Hann Trier (1915 - 1999)

Hann Trier

1915     Hans Trier, genannt Hann Trier, wird am

             1. August 1915 als älterer von zwei Söh-

             nen des Postbeamten Hans Trier (sen.)

             und seiner Frau Helene (geborene Hagen)

             in Düsseldorf-Kaiserswerth geboren. Die

             Eltern ziehen im Zuge einer beruflichen

             Versetzung des Vaters von Düsseldorf

             nach Köln um. Hier wächst Hann Trier in

             bürgerlichen Verhältnissen auf.

 

1921     Zu Ostern 1921 wird Hann eingeschult.

             Zu diesem Zeitpunkt ist sein Bruder

             Eduard, der am 4. Januar 1920 geboren

             wird, gerade ein Jahr alt.

 

1925     Hann Trier wechselt nach der obliga-

             torischen Aufnahmeprüfung von der

             Volksschule auf das angesehene hu-

             manistische Gymnasium an der Köln-

             gasse in Köln.  

Hann Trier: Studie eines Freundes und Mitschülers (1932)

1932     Schon während der Schulzeit erstellt Hann

             Trier im Rahmen des Mal- und Zeichenun-

             terrichtes erste Portraitskizzen seiner Mit-

             schüler. Die Blattaufteilung - insbeson-

             dere die Konturlinie des Kopfes und die

             Sitzhaltung - skizziert er mit einem brei-

             ten Zimmermanns-Bleistift vor. Alsdann

             legt er mit sattnassem Pinsel und den in

             einem Sepiaton gemischten Farben sei-

             nes Schulmalkastens die Binnenstruktur

             von Gesicht und Jacke fest. Zuletzt

             schließlich arbeitet er mit braun-schwa-

             zer Deckfarbe die Details der Gestalt 

             aus. Schon diese ersten Skizzen zeigen 

             Hann Triers frühentwickeltes Talent, mit

             reiner Licht-Schattengestaltung aus-

             drucksstarke Bilder zu schaffen.

1933     Kurz vor Ablegung des Abiturs besucht Hann Trier als einer der letzten Aus-

             tauschschüler des Gymnasiums Kölngasse das korrespondierende Schul-

             institut in Frankreich. Sprachen liegen ihm, aber seine Begabungen sind

             schon damals eindeutig dem musischen, vor allem dem künstlerisch-dar-

             stellenden Bereich zugeordnet. Hann kann sehr gut mit Bleistift und Farbe

             umgehen und so ist es ihm ein Leichtes, eine Mappe mit Zeichnungen zu-

             sammenzustellen, um sich an der Kunstakademie Düsseldorf zu bewerben.

1934      Hann Trier wird zum Studium an der Kunstakademie Düsseldorf zuge-

              lassen. Wie alle Studenten muss er zunächst ein darstellendes Grund-

              studium durchlaufen, das traditionell damit beginnt, vorgelegte 

              klassische Skulpturen und Abgüsse griechischer und römischer Götter,

              Dichter, Denker, Philosophen und Feldherren genauestens abzuzeich-

              nen und so neben der reinen Zeichentechnik auch die klassische Kul-

              tur und Geschichte, vor allem aber den menschlischen Körperbau im

              Detail kennenzulernen. Erst danach dürfen selbständig "freie" Natur-

              studien angestellt und malerisch Werke in der Tradition der "Düssel-

              dorfer Malerschule" nachempfunden werden. Nachdem er das Grund-

              studium hinter sich gebracht hat, schreibt sich Hann Trier in das 

              Fachstudium zum Kunsterzieher ein, das neben der "freien Kunst" an

              der Kunstakademie angeboten wird. Mit dessen Abschluß erwirbt der

              jeweilige Absolvent die Voraussetzung für eine spätere Anstellung als

              Kunstpädagoge im öffentlichen Dienst.

