fertigstellung der beiden Holzschnittserien nimmt Herm Dienz Kon-

             takt zu verschiedenen deutschen Kunstverlegern (Gurlitt, Flechtheim,

             Kiepenheuer etc.) auf, um ihnen seine Holzschnitte zur Veröffentlichung

             anzudienen. Mit großen Erwartungen reist er nach Berlin. Zunächst hat er

             noch mehr oder minder berechtigte Hoffnungen, seine Grafik als Mappen-

             werk oder in Form eines Kunstbandes herausgeben zu können. Doch die

             wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern sich rapide.

             Letzendlich macht ihm die zunehmende Geldentwertung einen dicken

             Strich durch die Rechnung. Was nützt es ihm, dass Kiepenheuer sich das

             Vorkaufsrecht für seine Holzschnitt-Serie Meier Helmbrecht sichern will

             und der Seldwyla-Verlag aus Bern ebenfalls daran interessiert ist, eine

             Auflage von 300 nummerierten Exemplaren vom "Meier Helmbrecht" wie

             auch von der "Passion Christi" zu drucken?. Es ist abzusehen, dass er

             und seine Frau angesichts des galoppierenden Geldverfalls auf keinen Fall

             von den möglichen Erlösen werden leben können. Was bleibt ihm also, als

             die Entwürfe und Andruckblätter noch vor Ort in Berlin an Freunde und

             Bekannte aus Studententagen zu verhökern? Enttäuscht kehrt Herm zu

             seiner Frau Hilde nach Rossbach zurück. Im Oktober wird ihr Sohn

             geboren und in Anlehnung an den von Herm Dienz verehrten Dichter

             Rainer Maria Rilke auf den Namen Georg Rainer getauft.       

Signet: Das Boot

             In Koblenz formiert sich eine Gruppe Künstler, die

             zusammen eine Künstlergemeinschaft unter dem

             Namen: "Das Boot e.V." gründen. Herm Dienz

             ist mit dabei und wird - als juristisch ausgebildeter

             Künstler- zum Vorsitzenden gewählt. Auf seine

             Initiative hin stellt "Das Boot" kurz vor Weihnach-

             ten 1922 erstmals im Kunst- und Möbelhaus Bernd

             an der Koblenzer Löhrstraße aus. Die neue Funk-

             tion als Vorsitzender eines Künstlerkreises prägt

             das weitere Leben von Herm Dienz. Ihm, dem

             nunmehr freiberuflich arbeitenden Profi-Künstler

             wird mehr und mehr bewußt, dass nicht nur die

             Qualität der erzeugten Kunst, nicht nur die Ausstellungs- und Verkaufs-

             möglichkeiten sondern vielmehr die gesellschaftlichen und politischen

             Kontakte und Verbindungen zu den freien - vor allem aber zu den insti-

             tutionellen - Kunstträgern entscheidend für die Bekanntschaft und die

             Durchsetzungskraft eines professionellen Künstlers sind. Herm Dienz

             merkt, dass er in Rossbach im Westerwald weitab vom Schuß ist. Na-

             türlich möchte er dies ändern, allerdings sieht er sich zunächst ge-

             zwungen, mit Frau und Kind in Rossbach zu bleiben. Die Weltwirt-

             schaftskrise und die Inflation macht vor ihm nicht halt. Er erhält aus dem

             Konfektionsgeschäft seines Vaters Hosen, Jacken und Anzüge geliefert,

             die er und seine Frau auf Kommissionsbasis an die Dorfnachbarn ver-

             kaufen oder real gegen Butter, Mehl und Fleisch eintauschen. Zudem be-

             wirtschaftet die Familie ihren eigenen Garten, baut Obst und Feldfrüchte

             an, deren Überschuss zu seinen Eltern nach Koblenz geht und dort ver-

             kauft wird.

1923      Herm Dienz erhält seine erste Einzelausstellung als Profi-Künstler.

              Das Kunstgewerbehaus Schafgans in der Bonner Rathausgasse 14

              präsentiert seinem Publikum insgesamt 63 seiner Arbeiten. Neben

              Ölgemälden und Tuschezeichnungen sind auch die beiden Holzschnitt-

              Serien Meier Helmbrecht und die Passion Christi (s.o) zu sehen. 

              Die Familie Schafgans - (seit 1854 eine Photographendynastie in nun-

              mehr fünfter Generation) ist in Bonn bestens verdrahtet. 

             (Johannes Schafgans (1828-1905); Theodor Schafgans (1859-1907);

              Theo Schafgans (1892-1976); Hans Schafgans (1927) und Boris

              Schafgans (1961).

