Emil Zuppke  (1895 bis 1980)

Portraitfoto Emil Zuppke

1895  Emil Zuppke erblickte am 3.8.1895 als ältester Sohn

          von Emil Zuppke (Vater) und dessen Gemahlin  x

          Zuppke, geborene  y, in Stockach am Bodensee das

         "Licht der Welt". Die Mutter stammte aus Stockach.

          Die Familie des Vaters kam aus Stolp, einer rund

          15.000 Einwohner zählenden Stadt in Pommern. Wie

          in standesbewußten preussischen Familien üblich,

          wurde der jeweils erstgeborene Sohn auf den

          Namen Emil getauft. Emils Großvater- ebenfalls ein

          Emil Zuppke - besaß in Westpreussen ausgedehnte

          Ländereien und bewirtschaftete, zusammen mit

          seiner Frau Wilhelmine Zuppke - geborene Dalüge -

          einen eigenen Guthof im damaligen Konstantowo, Kreis Schwetz (heute das

          polnische Pruszcz). Die Großeltern hatten fünf Kinder: Emil, Rudolf, Herman,

          Ida und Wilhelm Zuppke

vor      Emil Zuppke zieht mit seinen Eltern aus dem baden-württembergischen 

1900   Stockach am Bodensee in's Rheinland. Seine Eltern lassen sich in Siegburg

           nieder (noch unbestätigt).

 

1901   Emil Zuppke wird in Siegburg eingeschult. Dort besucht er wohl ab 1905

           das örtliche, damals von den Benediktinern der St. Michael-Abtei geführte

           (altsprachige) "Gymnasium an der Zeithstraße", das 1980 in "Städtisches

           Anno-Gymnasium Siegburg" umbenannt wurde (unbestätigt).

           Über Emil Zuppkes schulische Leistungen und den weiteren Bildungsweg ist

           nur wenig bekannt. Immerhin muß durch die Schule eine tief religiöse Vor-

           prägung des Jungen erfolgt sein. Schon früh zeigt sich auch sein gestalte-

           risches Talent. Er möchte selbst Lehrer - möglichst Kunsterzieher - werden.

           Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Emil Zuppke noch vor Beginn des 1. Welt-

           krieges sein Reifezeugnis erhalten und im Anschluß daran (möglicherweise)

           an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm Universität in Bonn ein Pädagogik-

           Studium aufgenommen.

1914   Emil Zuppke ist noch keine 19-Jahre alt, als der 1. Weltkrieg ausbricht.

           Sicherlich ist auch er von dem aufkeimenden Patriotismus und der allge-

           mein hochschwappenden Kriegseuphorie im deutschen Kaiserreich beeinflußt.

           Auch er will seine patriotische Pflicht erfüllen und für die "gute Sache" kämp-

           fen. Ob er noch vor seiner Einberufung sein Studium beendete, ist unwahr-

           scheinlich. Möglicherweise hat er aber bereits als angehender Kunster-

           zieher an einer Schule "hospitiert".

?         Er wird zum Wehrdienst eingezogen und an die Front nach Frankreich ge-

           geschickt. Wie so viele andere seiner Kameraden auch, ist er von den an-

           dauernden Stellungskämpfen, die entgegen aller vorherigen enthusiastischen

           Erwartungen kaum Geländegewinn bringen, schnell desillusioniert. 

           Er überlebt - anders als August Macke, der nur sechs Wochen nach seiner

           Einberufung in Frankreich fällt - den Grabenkampf, Er wird "nur" verwun-

           det und in ein Kriegslazarett "verfrachtet". Nach seiner Genesung schickt

           man ihn erneut an die Front. 

1918   Wo und wie der 1. Weltkrieg für Emil Zuppke endet, ist nicht überliefert.

           Am 9.11.1918 dankt der Deutsche Kaiser zusammen mit dem Kronprinzen

           ab. Die Monarchie ist damit zu Ende und die "Gesellschafts- und Kultur-

           strukturen der Wilhelminischen Epoche zur geschichtlichen Makulatur ge-

           worden". Politische Versammlungen, Demos, Unruhen und Lagerkämpfe

           begleiteten den mühsamen Neustart Deutschlands in die "Weimarer

           Republik".    