 

              Nach Hitlers Machtergreifung entbrennt ein erbitterter Kampf um die

              künstlerische Ausrichtung der Akademie, in deren Folge die freien, an

              zeitgenössisch-internationalen Kunstformen gebundenen "progres-

              siven" Künstler gegen die Verfechter einer neuen "Deutschen Kunst"

              stehen. Die "Progressiven" unterliegen. Die Professoren Paul Klee und

              Ewald Matare werden entlassen. Werner Peiners Professur für Monu-

              mentalmalerei wird im Gegenzug massiv gefördert und als "Hermann-

              Göring-Meisterschule für Malerei" nach Kronenburg in die Eifel aus-

              gelagert (siehe dazu auch Künstlerprofil Otfried Mahnke).

               Inwieweit Hann Triers Studium an der Kunstakademie von diesem

               Richtungsstreit betroffen wird, ist unklar. Es steht zu vermuten, dass

               er eher dem "progressiven" Flügel angehört. Eine politische Betätigung

               ist nicht nachweisbar, zumindest hat sich Hann Trier zu dieser Zeit nicht

               als Anhänger einer bestimmten Richtung öffentlich exponiert. In Köln -

               seiner Heimatstadt - gehört Hann Trier zum Freundeskreis "Amalien-

               schlößchen", einem lockeren Verbund von Künstlern, Literaten, Wissen-

               schaftlern, Fotografen und Kunsthistorikern, die Joseph Fassbender

               (1903 bis 1974) um sich geschart hat. Joseph Fassbender ist 12 älter

               als Hann Trier und sicherlich lebensreifer und erfahrener als der junge

               Kunststudent. Dennoch entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen

               ihnen, die ein Leben lang hält. Joseph Faßbender beteiligt Hann Trier

               - wie auch seine Kölner Künstlerkollegen Jakob Berwanger und Heinz

               Ruland - an seinen typografischen Aufträgen, die er von der Kölner

               Messegesellschaft erhält. Das reicht, um gemeinsam als "kreatives

               Völkchen" über die Runden zu kommen. Es reicht vor allem für die

               "Festivitäten", die man gemeinsam im "Amalienschlößchen", einem ab-

                rissreifen, freistehenden Pavillon direkt an den Bahngleisen des Köln-

                Deutzer Messegeländes feiert. Der Pavillon - liebevoll  "Amalien-

                schlößchen" benannt - ist Joseph Fassbender von Seiten der Kölner

                Messegesellschaft zur Verfügung gestellt worden, damit er dort -

                zusammen mit seinen Helfern - kurzfristig benötigte Schilder und

                Beschriftungen erstellen kann. Es dauert nicht lange und das Ama-

                lienschlößchen" wird zu einem abendlichen Szenetreff "eingeweih-

                ter" Kölner Künstler. Hier darf nach Herzenslust ausgestellt und Neues

                vorgetragen werden. Aktuelle Kunststile, Trends und Aktionen werden

                besprochen. Jeder muss Stellung nehmen. Es wird viel diskutiert und

                debattiert. Joseph Fassbender integriert Hann Trier als Vollmitglied in

                sein "kreatives Amalienschloß-Völkchen".

1936/37  Hann Trier verläßt die Düsseldorfer Akademie und geht nach Berlin,

                um an der dortigen Kunstakademie sein Studium fortzusetzen.

1938       Sein Staatsexamen legt Hann Trier an der Kunstakademie in Berlin ab.

               Kurz danach wird er zum Militärdienst eingezogen. Er wird Mitglied der

               Reichskammer der Bildenden Künste in Berlin.

1939        Wo und in welcher Funktion Hann Trier im Krieg eingesetzt wird, ist

                nicht bekannt. Möglicherweise hat er in einem kriegswichtigen Betrieb

                oder einem Waffenentwicklungsamt in Berlin bzw. im Umfeld von Berlin

                gearbeitet. Dafür spricht, dass er von 1941 bis 1944 vom aktiven Militär-

                dienst freigestellt wird, um als Technischer Zeichner und Entwickler

                weiter zu arbeiten. Danach ist er von 1944 bis 1945 wieder offiziell

                in Diensten des Militärs.