              Theo Schafgans führt "seinen Schützling" in die aktuelle Bonner

              Künstlerszene ein und Herm Dienz nutzt die Gelegenheit, seine frü-

              heren Studienkontakte, vor allem zu Willy Stucke (sen) und den ver-

              schiedenen Bonner Künstlergruppen aufzufrischen. Als Vertreter der

              Koblenzer Künstlergruppe "Das Boot" findet er bei allen Kollegen

              schnell Gehör.

1924     Nach längerer Verzögerung erscheint (endlich) zur Leipziger Buchmesse

             die Erstausgabe von "Meier Helmbrecht". Der Band wird für die "Gold-

             medaille" des Kunstverleger-Verbandes vorgeschlagen. Auch seine "Passion

             Christi" erscheint in einer Mappenauflage von 2000 Stk. beim Volksverband

             der Bücherfreunde (damaliger Mappenpreis: 6 Reichsmark). Herm Dienz

             verläßt Rossdorf und zieht mit seiner Familie nach Koblenz-Pfaffendorf um.

             Im alten Festungsturm nahe der Moselbrücke übernimmt er die möbilierte

             Wohnung mitsamt dem Atelier des Düsseldorfer Malers Kurt Lahs (1893 -

             1958).       

Herm Dienz: Taormina-Via Timoleone 1925

1925      Herm Dienz unternimmt eine längere,

              von seinem Mäzen Wilhelm Mendel fi-

              nanzierte Studienreise nach Italien.

              Für einige Zeit kann er - befreit von 

              Sorgen - völlig unbeschwert die medi-

              terrane Sonne und Landschaft in sich

              aufsaugen. Nach seiner Rückkehr stellt

              er in der Koblenzer Festhalle seinen

              12-teiligen Siciliana-Zyklus vor.

              Danach holen ihn die Alltagssorgen, 

              vor allem die Sorge um einen gesi-

              cherten, einem Akademikerhaushalt

              gerecht werdenden Lebensunterhalt

              für Frau und Kind wieder ein. Er ent-

              schließt sich, seine Tätigkeit als freier

              Künstler aufzugeben und Kunsterzieher

              zu werden. Er schreibt sich an der

              Düsseldorfer Kunstakademie ein, die

              zum damaligen Zeitpunkt ein gesondertes pädagogisches Begleitstudium

              zur Qualifikation als Kunstlehrer anbietet.

Herm Dienz: 12-teilige Lithoserie Siciliana (1925)

Studienassessor Dr. Hermann Dienz mit seiner Frau Hilde und Sohn Rainer

1927      Herm Dienz legt in Berlin-Schöne-

              feld sein Staatsexamen für das

              künstlerische Lehramt an höheren

              Schulen ab. Ab Oktober 1927 wird

              er als Studienassessor an der städ-

              tischen Oberrealschule am Fürsten-

              wall in Düsseldorf tätig. Von dort

              wechselt er 1928 an die Staatliche

              Aufbauschule in Gladbach-Rheydt.

              1930 wird Dr. Hermann Dienz zum

              Studienrat ernannt. Zwei Jahre

              später (1932) wird er als Kunst-

              lehrer an das staatliche Hohenzollern- und Realgymnasium in Düsseldorf,

              dem heutigen Görres-Gymnasium, versetzt. Dr. Hermann Dienz engagiert

              sich in der Lehrerweiterbildung und wird u.a. Seminarleiter für die Didak-

              tik des Zeichnens am Düsseldorfer Bezirksseminar. Wenig später wird er

              zum (Lehrer-) Fachberater für Rheinland und Westfalen ernannt. Sicher-

              lich ist sein wahrscheinlich 1932 gestellter Aufnahmeantrag in die NSDAP

              sowie seine Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund für seine weitere berufliche

              Karriere hilfreich.

 

1933      Kurz nach Hitlers Machtergreifung ist Dr. Hermann Dienz ordentliches

              Parteimitglied der NSDAP. Die am 19. Aril 1933 verordnete strikte

              NSDAP-Aufnahmesperre wurde auf ihn offensichtlich nicht angewandt.

              Entweder war er schon vor diesem Termin Parteimitglied geworden,

              oder für ihn galt eine der parteiinternen Personalausnahmeregelungen.

              Vermutlich hat Herm Dienz eine (mitwirkende) Rolle bei der 1933

              einsetzenden und 1935 komplett vollzogenen organisatorischen "Gleich-

              schaltung" der "Deutschen Kunst" gespielt. Er hatte sich mit den poli-

              tisch veränderten Verhältnissen "arrangiert" und "willfährig" gezeigt.