(?)       In der Folgezeit wird Emil Zuppke als Volksschullehrer in Lannesdorf, einem

           durch die Ansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben stetig anwachsen-

           den Ortsteil der damals noch selbständigen Kommune Godesberg tätig.

           Zu dieser Zeit war jeder Klasse in der Volksschule jeweils ein Klassenlehrer

           zugeteilt, der übergreifend alle Fächer einer Jahrgangsstufe lehrte. Emil

           Zuppkes besonderes Augenmerk galt von Anfang an der Kunsterziehung.

           Er stellt einen Antrag, zukünftig statt als Klassenlehrer als Fachlehrer mit dem

           Hauptfach Kunsterziehung anerkannt und eingesetzt zu werden. Er bewirbt

           sich um eine Kunsterzieherstelle am damals gymnasialen "Deutschen Kolleg"

           - einer sehr angesehenen Privatschule in Bad Godesberg. Eine Zeit lang er-

           teilte er an beiden Schulen "Kunsterziehung".  

1923   Emil Zuppke lernt die Godesberger Lehrerin Anna Maria Weber kennen. Sie 

           heiraten, gründen eine Familie und ziehen in ein Haus im Zentrum von Bad

           Godesberg - unmitttelbar gegenüber dem Godesberger Bahnhof gelegen -

           um. Die Töchter Dietlind und Uta werden geboren.

           Finanziell abgesichert durch seine Arbeit als Lehrer, macht sich Emil Zuppke

           zunehmend auch als bildender Künstler einen Namern. Er zeichnet, malt und

           vervollkommnet vor allem seine technische Ausdrucksfähigkeit in der Anfer-

           tigung von Linolschnitten. Linolschnitte zwingen einen Künstler durch ihre

           Konzentration auf einfache "harte" Kontraste dazu, das darzustellende Motiv

           im Moment der Entstehung "festzufrieren". Eine geschnittene Linie, eine im

           wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen "herausgearbeitete" Kontur oder

           eine erst einmal "freigestellte" Fläche lässt sich so gut wie nicht mehr korri-

           gieren. Anders als in der Malerei, wo man durch Übermalung Veränderungen

           in der Wirkung eines Motivs relativ leicht umsetzen kann, muß beim Linol-

           schnitt von Anfang an "alles sitzen". Das zwingt den Künstler neben einer 

           sicheren Beherrschung der "Schnittechnik" dazu, die Linien- und Flächen-

           kontrast-Wirkung jedes Motivteils schon vor dem eigentlichen Darstellungs-

           prozess im Detail "vor Augen zu haben".  Zudem führen die darstellungs-

           technischen Beschränkungen im Holz- bzw. Linolschnitt zwangsläufig dazu,

           den Motiven eine gewisse Dramatik und "überspitzte" Kontrastdynamik zu

           geben. Was Wunder, dass sich der Linolschnitt insbesondere für einen

          "expressionistische" Darstellungsstil besonders gut eignet.

           Tatsächlich entwickelt Emil Zuppke in der Folgezeit (20-er und 30-er Jahre)

           eine ausgesprochene Meisterschaft in dieser Stilform. Thematisch verbindet

           er (vordergründig) traditionelle Elemente und Symbole aus der christlich-

           sakralen Motivwelt mit zeitaktuellen gesellschaftlich-sozialen Umfeldern.

           Hintergründig macht er damit - teilweise recht drastisch - auf Missstände

           und Fehlentwicklungen aufmerksam:         

expressionistische Linolschnitte

Emil Zuppke: Linolschnitte (obere Reihe links: "Ehe", rechts "Passion II"; untere Reihe:

                       links "Christus und die Stadt", rechts: Ausschnitt aus "Im Zeichen des Kreuzes"

                       (alle im Privatbesitz der Familie Zuppke)

Motivinterpretationen:

  • Ehe = Mann und Frau am Kreuz - Scherbenhaufen und flammende Hölle
  • Passion II = Großstadt-Leiden durch Industrie, Verkehr und Vereinsamung
  • Christus und die Stadt = umgeben von Armut, Gebrechen und Prostitution
  • Im Zeichen des Kreuzes = Macht, Geldgier, Narzismus oder: Reiche und Arme
Emil Zuppke: "Gedankenwelt" (Selbstportrait des Künstlers) wohl um 1925

1926   Der Ort Godesberg - damals noch eine eigene Kommune - wird zum Kurort

           Bad Godesberg ernannt. Im Zuge der Profilierung des Kurortes versuchen

           die damaligen Gemeindeoberhäupter Dr. Falk und Bürgermeister Josef

           Zander, die in Godesberg ansässigen Bildenden Künstler in einem Förder-

           kreis zusammenzufassen, um ihnen entsprechende Ausstellungsmöglich-

           keiten in der Villa Stollwerk in der Kaiserstraße in Bad Godesberg anbieten

           zu können. Man initiiert die Bildung einer Künstlergruppe, die als "Ring

           Godesberger Künstler" bis Mitte der 30-er Jahre und später - nach dem Krieg

          - ab dem 16.10.1947 als Neugründung - nachweisbar ist.

           Mitglieder des "Ringes Godesberger Künstler" sind (vor dem Krieg) neben

           Emil Zuppke u.a. der Theatermaler Alfred Karl Müller, Toni Wolter, Louis

           Zierke, Alexander Fischel, Magda Felicitas Auer und wahrscheinlich auch

           Walter Rath. In den Ausstellungen im Godesberger Stollwerkhaus (Villa

           Stollwerk) ist damals auch Hans - oder eigentlich richtiger - Johan Adrian

           van Voorthuysen  sowie Carl van Ackeren vertreten. Man kann davon aus-

           gehen, dass Emil Zuppke in engem Kontakt zu seinen Künstlerkollegen stand

           und sich mit deren Kunstauffassung und Werken im Detail auseinandersetzte.

Emil Zuppke: "Rhein-dampfer", Linolschnitt

           Die christlichen Thematiken, die Emil Zuppke zuvor

           dazu nutzte, auf seine Art sozialkritische Stellung-

           nahme zu beziehen und auf gesellschaftliche Fehl-

           entwicklungen aufmerksam zu machen, nehmen in

           den expressionistischen Linolschnitten des Künstlers

           nun nach und nach ab. Er setzt sich, wohl beeinflußt

           durch seine Künstlerkollegen im "Ring Godesberger

           Künstler" in der Folgezeit verstärkt mit Landschafts-

           motiven auseinander. Unter anderem taucht nun der

           Rhein, die charakteristische Kontur der Drachenfels-

           Ruine, die Godesburg und andere regionale Sehens-

           würdigkeiten in seinen Werken auf. Meisterhaft ver-

           steht Emil Zuppke es, in dem ihm angestammten

           Linolschnitt-Medium "dramatische" Akzente zu

           setzen. Er erprobt damit neue Ausdrucksmöglich-

           keiten in der Landschaftsdarstellung. Der dunkle

           Qualm des rheinaufwärts dampfenden Rheinschiffes kontrastiert mit den wild

           bewegten Wolken. Die Rauchfahne des Schiffes teilt das Bild in zwei Hälften.

           Sie "lastet" wie ein riesiger Keil auf dem Fluß und verschiebt so den eigent-

           lichen inhaltlich-thematischen Schwerpunkt des Bildes vom Rheindampfer

           auf das dynamische Wolkenbild.

Landschaftsmalerei

 

          Vielleicht mögen es zu einem großen Teil auch die im Alltagsleben immer

          deutlicheren Einflüsse des aufkeimenden Nationalsozialismus gewesen sein,

          die den "malenden Schullehrer" und Kunstpädagogen Emil Zuppke dazu be-

          wogen haben, seine Motive - politisch unverfänglicher - in der Landschafts-

          malerei zu suchen. Nur in der Darstellung der "spirrig" wirkenden Bäume und

          ihres Geästes läßt sich noch eine gewisse "Reminiszenz" an Emil Zuppkes

          expressionististische Linolschnitt-Meisterschaft ablesen, die von ihren linearen

          Flächenabgrenzugen und stark kontrastierenden Bildgegensätzen "lebte" und

          thematisch eine "gehörige Portion Gesellschafts- und Systemkritik" ver-

          mittelte.