1941        Hann Trier beteiligt sich an der "Großen Deutschen Kunstausstellung

                1941" im Haus der Deutschen Kunst in München mit zwei Zeichnungen.

                Ebenso an der "Großen Deutschen Kunstausstellung 1943" mit einer

                Zeichnung, die er als "Nachrücker" ab dem Herbst 1943 ausstellt.

Hann Trier: Bildnis eines Kameraden (1941); Gereonskirche in Köln (1941) und

                 Wieland und Bodwild (1943);

1945        Das Kriegsende erlebt Hann Trier in Nordhausen in Thüringen. Hier be-

                findet sich seit 1937 ein Rüstungszentrum, in das nach der Ausbomba-

                dierung der Zweigstelle des Heereswaffenamtes in Peenemünde die

                Entwicklung der Vergeltungswaffen V1 und V2  ausgelagert wird. Die

                Baugruppen der V2-Rakete werden bis zum Kriegsende in einem eigens

                ausgebauten Stollensystem in der Nähe von Nordhausen produziert.

                Tausende von Kriegsgefangenen verlieren im Konzentrationslager

                "Dora-Mittelbau" sowie im Stollensytem bei der Produktion der V2

                 ihr Leben. 

1945/46  Hann Trier wird nach eigenen Angaben für eine Spielzeit als Bühnen-

                bildner am 1917 erbauten Stadttheater in Nordhausen tätig.

1946        Hann Trier kehrt mit seiner Familie - seiner Ehefrau und zwei Kindern -

                nach Köln zurück. Die Stadt ist weitgehend zerstört. Die Familie findet in

                der Domstadt keine Bleibe und weicht deshalb ins Umland aus.

                Auf Vermittlung von Anna Fassbender, der umtriebigen Ehefrau seines

                Freundes Joseph Fassbender findet er in Bornheim, einem bäuerlich ge-

                prägten Vorort im Vorgebirge zwischen Köln und Bonn ein Quartier.

                Für einige Zeit wohnt die Familie in einem notdürftig ausgebauten

                Wirtschaftstrakt (Stallungen) von Burg Bornheim.

                Wie viele Künstler ist auch der 31-jährige Hann Trier mittellos. Um-

                fangreichere Wertgegenstände, die er zur Bestreitung des täglichen

                Unterhaltes eintauschen könnte, besitzt er nicht. Somit ist er darauf

                angewiesen, sich mit Aushilfs-,  Wiederaufbau- und Renovierungsar-

                beiten, die er für die umliegenden Bauernbetriebe durchführt, durch-

                zuschlagen. Manchmal kann er auch Portraitzeichnungen gegen Le-

                bensmittel und die Dinge des täglichen Bedarfs eintauschen. Das

                spricht sich herum und bald erhält Hann Trier auch Zeichenaufträge

                von anderen Familien.

Hann Trier: Portraitaufträge /Zeichnungsstudien von Vorgebirgsfamilien

Alfterer Donnerstagsgesellschaft

1946        Zusammen mit Joseph Fassbender nimmt Hann Trier, soweit dies in den

                Nachkriegswirren überhaupt möglich ist, Kontakt zu seinen ehemaligen

                Künstlerkollegen aus dem Freundeskreis "Amalienschlößchen" auf.

                Viele sind im Krieg geblieben und gelten als verschollen, doch es gelingt

                ihnen, den in Merten wohnenden Direktor des Kölner Kunstvereins - Dr.

                Toni Feldenkirchen - sowie den Kustos (und späteren Direktor des Kölner

                Schnütgen-Museums) - Hermann Schnitzler - dafür zu gewinnen, eine

                Künstlerrunde - in der Konzeption ähnlich der des ehemaligen Kölner

                "Amalienschlößchen" - zusammenzutrommeln.