              Die NS-Ideologie sah vor, dass die "Deutsche Jugend" durch Lehrer und

              Erzieher umfassend "im völkisch-rassischen Sinne ertüchtigt" werden

              sollte. Entsprechende Organisationsänderungen im Schuldienst wurden

              bereits 1933 eingeleitet und per Erlass sichergestellt, dass "missliebige

              Lehrer" ebenso wie "Nichtarier" aus öffentlichen Positionen ausgeschlos-

              sen werden konnten. Die freiwerdenden Stellen wurden mit "system-

              konformen" Personen besetzt. Ohne seine Mitgliedschaft in der Reichs-

              kulturkammer der Bildenden Künste in Berlin wären die nachfolgenden

              Karrieresprünge von Dr. jur. Hermann Dienz vom Kunstlehrer bis zum

              ordentlichen Professor an der Hochschule für Lehrerbildung nicht möglich

              gewesen.

1936      Dr. Hermann Dienz führt aufgrund seiner bis dahin ehrenamtlich durchge-

              führten Lehrer-Fachberatung erste Gespräche bezüglich eines Wechsels an

              die Hochschule zur Lehrerbildung in Bonn. Seine eigenkünstlerischen

              Ambitionen stehen hinten an und werden ausschließlich in den Schulferien

              realisiert. Herm Dienz malt vereinzelt Aquarelle und Ölbilder, überwiegend

              mit politisch unverfänglichen Motiven (Landschaften und Blumenstillleben).

              In den Sommerferien 1936 reist Herm Dienz auf die Kurische Nehrung nach

              Ostpreussen. Nidden dient ihm als Ausgangspunkt für seine Tagesausflüge.

              Er skizziert die einsamen Strände, den hohen Himmel, Wellen, Meer,

              Fischerboote und Netze. Ungewöhnlich sind zwei Motive, die ihn auch später

              noch stark beschäftigen werden: "Toter Fisch im Sande"  und "Tote Möwe".

1937      Dr. Hermann Dienz erhält einen Vertrag als Lehrbeauftragter für die

              Methodik des Zeichen- und Werkunterrichts an der Hochschule für

              Lehrerbildung in Bonn. Der Lehrauftrag wird wenig später in eine "kom-

              missarische Dozentur in vollamtlicher Anstellung" umgewandelt. Dr. Dienz

              bezieht mit seiner Familie eine alte Gründerzeitvilla in der Kaiser-Friedrich-

              Straße 6 in Bonn. Mit seinen Studenten unternimmt er Studienexkursionen

              nach Nürnberg und München. Hier besucht er "zu pädagogischen An-

              schauungszwecken" unter anderem die Ausstellung "Entartete Kunst" im

              Haus der Deutschen Kunst.

1938      Dr. Hermann Dienz wird zum planmäßigen Dozenten und ordentlichen

              Professor berufen. Seine Antritttsvorlesung hält er über "Die Deutsche

              Plastik am Beispiel des Kaiserdoms zu Bamberg".

1939      Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges wird die Bonner Hochschule für Lehrer-

              bildung geschlossen. Die Lehrveranstaltungen werden eingestellt. Herm

              Dienz wird - inzwischen 48-jährig - als Reserveoffizier zur mobilen Artil-

              lerie /Flugabwehr einberufen. Es folgen Einsätze an der Ost- und Westfront.

              1939 bis 1945

              Über Herm Dienz Kriegseinsätze im 2. Weltkrieg ist wenig bekannt. (In der

              Dissertation von Britta Klöpfer (Philosophische Fakultät der Universität

              Bonn, Bonn 2001) sind zur Biografie des Maler und Graphikers Herm Dienz

              lediglich zwei Fronturlaube (1941 und 1944) vermeldet, die Herm Dienz

              dazu genutzt hat, neben seiner Familie verschiedene Ausstellungen zeit-

              genössischer Künstler in Köln und Bonn (1941) sowie die alljährliche

              "Deutsche Kunstausstellung" im Haus der Deutschen Kunst in München

              (1944) zu besuchen.

Herm Dienz: Flugabwehrkannonen im Nächtlichen Einsatz

1945      Herm Dienz gerät bei der Befreiung Krakaus am 14.1.1945 in russische

              Kriegsgefangenschaft. Vom polnischen Alexandrowice, einem Lager süd-

              lich von Krakau, flieht er aus russischer Kriegsgefangenschaft über Prag

              nach Bonn. Er ist über drei Wochen unterwegs. Unterernährt und ge-

              sundheitlich angeschlagen, kommt er in Bonn an. Von seiner Frau er-

              fährt er, dass ihr Sohn kurz zuvor gefallen ist.