1933  Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 beginnt die

          Gleichschaltung der "Deutschen Kunst", deren staatsorganisatorische Basis

          von Joseph Göbbels durch das Reichskulturkammergesetz am 22.09.1933

          geschaffen wurde. Das Gesetz unterteilt die "Deutsche Kultur" inhaltlich in

          verschiedene Zuständigkeitsbereiche, darunter für alle professionellen,

          deutschen Maler und Bildhauer die "Reichskammer der Bildenden Künste" in

          Berlin. Die Reichskammer der Bildenden Künste versteht sich - wie alle

          anderen Reichskammern - als Standes- und Berufsvertretung aller ihr zuge-

          hörigen Künstler.

          Die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer, ist für alle "Deutschen Künstler"

          verbindlich und zwingend vorgeschrieben

          Alle bisherigen Standesorganisationen (inklusive aller freier Künstlergruppen

          und -vereinigungen) werden aufgelöst bzw. zwangsweise in die Reichs-

          kulturkammer überführt. Personen ohne Ariernachweis werden nach und

          nach ausgeschlossen. Zudem werden Künstler und Künstlerinnen ausge-

          schlossen, deren Werke systemkritische Inhalte und/oder "entartete" Kunst

          darstellen. Die entsprechenden Feststellungen werden durch einschlägige

          Gaukammerausschüsse - für Bonn und Bad Godesberg ist die Gaukammer

          Köln-Aachen zuständig - getroffen. Diese entscheiden in der Regel nach

         "Feldbeobachtungen" durch parteilich gebundene "Kunstbeauftragte" in

          Ausstellungen, im Kunsthandel oder durch private Anzeige.

          Anonyme Denunziationen sind an der Tagesordnung und werden von allen

          Künstlern gefürchtet, deren Werke nicht dem "Volksgeschmack" entsprechen.

          Neuaufnahmen in die Reichskulturkammer erfolgen ausschließlich auf Antrag.

1937  Die organisatorische Gleichschaltung der Deutschen Kunst im Sinne einer

         "nationalsozialistisch geprägten Volkskultur" ist weitgehend abgeschlossen.

          Nur diejenigen, die als Mitglieder der Reichskammer der Bildenden Künste

          registriert sind, erhalten fortan staatliche Förderungen, öffentliche Aufträge

          und Ausstellungsmöglichkeiten im deutschen Kunsthandel. Letztentlich be-

          deutet der systematische Entzug der wirtschaftlichen Grundlage ein Berufs-

          verbot für alle "unorganisierten" Künstler in Großdeutschland.

          Inwieweit Emil Zuppke als Gründungsmitglied des "Rings Godesberger

          Künstler" von dieser Entwicklung direkt betroffen ist und demnach offizielles

          Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste wurde, ist unbekannt.

          Wahrscheinlich wurde er hauptberuflich als Lehrer eingestuft und seine

          künstlerischen Ambitionen daher nicht im Sinne eines "professionellen, auf

          Erwerb ausgerichteten Künstlertums" gewertet.

          Anders als seine Künstlerkollegen im "Ring Godesberger Künstler" war er

          damit "außen vor".  Dennoch war es auch für ihn als malenden Kunstpäda-

          gogen oppertun, systemkritische Thematiken und Motive in seinen Werken

          zu vermeiden.

1938  Die Nazionalsozialisten erheben Anspruch auf den Namen des "Deutschen

          Kollegs", das in Bad Godesberg als von Jesuiten geführtes Aloisius-Kolleg,

         - kurz AKO - bekannt ist. Emil Zuppke ist dort als Kunstpädagoge tätig.

          Kurzerhand "liquidieren" die Nazis das Gymnasium. Die Schüler gehen

          größtenteils in die private Ersatzschule, das "Pädagogium Godesberg Otto-

          Kühne-Schule" - kurz "PÄDA" genannt - über. Auch Emil Zuppke wechselt

          damit seinen Arbeitgeber.