                Man ist sich einig, dass es einfach "notwendig ist, die "Deutsche Kunst"

                hinter sich zu lassen und in irgendeiner Form Anschluß an die inter-

                nationale Kunstentwicklung zu finden. Zudem soll und müssen die nach

                1933 als entartet verfolgten deutschen Künstler rehabilitiert werden."

                Doch dafür muss organisatorisch und örtlich eine Plattform geschaffen

                werden. In Fürst zu Salm-Reifferscheidt und seiner kunstsinnigen Gattin

                findet man "Sponsoren", die ihr Anwesen im Vorgebirge - die Burg

                Alfter - den Künstlern für deren Zusammenkünfte, für Ausstellungen

                und Kunstevents zur Verfügung stellen.

                Mit Hilfe des Alfterer Rechtsanwaltes Wilhelm Weber wird die "Donners-

                taggesellschaft" gegründet. Gründungsmitglieder sind die Maler Joseph

                Fassbender, Hann Trier und Hubert Berke, sowie die Kunsthistoriker Toni

                Feldenkirchen und Hermann Schnitzler. Man trifft sich jeden Donnerstag

                (daher der Name "Alfterer Donnerstaggesellschaft") mit einem Kreis

                gleichgesinnter Künstler aus Köln und Bonn und stellt dem Gründungs-

                gedanken entsprechende Kunstprogramme zusammen.

                Das Programm sieht neben Kunstausstellungen auch Dichterlesungen,

                Musikaufführungen, szenisch ausgespielte Literaturbeiträge und

                kulturphilosophische Vorträge zur modern-zeitgenössischen (Lebens-

                und Kunststil-) Entwicklung vor.          

1947        Hann Trier wird Mitglied der "Neuen Rheinischen Sezession" in Düssel-

                dorf. Zudem tritt er - zusammen mit Joseph Fassbender - dem von Willy

                Stucke (sen.) reaktivierten "Bonner Künstlerbund" bei, aus dem sich

                später die "Künstlergruppe Bonn" formiert. Man macht Bekanntschaft

                mit Dr. Walter Holzhausen, der als Leiter der neuen städtischen Kunst-

                sammlungen in Bonn den geplanten Kunstprojekten der (benachbarten)

               "Alfterer Donnerstaggesellschaft" sehr wohlwollend gegenübersteht und

                eine umfassende "künstlerische Erneuerung" in der bildenden Kunst

                ebenfalls für notwendig hält. Wie dann aber die erste Nachkriegsausstel-

                lung in den Räumen des Bonner Kaufhofes im November 1947 zeigt,

               "ist es mit einer Kunsterneuerung nicht weit her". Es fehlt zunächst an

                allem:

                Kaum ein bildender Künstler lebt in halbwegs gesicherten Verhältnissen;

                die Wohnungssituation ist katastrophal, Atelier- und Arbeitsräume fehlen,

                geeignete Ausstellungsräume erst recht. Von einem geordneten "Kunst-

                markt" kann nicht gesprochen werden. Die wenigen professionellen

                Nachkiegskünstler sind mit wenigen Ausnahmen mittellos und leben "von

                der Hand im Mund". Das Wenige, was sich in dieser Zeit verkaufen läßt,

                sind "schöne Rheinlandschaften" und individuelle Portraits. Was fehlt,

                sind gezielte Anregungen, etwas Neues zu schaffen. Anregungen für

                die Künstler, vor allem aber für das Kunstpublikum. Dabei "giert" das

                kunst- und kultursinnige (Bildungs-)Bürgertum in dieser kargen Zeit

                geradezu nach "geistiger" Unterhaltung. In Bonn hat man die Musik und

                das Theater - und beide dominieren, wie schon zuvor, in dieser Stadt das

                öffentliche Kunstangebot.