              Am 9. März 1945 marschieren die Amerikaner in Bonn ein. Sie ver-

              wüsten Herm Dienz Wohnhaus in der Kaiser-Friedrich-Straße 6 und

              durchsuchen sein Atelier. Neben einigen Ölbildern gehen vor allem die

              Original-Druckstöcke seiner Holzschnitte unwiederbringlich verloren.

              Wenige Tage später (28. März) rücken die Engländer nach und über-

              nehmen von den Amerikanern die Besatzungsmacht in Bonn.

              Herm Dienz Bemühungen, beruflich als Lehrer bzw. als Dozent

              wieder auf die Füße zu kommen, werden durchkreuzt. Seine Angaben

              bei den Entnazifizierungsbehörden sind wiedersprüchlich. Die entlas-

              tende Behauptung, er sei wegen "entarteter Bilder" aus der NS-Reichs-

              kulturkammer der Bildenden Künste in Berlin ausgeschlossen worden,

              erweist sich nach Prüfung der Aktenlage durch die Entnazifizierungs-

              behörde als unwahr. Zudem bleiben die Rahmenbedingungen sei-

              ner Parteimitgliedschaft unklar. Er wird als "politisch belastet" einge-

              stuft und bis zur Klärung der Sachverhalte vom Schuldienst suspensiert.

              Herm Dienz ist gezwungen, sich beruflich komplett neu zu orientieren.

              Für ihn stellt das zweite Halbjahr 1945 die "Stunde Null" dar.

              Als studierter Jurist legt er Wiederspruch gegen die Entscheidung der 

              Entnazifizierungsbehörde ein, doch wird es 4 Jahre dauern, bis sein  

              Fall zu seinem Gunsten neu entschieden wird und ihm nach 6 Jahren

              eine reguläre Planstelle als Studienrat - er ist da bereits 60 Jahre alt -

              zugewiesen werden kann.

1945      Neuanfang in Bonn: Die Stunde Null

              Herm Dienz zieht persönliche Bilanz. Er versucht, sich seiner diversen

              Begabungen als Schriftsteller, Journalist, Lyriker, Maler, Holzschnitt-

              Künstler, Grafiker, Musiker, Jurist und Lehrer bewußt zu werden, um

              sie in Hinblick auf einen gesicherten zukünftigen Lebensweg bewerten

              zu können. Eine direkte Tätigkeit im Staatsdienst ist ihm zunächst (s.o.)

              verwehrt. Seine Beziehungen in den schreibenden und musikalischen

              Bereich sind auf verhältnismäßig wenige persönliche Freundschaften

              beschränkt. Relativ ausgeprägt ist aber sein institutionell-organisa-

              torisches Wissen im künstlerischen und kunstvermittelnden Bereich.

              Zudem verfügt er - noch aus seinen Zeiten als Vorsitzender der Koblen-

              zer Künstlervereinigung "Das Boot" über gute Kontakte zur Bonner

              Künstlerschaft. Von irgend etwas muss er ja leben und so beschließt

              Herm Dienz, privaten Kunstunterricht in seinem notdürftig wiederher-

              gestellten Atelier in der Kaiser-Friedrich-Straße 6 in Bonn zu geben.

              Zudem betätigt er sich als freiberuflicher Maler - zunächst nur mit der

              eher psychologischen Zielsetzung, sich seine einschneidenden Kriegs-

              erlebnisse von der Seele zu malen.

              Zweimal wöchentlich gibt er einer kleinen Gruppe von privaten Zeichen-

              und Malschülern individuellen Unterricht. Einer seiner Schüler ist Hans

              Dotterweich, den er schon vor dem Krieg als Kunstpädagogik-Studenten

              in der Hochschule für Lehrerbildung in Bonn kennengelernt hatte. Hans

              Dotterweich zählt zu den "Künstlern der ersten (Nachkriegs-) Stunde

              in Bonn" , zu denen damals auch Hans Bauer, Hans Engel, Otto Küppers,

              Paul Magar, Ernst Meurer, Pitt Müller, Willy Stucke (sen), Willy M. Stucke

              (jun) sowie Josef Winter gehören. Willy Stucke (sen) versucht, den vor

              dem Krieg aufgelösten "Bonner Künstlerbund" zu reaktivieren, "...um

              damit die Keimzelle für eine berufständige Künstlerorganisation zu

              bilden, die als erste Maßnahme zunächst nach geeigneten Ausstel-

              lungslokalitäten im zerstörten Bonn suchen soll". Hans Dotterweich

              macht seinen ehemaligen Lehrer Prof. Dr. Hermann Dienz mit allen

              Mitgliedern der Gruppe bekannt. Man versteht sich auf Anhieb und stellt

              schnell fest, gleiche Zielvorstellungen zu haben.