                Anders im Vorgebirge. Hier gelingt es Fürst zu Salm-Reifferscheidt, auf

                Anhieb über 150 illustre Gäste (andere Quellen sprechen von über 250

                Gästen) aus Düsseldorf, Köln und Bonn zum Besuch der ersten Abend-

                ausstellung, mit dem programmatischen Titel "Abstrakte Bilder" auf

                Burg Alfter zu versammeln. Dies ist umso erstaunlicher, als man zum

                damaligen Zeitpunkt noch namentliche "Reisegenehmigungen" für den

                zonenübergreifenden Reiseverkehr (französische, belgische und britische

                Verwaltungszone) benötigt. Andererseits - so wird kolportiert - mag

                viele Besucher auch das verhältnismäßig üppige, freie Essen angezogen

                haben, das man auf Burg Alfter vor der Ausstellungseröffnung serviert.

Hann Trier: Aus dem Zyklus: Die Fliegen 1948

                Zwischen 1947 und dem Abflauen der

                Aktivitäten 1950 finden insgesamt 34

                Veranstaltungen statt, mit denen man

                Anschluß an die internationale Kultur-

                entwicklung sucht und tatsächlich auch

                findet.

                Die Kulturzeitschriften "Richmodis" und

                (die Donnerstag-) "Tagebücher" er-

                scheinen. Neben programmatischen Ar-

                tikeln finden sich Lyrik- und Prosa-

                schriften, Vortragsabdrucke, Holz-

                schnitte, Zeichnungen und Mono-

                typien, mit denen z. B. das Jean Paul

                Sartre Stück: "Die Fliegen", Kafkas

               "Die Verwandlung" und "Erstes Leid"

                und Rilkes "Duineser Elegien" illus-

                triert werden. Zum "Tag der abstrak-

                ten Kunst" projizieren die Künstler

                eigens auf Rußplatten gezeichnete

                (holzschnitt-ähnliche) Bilder über den

                Köpfen der Zuhörer im Vortragssaal der Burg Alfter. Tatsächlich gelingt

                es der "Donnerstag-Gesellschaft" und den drei Malern, Fassbender, Trier

                und Berke - zusammen mit den zwischenzeitlich dazu gestossenen

                Eugen Batz und Georg Meistermann (zumindest) im Bereich der Bilden-

                den Kunst einen vielgeachteten Anfangs- und Startpunkt für die moder-

                ne deutsche Nachkriegskunst (vom abstrakten Expressionismus bis

                zum neuen Deutschen Informel) zu setzen.

Fassbender / Trier / Berke: Holzschnitte aus derMappe zu Jean Paul Sartres "Die Fliegen" ; herausgegeben durch die Alfterer Donnerstagsgesellschaft (Schloss Alfter 1948)

                Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat Hann Triers jüngerer Bruder

                Eduard Trier, der als junger Kunsthistoriker bereits vielbeachtete Kunst-

                kritiken für Tageszeitungen und überregionale Zeitschriften wie die

               "Frankfurter Allgemeine" und "Die Zeit" schreibt. Später kuratiert

                Eduard Trier unter Arnold Bodes Regie die documenta II sowie unter

                Werner Haftmanns Regie die dokumenta III in Kassel.

                Die beiden programmatischen Zeitschriften "Richmodis" und "Tage-

                bücher", an denen Eduard Trier (s.o.) als Autor maßgeblich beteiligt ist,

                müssen nach der Währungsreform allerdings wegen zu geringer Auf-

                lagen ihr Erscheinen wieder einstellen.

Hinwendung zur Abstraktion

1947 bis  Aller Anfang ist schwer und es bedarf wohl einer Riesenanstrengung,

1952        um sich als Künstler innerhalb weniger Monate aus der gewohnten 

                Sichtweise des stofflich Realen komplett zu lösen und sich der Ab-

                staktion, dem vermeindlich unstofflich Irrealem zuzuwenden. Ein

                solcher Umbruch kann wahrscheinlich nur in einem Team, respektive in

                einer Gruppe von Künstlern erfolgen. Einerseits muss man als Einzelner

                sicherlich sensibel für Neues und offen für Anregungen sein, anderer-

                seits muss man aber auch genügend "Stehvermögen" besitzen, um das

                tatsächlich Neue so zu umreißen und für sich festzumachen, dass man

                es in einer adäquat neuen Form auf eine Leinwand bannen kann. Das

                ist ein zutiefst kreativer Prozess, der vom steten "Ausprobieren" und

               "Erproben" geprägt ist, bis man genau den Zustand gefunden hat, der

                zu einem künstlereigenen Stil, einer eigenen Handschrift führt. Ein sol-

                cher Prozess kann Jahre dauern. Manche Künstler erreichen das Ziel

                nie, für einige wenige - das sind dann die Genies - ist das Ziel im Nu

                erreicht. 

                Hann Trier braucht fünf Jahre, um seinen Weg in die Abstraktion zu

                finden, um seinen eigenen künstlerischen Stil und seine Handschrift

                in der Abstraktion zu entwickeln. Viele Anregungen, viele Einflüsse

                hat er aufgegriffen und erprobt.

                Da ist einerseits der "synthetische Kubismus" eines Juan Gris, da ist

                die Farb- und Formwelt eines Paul Klee, da sind die dynamischen Bal-

                kenstrukturen eines Hans Hartung, sind die Abstraktionen von Willi

                Baumeister, Bernhard Schultze, Wilhelm Nay und Gerhard Hoehme.

                Alles Künstlerkollegen, die - wie Hann Trier - auf dem Weg in die Ab-

                straktion sind. Sicherlich einflußreicher sind aber seine Malerkollegen,

                allen voran Joseph Fassbender und Hubert Berke, mit denen Ideen und

                Bildumsetzungen er im Rahmen der "Alfterer Donnerstaggesellschaft"

                ständig konfrontiert wird. Die Drei treiben sich gegenseitig an. Jeder ist

                jedem Wegbereiter.

Hann Triers Weg in die Abstraktion: Die Jahre 1947 bis 1952

1952        Hann Trier unternimmt Anfang der 50-er Jahre zahlreiche Studien-

                reisen, die ihn nach Italien, Frankreich, Österreich und die Schweiz

                führen. Was ihn letztendlich bewogen hat, für drei Jahre nach Süd-

                amerika zu gehen, Mexiko, Equador, Venezuela zu bereisen, Freunde

                aufzusuchen und schließlich in Kolumbien - weitab von Deutschland -

                eine Anstellung als Illustrator, Werbegrafiker und Layouter anzunehmen,

                darüber kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Vielleicht muss

                er als Künstler einfach einmal für eine gewisse Zeit mit sich alleine sein.

                In Medellin, Kolumbien, experimentiert er weiter, erprobt das beidhän-

                dige Malen mit zwei Pinseln. Schnell merkt er, dass in diesem Prozess

                der simultanen - mehr oder minder kontrollierten - Pinselbewegung

                etwas Neues, etwas Befreiendes steckt. Etwas, das bei entsprechender

                Ausprägung als neues, abstraktes Formprinzip herhalten kann. 

                Natürlich ist ihm der Tachismus, als ein möglichst ungeplanter - aus der

                rein malerischen Handbewegung heraus initiierter Gestaltungsprozess

                nicht unbekannt. Aber das beidhändige Malen fügt dem Tachismus noch

                ein neues Element hinzu. Das Element der Schwingung, der koordinierten

                Bewegung. Auf diese Bewegung konzentriert sich Hann Trier. Er will die

                Empfindung von Bewegung in reiner abstrakter Form in seinen Bildern

                festhalten. Das ist sein neues abstraktes Formprinzip: Bewegung durch

                Strukturen, Flächen und Farben sichtbar und empfindbar zu machen.