1946      In der Bonner Königstraße 15a wird die "Galerie neue Kunst" eröffnet.

              Diese wird von Fränze Profitlich, der Ehefrau des im zweiten Weltkrieg

              (1942) gefallenen Bonner Malers Matthias Profitlich betrieben.

              Bereits 1924 hatte Fränze Profitlich, damals noch Fränze Meyer-Schrader,

              Herm Dienz den Kontakt zum "Volksverband der Bücherfreunde" ver-

              mittelt, der daraufhin die Mappenversion seiner Holzschnittserie "Passion

              Christi" in sein Verlagsprogramm aufgenommen hatte. Jetzt vermittelt

              Fränze Profitlich ihm anläßlich ihrer Ausstellung "Rheinische Künstler-

              Sektion Köln" den Kontakt zu den Künstlern der "Alfterer Donnerstags-

              gesellschaft". Herm Dienz läd Hubert Berke spontan in sein Atelier ein

              und beide diskutieren leidenschaftlich über die "Möglichkeiten moderner

              Malerei im Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion".

1947      Auf Vermittlung von Herm Dienz, der den "abstrakt malenden" Geschäfts-

              führer des Bonner Kaufhofs über seinen privaten Malunterricht kannte,

              gelang es dem "Bonner Künstlerbund", die leerstehende, 1200 qm große

              oberste Etage des neuerbauten Kaufhofs am Bonner Münsterplatz für seine

              Jahresausstellungen 1947 und 1948 zu akquirieren. Dr. jur. Herm Dienz

              oblag es, die entsprechenden Verträge zwischen der Kaufhof AG, der Stadt

              Bonn (als Förderinstitution und Garantiegeber) und dem "Bonner Künstler-

              bund" als inhaltlich verantwortlichem Ausrichter der Ausstellungen unter- 

              schriftsreif aufzusetzen.

              Herm Dienz Wege in die Abstraktion

Abb. links:                                           Abb. rechts:

             Herm Dienz "Die Schaukel"      Jean Honore Fragonard "Die Schaukel"

             (1946)                                    (1732-1806)

 

             Ein typisches Bild aus der unmittelbaren Nachkriegszeit: Herm Dienz

             übernimmt ein bekanntes und beliebtes Bildmotiv (hier von Jean Honore

             Fragonard: "Die Schaukel") und transformiert das Bildmotiv in seinen

             eigenen momentanen Malstil. Häufig wählt er aber auch den umgekehr-

             ten Weg: Er stellt ein eigenes Bildmotiv im Stile eines modernen, zeit-

             genössischen Künstlers dar, transformiert also einen (fremden) Malstil

             auf sein Bildmotiv. Diese Vorgehensweise wählt er vor allem dann,

             wenn seine eigenen Bildmotive aus einer urprünglich wiedererkennbar

             figurativen in eine abstrakte Darstellung übergehen.

             Ein besondere Reiz liegt für Herm Dienz darin, auf diese Weise verschie-

             dene Bildstile bekannter (aktueller) Maler "zu sammeln" und diese

             dann durch das Stilmittel der Analytischen Variation soweit aufzulösen,

             dass eine selbständige stilistische Weiterentwicklung zu erkennen ist.

             Herm Dienz legt Wert auf die Feststellung, dass sein persönlicher Dar-

             stellungsstil nie festgefügt, sondern stets wandelbar ist. Insofern gibt es

             keine typischen Herm Dienz Werke, die über einen längeren Zeitraum

             an ihrem Stil oder einer Herm Dienz spezifischen Handschrift erkennbar

             wären.

             Beispiele für Analytische Stilvariation 1946

             Beispiele für Analytische Stilvariation 1947

              Beispiele für Analytische Stilvariation 1948

             Beispiele für Analytische Stilvariation 1949

              Beispiele für Analytische Stilvariation 1950

1948      Herm Dienst tritt dem "Bonner Künstlerbund e.V." als Mitglied bei. Auf

              der Mitgliederversammlung wird Willy Stucke (sen) zum Vorsitzenden

              und Prof. Dr. Herm Dienz als Schriftführer in den Verwaltungsrat des

             "Bonner Künstlerbundes" gewählt. Herm Dienz lernt in dieser Funktion

              die ganze Breite des Kunstgeschehens im Nachkriegsdeutschland

              kennen. Nach eigenen Angaben stellt er in seiner Funktion als Bildender

              Künstler eine Art "Reflektor" der zeitgenössischen Kunstströmungen dar.