1955        Nach einer ausgedehnten, mehrmonatigen Studienreise durch die USA

                kehrt Hann Trier nach Deutschland zurück. Sein Bruder - Eduard Trier -

                inzwischen ein promovierter Kunsthistoriker, nimmt ihn übergangsweise

                bei sich und seiner Familie in Köln auf, ehe Hann Trier eine Gastdozentur

                für abstrakte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg

                angeboten wird. Die beiden Brüder tauschen sich in der Folgezeit intensiv

                miteinander aus.  Hann Trier positioniert sich - sicherlich nicht ohne den

                sachkundigen Ratschlag seines Bruders - in der westdeutschen Kunst-

                szene als ein eigenständiger Vertreter des Deutschen Informels.

                Mit steigender Bekanntheit erfährt auch sein abstraktes Formprinzip,

                Bewegung durch Strukturen, Flächen und Farben für den Betrachter

                sichtbar und empfindbar zu machen, internationale Anerkennung.

                Hann Triers Werke sind in der Folgezeit auf der dokumenta I (1955); auf

                der dokumenta II (1959) und der dokumenta III (1964) zu sehen.

1957        Hann Trier wird als ordentlicher Professor an die Berliner Hochschule für

                Bildende Künste berufen. Hier lehrt er bis 1980. Unter anderem sind

                Künstler und Künstlerinnen wie Georg Baselitz, Elvira Bach, Hans Jürgen

                Diehl, Johannes Dörflinger und Dieter Kraemer seine Meisterschüler.

                In den frühen 60-er Jahren entdeckt er die historische Ei-Tempera-

                Technik für sich. Er experimentiert mit den Farben, mischt sie sich

                selbst an und "komponiert, arrangiert und choreographiert" sie so,

                dass der Eindruck einer "tatsächlich flächenbewegter Harmonik von

                Struktur, Form und Farbe entsteht." Hann Trier ist auf dem Höhepunkt

                seiner abstrakten Malerei angekommen.

Hann Trier: "Schwimmen" 1963; Eitempera auf Leinwand

1967        Hann Trier richtet sich ein Atelier in Castilglione della Pescaia in der

                Toskana ein. In zweiter Ehe ist er seit 1962 mit der Soziologin

                Renate Mayntz verheiratet, die 1929 als Renate Pflaum in Berlin geboren

                wurde und als Professorin und Ordinaria für Soziologie an der Freien

                Universität in Berlin Karriere machte. (Später wird Renate Mayntz-Trier

                Gründungsrektorin des Max-Planck-Institutes für Gesellschaftsforschung

                in Köln und emeritierte 1997 aus dem Hochschuldienst).

1972         Hann Trier läßt sich in Mechernich-Vollem, einem kleinen, gerade mal

                 100 Bewohner zählenden Ort im idyllischen Veybachtal in der Eifel

                 nieder. Das Atelier in der Toscana behält er bei. Drei namhafte deut-

                 sche Galerien (Neher in Essen, Schlichtenmeier in Stuttgart und

                 Zellermeyer in Berlin) kümmern sich um den Vertrieb seiner Werke.

Das Spätwerk Hann Triers

                 Hann Triers Spätwerk ist - neben seinen (beschwingt-) abstrakten

                 Ei-Tempera-Gemälden durch Aufträge zur Gestaltung großformatiger

                 Decken- und Wandgemälde in öffentlichen Gebäuden und Museen

                 geprägt.

1972/73   Hann Trier führt nach langer Vorbereitungszeit neue Deckengemälde

                 im "Weißen Saal" sowie im Treppenhaus von Schloß Charlottenburg

                 aus. Seine Gemälde ersetzen die im Krieg zerstörten Fresken von

                 Antoine Pesne (1683 - 1757). Erbittert wird zuvor darüber gestritten,

                 ob das Ursprungsoriginal wieder herzustellen sei oder eine komplette

                 Neugestaltung in einem zeitgemäß modernem Stil auszuschreiben sei.