              Er lernt viele Künstler in der Folgezeit persönlich kennen, sieht viele

              ihrer Werke, analysiert sie mit den Mitteln der von ihm entwickelten

              Analytischen Stilvariation und erarbeitet sich ein profundes Wissen

              über "moderne" Malerei, insbesondere über die Grundlagen und die

              Philosophie der künstlerischen Abstraktion. Die Erkenntnisse setzt

              er reflektorisch in eigenen Arbeiten um (Beispiele siehe oben).         

              Neben seiner privaten Malschule tragen zunehmend "freie" Vorlesungen,

              Einladungen zu Diskussionsveranstaltungen, Referate und Gastvorträge

              (unter anderem in britischen Kultureinrichtungen wie der Bonner 

              "Brücke" etc.) zur Sicherung seines Lebensunterhaltes bei.

              Seine Heimatstadt Koblenz, später auch die Städte Duisburg und Darm-

              stadt zeigen in ihren Museen Werke, die seine künstlerische Entwicklung

              vom expressionistischen Holzschnitt bis zur abstrakten Moderne exem-

              plarisch aufzeigen.

1949      Dr. jur. Hermann Dienz wird auf Beschluß des Entnazifizierungs-Beru-

              fungsausschusses des Regierungsbezirkes Köln vom Vorwurf der poli-

              tischen Bedenklichkeit infolge seiner parteipolitischen Tätigkeit während

              des Dritten Reichs freigesprochen. Er darf wieder unterrichten. Ihm wird

              übergangsweise eine Zeichenlehrerstelle am Städtischen Gymnasium in

              Siegburg angeboten. Herm Dienz löst seine private Malschule auf und

              nimmt die Zeichenlehrerstelle in Siegburg an. Seine Lehrauffassung ist

              - wohl wegen seiner "unkonventionellen" Unterrichtsformen und seiner

              Überzeugung - Kunst könne mit Schulnoten unmöglich bewertet werden - 

              nicht unumstritten.

              Zusammen mit dem bekannten Bonner Kunsthistoriker Prof. Dr. Heinrich

              Lützeler gelingt es ihm, praktische Kunstkurse im Rahmen des fakultativ

              angebotenen "Studium Universale" an der Universität Bonn einzurichten

              und die teilweise mehrsemestrige Kurse ausnahmsweise auch für ex-

              terne Gasthörer zugänglich zu machen. Das Angebot spricht sich unter

              der Hand in den Familien der Universitätsangehörigen schnell herum und

              schon bald sitzen und arbeiten mehr externe Gasthörer und Gasthörer-

              innen in den Kursen als eingeschriebene Studenten. Die Bonner "Bil-

              dungsbürger" hungern nach dem Krieg geradezu nach einer kulturellen

              Betätigung und so sieht man sich seitens der Universität gezwungen, das

              Kursangebot nach und nach wieder auf Universitätsstudenten zu be-

              schränken.         

              Der Kunstfunktionär Herm Dienz

1951       Herm Dienz erhält eine Planstelle als Studienrat in Siegburg. Die Be-

               amtung sichert ihm einerseits den Lebensunterhalt und läßt ihm anderer-

               seits genügend Freizeit, um seiner Berufung als Bildender Künstler nach-

               zugehen. Herm Dienz bekommt auch als "Kunstfunktionär" in den Folge-

               jahren viel zu tun: Der Vorsitzende des "Bonner-Künstlerbundes" - Willy

               Maria Stucke (jun)- löst den Künstlerverband mit Unterstützung des

               Verwaltungsrates aus Protest gegen die seitens der Stadt Bonn nicht

               eingehaltenen Zusagen zum Bau einer städtischen Kunsthalle, auf.

               Um die Bonner Künstlerkollegen bei der Stange zu halten, trifft Herm

               Dienz sich nun regelmäßig in der Bonner Künstlerkneipe "Zur Kerze" mit 

               ihnen. Die "Kerze" ist ein schummriges Kellerlokal, das von Emmy

               Meurer, der zweiten Ehefrau des Bonner Malers Ernst Meurer und deren

               Bonner Künstlerfreunden eingerichtet und geführt wird. Emmy Meurer

               hat von der Stadt Bonn nach einigem Hin- und Her eine Schankerlaubnis

               bekommen. Bis November 1953 bleiben die Bonner Künstler ohne jeg-

               liche berufsständige Vertretung, dann wird eine  "Arbeitsgemeinschaft

               Bonner Künstler" gegründet. Zum 1. Vorsitzenden wird Willy Maria

               Stucke (jun), zum 2. Vorsitzenden Herm Dienz und zum Schriftführer                Hans Dotterweich gewählt.

               Im November 1955 geht die "Arbeitsgemeinschaft Bonner Künstler"

               durch Umbenennung in die "Künstlergruppe Bonn" über. Formal wird

               die Satzungsänderung allerdings erst am 9. August 1957 im Vereins-

               register eingetragen.

Mitte: Herm Dienz (stehend); links (sitzend): Hans Dotterweich; rechts: Dr. Walter Holzhausen

1952      Herm Dienz verhandelt mit

              dem damaligen Leiter der

              Städtischen Kunstsammlun-

              gen Dr. Walter Holzhausen,

              um alternative Ausstellungs-

              möglichkeiten für die Bonner

              Künstler zu erwirken. Zudem

              vereinbaren sie die Fort-

              setzung der "Kunst am Bau-

              Aktion", die eine Beteiligung

              der (organisierten) Bonner

              Künstlerschaft an den kom-

              munalen Bauprojekten ihrer

              Stadt vorsieht. In den Folgejahren werden regelmäßig Wettbewerbe zur

              künstlerischen Gestaltung der öffentlichen Verwaltungen, des kommu-

              nalen Wohnungsbaus, der Bonner Schulen, Sportanlagen, Schwimm-

              bäder etc. ausgeschrieben und an die Bonner Künstlerschaft weiter-

              gegeben. Auch Herm Dienz profitiert von diesen Regelungen. Er erhält

              u.a. Planungs- und Organisationsaufträge zur Ausrichtung überregionaler

              Kunstausstellungen in den provisorischen Räumen der Städtischen Kunst-

              sammlungen Bonn, zur Gestaltung eines Wandbildes für die Bonner

              Münsterschule (1953), für Bonner Universitätsinstitute (1954, 1955)

              und für die repräsentative Ausstattung städtischer Ämter (Standesamt

              Bonn etc.)

1953      Initiiert von seinem Künstlerkollegen Leo Breuer, der seit seiner Flucht vor

              den NS-Schergen und seinem anschließenden Exil in Frankreich sowohl in

              Paris, wie in Bonn ein Atelier unterhält, reist Herm Dienz zusammen mit

              Hans Dotterweich nach Paris, um als deutscher Gast im 8. Salon des

              Realites Nouvelles die Position der deutschen Nachkriegsmalerei zu ver-

              treten. Die Ausstellung "öffnet ihm die Augen", merkt er doch, dass für

              deutsche Künstler noch ein großer Nachholbedarf - bezogen auf das franzö-

              sische Informell - besteht. 

1956      Herm Dienz quitiert - kurz vor seiner offiziellen Pensionierung - den

              Schuldienst in Siegburg. Seine bisher nebenberuflich betriebene Tätig-

              keit als "Kunstfunktionär" steht "diametral den Zwängen der Schulbüro-

              kratie" entgegen. Er fühlt sich eingeengt und als inzwischen international

              anerkannter Künstler im gymnasialen Schuldienst fehl am Platz.

              In der Folgezeit löst Herm Dienz sich künstlerisch immer mehr aus dem

              Figurativen, überwindet auch die Phase der psychologisch-anmutungs-

              orientierten Bildgestaltung und wendet sich der reinen Abstraktion zu.

              Erneut wendet er das Stilmittel der analytischen Variation an, um die

              Trends und Tendenzen in den Arbeiten seiner (abstrakten) Künstlerkol-

              legen auf seine eigenen Werke zu transformieren. Sein Ruf als abstrak-

              ter Maler festigt sich. Einzelausstellungen in der Bonner Galerie "Vertiko"

              (1958), im Frankfurter "Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath" (1959) und

              eine erste Retrospektive im Städtischen Kunstmuseum Bonn (1959) folgen.

1961     Herm Dienz zieht - körperlich durch einen mehrmonatigen Krankenhaus-

             aufenthalt geschwächt - in die Königsheimstraße nach Bonn-Beuel um.

             Er ist mental angeschlagen und kündigt (nach 13 Jahren) seine

             Mitgliedschaft in der "Künstlergruppe Bonn", weil diese ihm mittlerweile

             zu eigenbrötlerisch und zu inaktiv erscheint und der Bonner Kunstmarkt

             - im Vergleich zu anderen Städten - alles andere als kommerziell tragfähig

             ist. Seine malerischen Aktivitäten stehen für einige Zeit hinten an.