                 Fünf volle Jahre gehen ins Land, ehe Hann Trier die Skeptiker argu-

                 mentativ überzeugen kann und seine eingereichten Entwürfe realisieren

                 darf. Seine Abstraktionen finden in der nationalen und internationalen

                 Kunstkritik einhelligen Beifall.

Hann Trier: Entwurf für ein Deckengemälde (1975)

1977/80    Als "Problemlöser" in Berlin bewährt, erhält Hann Trier weitere Aufträge

                  in Heidelberg und Köln. Für die Rathaushalle in Köln entwirft er einen

                 "freischwebenden Baldachin", den er bis 1980 ausführt.

1984          Es folgt ein großes Deckengemälde im Speisesaal der Deutschen Bot-

                  schaft am apostolischen Stuhl in Rom, das Papst Johannes Paul II

                  persönlich in Augenschein nimmt, um "möglicherweise etwas Ähnliches"

                  zum 1984 erstmals in Rom einberufenen Weltjugendtag in Auftrag zu

                  geben.

                  In Bonn wird der Plenarsaal des Parlaments renoviert. Das Parlament

                  muss übergangsweise in den benachbarten Räumlichkeiten des alten

                  Bonner Wasserwerkes tagen. Hann Trier wird beauftragt, ein Supra-

                  porte-Gemälde für den Eingang des Wasserwerkes zu schaffen.

1985          Das kombinierte Wallraf-Richartz-Museum /Museum Ludwig in Köln

                  erteilt Hann Trier den Auftrag für ein großformatiges Wandbild, das der

                  Künstler im Folgejahr 1986 fertigstellt.

1990          Im Treppenhaus des Von-der Heydt-Museums in Wuppertal wird ein

                  ebensolch großes Wandgemälde des Künstlers montiert. Dort, wo im

                  Jahr zuvor Hann Trier mit dem großen Verdienstorden des Landes

                  Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde. Zum Anlaß seines 75.

                  Geburtstages zeigt das Von der Heydt-Museum eine große Retro-

                  spektive seines Werkes.

                  Hann Trier hat im Laufe seines Lebens zahlreise Ehrungen und Preise

                  erhalten. Die Zahl der Ausstellungen, in denen Werke von ihm - stell-

                  vertretend für die Aufbruchsjahre in der westdeutschen Kunst nach

                  1945 - hängen oder gehangen haben, ist nahezu unüberschaubar groß.

1995          In Zusammenarbeit mit dem LVR Rheinisches LandesMuseum Bonn

                  wird die "Kunststiftung Hann Trier" zur Pflege und kunstwissenschaft-

                  lichen Bearbeitung seines Werkes vom Künstler selbst gegründet.

                  Aktuelle Ergebnisse dieser Arbeit können über die Web-Seite der

                  Stiftung unter www.hanntrier.de aufgerufen werden.

1999          Im Alter von 84 Jahren verstirbt der Maler und Grafiker Hann Trier

                  am 14.Juni 1999 in seinem Haus in Castilglione della Pescaia in der

                  Toskana.

Filmportrait Hann Trier  (YouTube)

               Hochgeladen am 08.04.2009 von Sascha Sonnwald

Titel:       Der Mensch, der denkt, und die Hand, die malt
               Leben und Werk des Künstlers Hann Trier (1915-1999), eines der

               wichtigsten Vertreter der deutschen abstrakten (informellen)

               Malerei der Nachkriegszeit.

               Das Filmportrait wurde im Auftrag der Kunststiftung Hann Trier zum

               90. Jubiläumsgeburtstag des Malers von Ioona Rauschan realisiert.

 

Zur Navigation bitte zum Seitenanfang zurückkehren und die nebenstehende (grau

hinterlegte) Kapitelanwahl benutzen oder klicken Sie die unterstrichenen Stichworte in den Texten an.