1962     Herm Dienz beginnt die Arbeit an einem autobiografischen Roman "Das

             Gesicht der Säule". Er resümmiert darin seine früheren Erlebnisse und

             Erfahrungen und kommentiert die aktuellen politischen Verhältnisse aus

             seiner Sicht. Die Kuba-Krise spitzt sich zu. Die Welt steht vor dem ato-

             maren Overkill. In letzter Konsequenz setzt Herm Dienz sich für eine

             Überwindung des kalten Krieges, für einen Ausgleich zwischen Westblock

             und Ostblock und für weltweiten Frieden ein.

             1964 unternimmt er seine "Friedensreise". Zusammen mit 300 anderen

             Teilnehmern aus Ost- und Westdeutschland tritt er per Interzonenzug eine

            "Reise des guten Willens" in die Sowjetunion an. Doch vor Ort verhallen

             alle Friedensappelle. Nur wenige hören ihnen zu und auch die erhoffte

             internationale Presseresonanz läßt zu wünschen übrig.

1966      Anläßlich seines 75. Geburtstages richtet die Pariser Galerie "Roland

              Gerad" am Boulevard Saint-Germain 213 eine Einzelausstellung seiner 

              Werke aus. Der Bonner Kunstverein widmet ihm ebenfalls eine Einzel-

              ausstellung (in den Räumlichkeiten der Beethovenhalle) und die Künstler-

              gruppe Bonn trägt ihm die Ehrenmitgliedschaft für seine Verdienste und 

              damit die Rückkehr in den Bonner Kollegenkreis an.

Herm Dienz: Farbfigur (1970)

1971      Nach 10 Jahren in Bonn-Beuel bezieht Herm Dienz sein drittes Bonner

              Refugium, diesmal in einem eigenen Haus in Bonn-Hoholz. Er richtet

              sich dort auch ein neues Atelier ein.

              Zum 80. Geburtstag wird Prof. Dr. Herm Dienz mit einer großen Retro-

              spektive im Rheinischen Landesmuseum Bonn geehrt, zu der ein

              1967 uraufgeführter Tonfilm: "Herm Dienz - Ölbilder und Collagen - eine

              optisch-akustische Interpretation" für das Fernsehen aktualisiert und

              parallel zur Ausstellungseröffnung im WDR ausgestrahlt wird.

1974      Entgegen dem ärztlichen Rat, das Rauchen wegen massiver Durch-

              blutungsstörungen in den Beinen aufzugeben, "qualmt" Herm Dienz

              weiter. Mit einer gewissen Trotzigkeit und einer fast "diebischen Freude

              am Ungehorsam" sitzt er rauchend an der Staffelei in seinem Atelier

              in Bonn-Hoholz und malt an seinen Bildern. 

              Das Mittelrhein-Museum in seiner Geburtsstadt Koblenz richtet 1977 eine

              zweite umfassende Retrospektive seiner Werke aus.

              Ist es die Altersweisheit eines 86-Jährigen, die ihn abgeklärter, ironisch 

              und gleichzeitig spöttisch werden läßt, als er die "Großen" Künstler seiner

              Zeit und deren festgefahrene Erkennungszeichen aus Korn nimmt?

              Antes, Fuchs, Wunderlich, Ücker, Beuys. Alle sind an ihren spezifischen

              Stil, an ihren spezifischen Motive oder an ihren spezifischen Utensilien

              gebunden, um wiedererkennbar zu sein. Er nicht!

              "Ich habe keine Masche gestrickt, meine Arbeit lebt vom Wandel der Kunst,

              von ihrer permanenten Wandlungsfähigkeit".

Abb. links:                                          Abb. rechts:

             Herm Dienz in seinem Atelier          Herm Dienz: ohne Titel (1979)

             in Bonn-Hoholz (um 1975)              (eines seiner letzten Werke)

1980      Die Gesundheit macht Herm Dienz weiter zu schaffen. Im Krankenhaus

              muß ihm ein Fuß infolge der fortgeschrittenen Durchblutungsstörungen

              amputiert werden. Das bricht seinen Lebenswillen. Er verweigert fortan

              jede Nahrungsaufnahme.

              Am 26. August 1980 stirbt Prof. Dr. Ernst Hermann Dienz, genannt

              Herm Dienz, kurz vor Vollendung seines 89. Lebensjahres in Bonn.  

             Die Stadt Bonn hat im Gedenken an Herm Dienz eine Straße in

             Bonn-Buschdorf "Hermann-Dienz-Straße" benannt.

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              Eine umfangreiche Monographie und ein nach Schaffensjahren geordnetes

              Werkverzeichnis der Arbeiten von Herm Dienz ist in der wissenschaftlichen

              Dissertation von Britta Klöpfer aus dem Jahr 2001 enthalten, die über den

              nachfolgenden Button aufgerufen werden kann:

   

                                                  PDF-File

 

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